Das Schallplattenlabel MPS schrieb in seinem Villinger Tonstudio mit audiophilen Meisterwerken Musikgeschichte. Jetzt ist es zu neuem Leben erweckt.
Die Töne perlen ihm nur so aus den Fingern. Mit Leichtigkeit huscht Monty Alexander über die Tasten. Der agile, 81-jährige amerikanisch-jamaikanischer Jazzpianist ist zum Ausgangspunkt seiner Musikerkarriere zurückgekehrt – in den Schwarzwald nach Villingen. Dort hatte er beim Schallplattenlabel MPS Anfang der 1970er Jahre mit ersten Veröffentlichungen seinen Höhenflug begonnen, der ihn zu einem der herausragenden Pianisten des Jazz machte. Mitte Dezember gab Alexander mit seinem Trio in Villingen erneut ein Konzert, das an die großen Zeiten erinnerte, als er bei der Firma MPS ein- und ausging. Damals spielte er im firmeneigenen Tonstudio etliche Schallplatten ein, dem er jetzt noch einmal, tief bewegt, einen Besuch abstattete.
Spektakuläre Hauskonzerte
Betreiber von MPS war Hans Georg Brunner-Schwer (1927-2004), steinreicher Miteigentümer des Elektro-Konzerns SABA, spezialisiert auf Rundfunk- und Fernsehapparate sowie andere Elektrogeräte. HGBS, wie er genannt wurde, war Hobbypianist und eingefleischter Jazzfan. In seiner Villa veranstaltete er mit Musikern vom Kaliber eines Oscar Peterson oder Monty Alexander spektakuläre Hauskonzerte, die manchmal mitgeschnitten und dann als LP veröffentlicht wurden, wobei die Musiker immer eine fürstliche Gage erhielten. Auch der Duke (Ellington) war einmal zu Gast.
Mit dem ganzen Know-how und der Expertise seines Tontechnik-Betriebs hatte Brunner-Schwer Anfang der 1960er Jahre ein hochwertiges Aufnahmestudio eingerichtet – das Neuste vom Neusten. Der Ort: ein unscheinbares Gebäude in der Richthofenstraße, zehn Gehminuten vom Stadtzentrum und nicht weit von seiner Villa entfernt.
Gleichzeitig gründete er eine Schallplattenfirma, die von 1963 an unter dem Namen SABA erste Veröffentlichungen auf den Markt brachte. Der Verkauf des Mutterunternehmens führte 1968 zur Umbenennung des Labels, das nun unter dem Namen „Musikproduktion Schwarzwald“ firmierte. Kurz: MPS. Rund 500 Langspielplatten gab die Firma in den 15 Jahren ihres Bestehens heraus und erwarb sich den Ruf, eines der maßgeblichen Jazzlabels in Europa zu sein.
MPS deckte das ganze Spektrum des Jazz ab. Da gab es den Swing eines Oscar Peterson oder George Shearing neben dem karibisch angehauchten Jazz von Monty Alexander. Doch kam auch elektrischer Jazzrock zum Zuge, sowie die Freejazz-Avantgarde. Der einflussreiche Chef der Jazzredaktion des Südwestfunks in Baden-Baden, Joachim-Ernst Berendt, zeichnete für diesen Teil des Katalogs verantwortlich – mit Aufnahmen von Sun Ra bis Cecil Taylor und von George Duke bis Wolfgang Dauner.
Exzellent vernetzt, gelang es Berendt, selbst amerikanische Jazzensembles zu Schallplattenaufnahmen nach Villingen zu holen. Auf Tour durch die Bundesrepublik machten die Musiker dann eben noch einen Abstecher ins MPS-Studio nach Villingen. Insgesamt zeichnete der „Jazzpapst” für etwa 130 Produktionen verantwortlich.
Viel Geld ging in die Werbung. Dabei erwies sich die Idee der MPS-Jazzfestivals als besonders wirksam. Unter diesem Titel tourte eine Riege von MPS-Musikern durch die Bundesrepublik. Im Herbst 1971 gastierte die Clarke-Boland-Bigband, das Dave Pike Set, das Wolfgang Dauner Trio sowie die Sugar Cane Harris Group in der Stuttgarter Liederhalle, der Frankfurter Jahrhunderthalle und dem Hamburger Auditorium maximum. Die Leitung der Tournee lag damals in den Händen der renommierten Konzertagentur Lippmann & Rau, die auch die Rolling Stones nach Deutschland gebracht hatte. 1978 führte die Konzertreise sogar bis in die Schweiz und nach Luxemburg.
Exquisiter Klang und neue Wege bei der Gestaltung der LP-Hüllen
Brunner-Schwer gelang es, echte Könner ins Boot zu holen. Der Toningenieur Rolf Donner sorgte zusammen mit Christa Gugeler, einer ausgebildeten Tontechnikerin, für den exquisiten Klang der Aufnahmen, was die Produktionen von MPS in Sachen Tonqualität aus dem Gros anderen Veröffentlichungen deutlich heraushob.
Bei der Gestaltung der Schallplattenhüllen ging MPS ebenfalls neue Wege. Vor allem die Designs von Frieder Grindler, Heinz Bähr, Wolfgang Baumann und Günther Kieser folgten modernsten Kriterien und bestachen durch Fantasie und Originalität. Zusammen mit den kenntnisreichen Linernotes von Autoritäten wie Berendt machte MPS-Schallplatten zu audiophilen Meisterwerken, die selbst Fans und Kritiker im Mutterland des Jazz aufhorchen ließen. Während Berendt mit seinen Produktionen den Finger am Puls der Zeit hatte, schätzte Brunner-Schwer eher die klassische Jazzmoderne. Vor allem Tastenmusiker hatten es ihm angetan, weshalb auch Monty Alexander hoch in Ehren stand.
