Spätestens mit der Reunion von Oasis taucht Manchester wieder auf der musikalischen Landkarte auf. Wie wichtig Musik in dieser Stadt schon immer war, macht eine popmusikalische Entdeckungsreise klar. Und man kann hier lernen, wie Live-Musik weiterleben kann. Plus die besten Tipps für Musiknerds.
Die Libertines spielen in der Albert Hall in Manchester. Carl Barat, der wunderbar gealterte Gitarrist neben Pete Doherty, legt später in einem Club auf, der auch als ein Jugendhaus durchgehen könnte. Die Buben tragen Pilzkopffrisuren, die Mädchen Paillettenröcke. Barat spielt einen Song von The Strokes, als wäre es 2005, er wählt Oasis, als wäre es 1998. „Sally can’t wait“ singen alle im Chor, dann noch ein Lied von den Blossoms, einer der angesagtesten Bands derzeit in Manchester. Einem größeren Publikum wurden sie bekannt, als Rick Astley (ja genau der von „Never gonna give you up“) mit ihnen ausschließlich Songs der Smiths gespielt hat. Auch eine Band, die aus dieser wahnsinnig jungen und trubeligen Stadt stammt.
Emma Fox bietet musikalische Touren durch die Stadt an
Manchester ist eine Musikstadt, immer noch. Emma Fox ist ein wandelndes Musiklexikon – und hat ihre Musikleidenschaft zum Beruf gemacht. Sie bietet Touren durch Manchester an und hat zu gefühlt jeder Häuserecke etwas zu berichten: Man bleibt vor dem Gebäude stehen, in dem die Buzzcocks ihren ersten Auftritt hatten, wo der Proberaum von Oasis war, wo Peggy Gallagher, die Mutter von Liam und Noel, arbeitete.
Die Geschichten über Musik sind immer auch Geschichten von Menschen. Die Musikhistorie von Manchester hat Verbindungen zu Irland, weil „viele von der grünen Insel um 1840 nach England emigriert sind, als es in Irland die große Kartoffelpest gab“, erzählt Emma Fox. Oasis, die Stone Roses und die Smiths, viele Mitglieder der prägendsten Bands haben irische Wurzeln. Fox zählt auf, welche Bands noch aus Manchester stammen: „Bee Gees, 10 CC, Elbow, The Inspiral Carpets.“ Warum aber ausgerechnet Manchester? Wie kommt es, dass hier so viele Bands gegründet wurden, dass ein bestimmter Sound ganze Jahrzehnte prägte?
Warum ausgerechnet Manchester?
„Hier ist die Working Class zuhause. Ganz nach dem Motto ,work hard, play hard’ lebten die Menschen hier auf das Wochenende hin“, so Fox. Freitag- und Samstagnacht waren zum Ausgehen gedacht. „Wir haben hier so viele Live-Musik-Venues mit ganz unterschiedlichen Größen. Als Künstler kannst du hier klein anfangen und wachsen. Und weil wir hier im Norden sind, ist das Leben günstiger.“ Und dann sei da diese Einfach-Machen-Mentalität. Außerdem: Zwischen Liverpool und Manchester war eine Amerikanische Airbase, was auch das Genre von Northern Soul in der Gegend groß machte. Und: „Der Regen ist schuld. Hier verkrümelt man sich zuhause und schreibt Songs.“
Im Zehn-Jahres-Rhythmus passieren wichtige pophistorische Dinge
Selbst Bob Dylan, auch wenn er nicht aus Manchester stammt, ist ein Thema. So bedeutete die Stadt für seine Karriere einen Wendepunkt: 1966 spielte er ein Konzert in der City, die erste Hälfte war er der klassische Folksänger, als der er bekannt war, die zweite Hälfte dann wandelte er sich zum Rockstar und tauschte die Akustikgitarre gegen eine elektrische. „Alle zehn Jahre gab es hier ein wichtiges Ereignis. 1976 waren es die Sex Pistols“, sagt Fox. Und steht vor dem Gebäude, in dem das erste Konzert der Punkband um Johnny Rotten stattfand. Das Ticket kostete 50 Pence, es waren rund 40 Leute vor Ort. Sechs Wochen später dann das zweite Konzert vor 100 Interessierten. „Nach den ersten beiden Konzerten haben sich fünf Bands gegründet“, so Fox. Eine davon waren die Buzz-cocks. Des weiteren waren Peter Hook und Ian Curtis, Morrissey, Mark E. Smith und Mick Hucknall unter den Gästen. Daraus entstanden Joy Division, The Smiths, The Fall und Simply Red. „Dieser Auftritt in der Lesser Hall war ein Wendepunkt in der Geschichte von Manchester“, so Fox.
Im Salford Lads Club gibt es immer noch einen Smiths-Raum, in dem sich sehr verrückte Fans das Ja-Wort geben können.
