Von Verena Großkreutz

Stuttgart - Da strömt der Nil, da zirpen die Grillen, aus der Ferne ruft der Muezzin, und am Himmel prangt fett ein romantischer Mond: Assoziationen, die sich beim Hören des langsamen Satzes von Camille Saint-Saëns’ fünftem Klavierkonzert geradezu aufdrängen. Saint-Saëns schrieb es 1896 während eines längeren Aufenthaltes in Luxor und Kairo, weswegen das Konzert das „Ägyptische“ genannt wird. Der französische Komponist ist ja hierzulande vor allem durch seinen „Karneval der Tiere“ berühmt. Leider, muss man sagen, denn ein Werk wie das fünfte Klavierkonzert hört man selten.

Traditionell dreisätzig ist es dennoch derart originell, dass selbst versierte Konzertbesucher im Abo-Konzert der Stuttgarter Philharmoniker, die das Werk jetzt im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle aufführten, über die exotische und frei sich entfaltende Klanglichkeit überrascht gewesen sein dürften: Arabesken, spanisch-maurisch inspirierte Rhythmik und Melodik, Pentatonik - alles Klänge, die der reisefiebrige Saint-Saëns während seiner jahrelangen Streifzüge durch die Welt aufgefangen und genial mit dem eigenen Duktus verschmolzen hat. Und der serbisch-österreichischen Pianistin Jasminka Stancul gelang es gemeinsam mit den Philharmonikern wunderbar, die Atmosphäre einer arabischen Nacht am Nil zu evozieren: Der Mittelsatz als orientalische Rhapsodie träumte und schwelgte, Läufe und Arpeggien formte die Tastenlöwin luftig wie feine Schleier. Märchenhaft!

Zurück ins Abendland

Ludwig van Beethovens achte Sinfonie holte einen dann ins Abendland zurück. Diese Sinfonie ist Beethovens heiterste, munterste, witzigste: wegen ihres rhythmisch-metrischen Schabernacks, mit dem der Komponist den auffällig archaisierenden Tonfall dieses Werks ständig ironisch bricht, und weil sie mit Übertreibungen arbeitet, mit kalkuliert einkomponierten „Fehlern“, mit Akzentuierungen gegen den Strich, mit grotesk wirkenden Einsätzen der Instrumente. Des Öfteren scheint es gar, als habe der Komponist kurzfristig die Übersicht über die Dinge verloren. Der britische Dirigent Howard Griffiths behielt sie, er animierte das Orchester, das die zu Beginn gespielten Sinfonischen Variationen „Istar“ von Vincent d’Indy noch vor allem als farbenfrohen Einspieler genutzt hatte, zu Spielfreude und einem sehr transparenten Klangbild. Dank geschmeidiger, federnd-flexibler Phrasierung und Akzentuierungen konnte sich die Sinfonie in ihrer ganzen Explosivität entfalten.

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