Mit Friedrich Gulda gelang MPS Ende der 1960er Jahre ein großer Fang. Der Pianostar der klassischen Musik mit Jazzambitionen machte es allerdings zur Bedingung, für seine Aufnahmen im Studio einen Bösendorfer-Flügel zur Verfügung zu haben. Brunner-Schwer zögerte nicht lange. Kurzerhand schaffte er einen „Grand Imperial” an, ungeachtet des astronomischen Preises. Um dieses Piano der Extraklasse ins Studio zu schaffen, musste ein Treppengeländer herausgenommen werden. Nach der Session bestellte der österreichische Tastenstar in Villingen ein Taxi und ließ sich nach Hause fahren – „nach Wien, bitte.”
Einen Bösendorfer im Studio zu haben, eröffnete die Chance, auch andere Piano-Koryphäen nach Villingen zu locken. Im September 1980 nahm Freejazzpionier Cecil Taylor im MPS-Studio auf. Nach Tagen intensivster Vorbereitung, an denen sich der New Yorker stundenlang in Trance gespielt hatte, nahm er in einer dreistündigen Session das Album Fly! Fly! Fly! Fly! Fly! auf, das den Jazz-Avantgardisten einmal nicht durchgehend als Tasten-Wüterich zeigte. Auch die Creme der bundesdeutschen Jazzszene kam bei MPS zum Zug. Neben Albert Mangelsdorff und Volker Kriegel nahm der Stuttgarter Jazzpianist Wolfgang Dauner etliche Platten in Villingen auf, zuvor hatte er schon für das Vorgängerlabel SABA Einspielungen gemacht. Für Dauner kam es einem Ritterschlag gleich, im gleichen „Stall“ mit Jazzgiganten wie Oscar Peterson, Hank Jones oder Bill Evans zu sein.
Inspiriert von den kreativen Explosionen, die in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre Jazz und Rock in neue Umlaufbahnen katapultierten, unternahm Dauner immer gewagtere Experimente. Der Stuttgarter erwarb ein E-Piano, ein Arsenal an Effektgeräten, dazu einen Synthesizer. Mit diesem elektronischen Equipment nahm er 1972 im MPS-Studio das Album Knirsch auf. Mit von der Partie: Drummer Jon Hiseman von der britischen Jazzpopgruppe Colosseum sowie der amerikanische Gitarrenstar Larry Coryell. Die Schallplatte wurde zum Volltreffer. Innerhalb kurzer Zeit waren 12 000 Stück verkauft, was für eine Jazzplatte durchaus ein beachtlicher Erfolg war und Dauner international bekannt machte.
Trotz solcher Erfolge war MPS um einiges überdimensioniert. Vergleichbare Jazzlabels in der Bundesrepublik wie Enja oder ECM kamen mit drei oder vier Mitarbeitern aus, während MPS annährend 20 Angestellte beschäftigte. Darunter litt natürlich die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens, das nur durch die Finanzspritzen von Brunner-Schwer am Leben erhalten werden konnte. 1983 war der Endpunkt erreicht, als der Labelboss den Stecker zog und die Musikproduktion Schwarzwald den Betrieb einstellte.
Auf Schallplatten lebt das Label weiter und ist heute gefragten denn je. Rare MPS-Scheiben wechseln auf Schallplattenbörsen für astronomische Preise die Besitzer. Selbst Re-Issues legendärer Aufnahmen sind seit längerem wieder zu haben. Der britische Star-DJ, Plattenproduzent und Labelbetreiber Gilles Peterson ist einer der größten MPS-Bewunderer. Vor zehn Jahren hat er sogar ein Album mit Jazz aus dem Archiv des Labels veröffentlicht. „In den 70er Jahren war MPS das beste Jazzlabel in Europa,“ schwärmt Peterson. „Es gab niemanden, der der Firma das Wasser reichen konnte, was die Vielfalt und die musikalische Qualität anbelangt. All diese unglaublichen Musiker, die in Villingen aufgenommen haben!” Den Titel des Albums, dessen Cover eine Schwarzwälderin mit dem traditionellen Bollenhut ziert, hat er mit Bedacht gewählt. Magic Peterson Sunshine heißt die Platte. Abgekürzt: MPS!
Die neue Blüte des alten Studios
Seit ein paar Jahren blüht das legendäre Tonstudio unter der Regie eines Vereins wieder auf, der sich um dessen umfangreiche Restaurierung bemüht. So benötigte etwa das große analoge Mischpult, eine Sonderanfertigung von nur zwei Exemplaren, dringend eine Generalüberholung.
In den heiligen Hallen, wo Jazzgeschichte mit Händen zu greifen ist, finden heute wieder regelmäßig Konzerte, Aufnahmen und Workshops statt. Die historische Sammlung wächst kontinuierlich, da frühere MPS-Mitarbeiter dem Vereinsarchiv bedeutende Memorabilien wie Originalentwürfe von Schallplatten-Covers überlassen. Wie es scheint, ist nach mehr als 40 Jahren der kreative Geist von einst ins MPS-Studio zurückgekehrt.