Dann geht’s im 10-Jahres-Rhythmus weiter: 1986 ein Smiths-Konzert in der Maxwell Hall an der Salford Universität. Weil Tickets illegalerweise über das Toilettenfenster rausgegeben wurden, waren viel mehr Menschen da, als erlaubt. Es gilt als eines der besten Konzerte ihrer kurzen Bandgeschichte. Kurze Zeit später trennten sich Johnny Marr und Morrissey, für manche quasi ein Dreamteam à la Lennon und McCartney. Im Salford Lads Club gibt es immer noch einen Smiths-Raum, in dem sich sehr verrückte Fans das Ja-Wort geben können.
Noch so ein wichtiger Ort: die Hacienda! Nicht nur für Emma Fox eine Zeit lang „der coolste Platz der Welt“, sie war auch Stammgast in dem Laden, der als Drogenhölle zum Sound von Manchester Rave in die Popgeschichte einging, als 1988 Manchester zu „Madchester“ wurde, weil MDMA und Ecstasy ihren Weg von Ibiza ins Vereinigte Königreich fanden und der Sound der Stadt elektronischer wurde. „Für ein paar Jahre waren wir hier die coolsten der Welt“, erzählt die 53-Jährige.
Im Northern Quarter ist Musik immer noch groß. Beziehungsweise wieder. Nach der coronabedingten Pause gibt es immer noch gut 30 Veranstaltungsorte, die fast täglich mit Livemusik beschallt werden. Dazwischen Pubs und Vintage-Klamottenläden, Interieur-Design-Shops und coole Cafés.
Harry Styles ist Geldgeber
Die größte Arena der Stadt, die Coop-Live-Arena, wurde 2024 eröffnet. Einer der Geldgeber ist der etwas außerhalb von Manchester geborene Harry Styles. Von jedem Ticket, das für ein Konzert in der Halle verkauft wird, geht ein Pfund an die Subkultur der Stadt, um diese am Leben zu erhalten.
Eine andere Arena – die AO-Arena – tauchte leider weltweit in den Schlagzeilen auf, als 2017 ein terroristischer Anschlag bei einem Ariana-Grande-Konzert verübt wurde und 23 Menschen starben. „Weil die Biene ein Stadtzeichen ist, hat sich Ariane Grande eine tätowieren lassen. ,Don’t look back in Anger’ von Oasis wurde zu unserer Hymne“, erzählt Emma Fox von der schwierigen Zeit.
Mitten in der Stadt thront das eindrucksvolle Midland Hotel. Oben auf dem Dach hat Liam Gallagher ein Video gedreht, gegenüber die Bibliothek der Stadt, die auch für jede britische Romantic Comedy das perfekte Setting abgeben würde. Hier ist auch die „Music Library“ versteckt, die all die sachkundige Literatur über die Musik der Stadt beherbergt. „Hier wurde ,Dirty Old Town’ von den Pogues geschrieben“, weiß Fox.
Wo werden Oasis 2026 spielen?
Und 2025 ist das große Thema – auch in der Stadt – die Reunion der ewig zankenden Gallagher-Brüder. Emma Fox gibt zu, dass sie, je mehr sie sich mit der Biografie der beiden beschäftigt, ihre Bewunderung und Verständnis für die Band umso größer wird. Die Buben erleben einen schlagenden, saufenden Vater, eine Mutter, die in der Nacht das Nötigste zusammenpackt, um sich mit ihren Kindern eine Zukunft aufzubauen. Emma Fox weiß inzwischen vermutlich so gut wie alles über die Band, sie bringt die Truppe Musiknerds zum wunderhübschen Pub „Peril of the Peek“, wo ein Foto von Noel und Liam entstand, zeigt Proberäume im Boardwalk und erzählt von Alan McGee, einem Hacienda-Fan, der der Manager von Oasis wurde. „Und sie waren für 18 Jahre eine Band“, sagt Emma Fox. „Der Rest ist Geschichte.“ Dazu gehört auch das Jahr 1996: Oasis spielten ihre legendären Konzerte in Knebworth, einem Kaff nördlich von London, vor insgesamt 250 000 Menschen. Es wird gemunkelt, dass sie dort 2026 wieder spielen werden.
Manchester
Anreise
Eurowings fliegt von Stuttgart direkt nach Manchester. www.eurowings.com/
Unterkunft
Prunkvolles Haus mitten in der Stadt: The Midland Hotel (DZ ab 120 Euro, www.themidlandhotel.co.uk)
Whitworth Locke: Hotel in einer ehemaligen Baumwollfabrik aus dem 19. Jahrhundert (DZ ab 100 Euro; www.lockeliving.com)
Shopping und Essen
Das Restaurant Louis (louisrestaurants.com) ist ein gehobener Italiener mit großartigem Ambiente und No-Photo-Regeln. Spieler von Manchester United kehren hier auch gerne ein.
Musiktour
Sehr zu empfehlen: Eine Musiktour mit Emma Fox https://linktr.ee/showmemcr
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