Er hat für großen Ärger gesorgt: der kleine Held der Kinderbücher von Dawn McMilllan. Foto: Dover Publications/Ross Kinnaird

Toby Price wollte seinen Schulkindern in Mississippi am Leseaktionstag eine Freude machen. Er las ihnen ein Bilderbuch vor. Das geriet zum Eklat. Oder zur Farce?

Bücher können Leben verändern. Das versuchen engagierte Lehrer überall auf der Welt ihren Schülern möglichst früh nahezubringen. Für Toby Price, bis vor kurzem stellvertretender Schulleiter der Gary Road Elementary School in Byram im südlichen US-Bundesstaat Mississippi, ist diese Verheißung auf gruselige Weise wahr geworden. Nach 20 Jahren Schuldienst ist ihm gerade Knall auf Fall gekündigt worden – weil er ein in den Augen seiner Vorgesetzten ungehöriges Kinderbuch im Unterricht vorgelesen hat. Als Beispiel für willkürliche Einschüchterung einer sowieso schon durch um sich greifende Zensurforderungen verschreckten Lehrerschaft findet dieser Fall quer durch die USA und darüber hinaus viel Aufmerksamkeit.

Was war geschehen? Anfang März fand in den USA wie jedes Jahr eine „Read across America“ genannte Kampagne zur Leseförderung statt. Auch Price’ Grundschule nahm daran teil, Gäste lasen in Zoomkonferenzen den Kindern etwas vor. In diesem Jahr darf man solche Leseförderungsbemühungen für wichtiger denn je halten. Untersuchungen zeigen: durch Fernunterricht in den Corona-Lockdowns haben die schulischen Leistungen, gerade auch der sechs- und siebenjährigen Leseanfänger, stark abgenommen.

Ein neues Hinterteil

Am 2. März aber kam es in Byram zu einer Panne. Ein gebuchter Lesepate hatte seinen Termin verschwitzt, und die Direktorin der Gary Road Elementary School forderte Price auf, spontan – 15 Minuten Vorbereitungszeit – einzuspringen. Der 46-jährige Price, Vater von drei Kindern, darunter zwei autistische Söhne, griff ins Regal und zog eines der Lieblingsbücher seiner Sprösslinge mit dem Titel „I need a new Butt“ (also: „Ich brauche einen neuen Hintern“) hervor. Das schlanke Bilderbuch erzählt von einem kleinen Jungen, der im Spiegel erstmals seine Gesäßfalte entdeckt und nun glaubt, er habe sich beim Spielen das Hinterteil zertöppert. Wo Ersatz herbekommen?

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Die 240 der Lesung zugeschalteten Kinder waren nach Price’ Einschätzung sehr amüsiert, seine Spontanwahl hatte den erwünschten Erfolg gebracht: Kindern vermittelt, dass Bücher Spaß machen können. Kurz nach der Lesung aber kanzelte die Schulaufseherin des Bezirks den Lehrer ab und verhängte eine sofortige Beurlaubung. Zwei Tage später folgte die schriftliche Kündigung: Price sei schwer von den für Pädagogen gültigen Ethikleitlinien des Bundesstaates Mississippi abgewichen.

Die Säuberungswelle rollt

Erzkonservative Eltern und Politiker versuchen, eine Säuberungswelle in amerikanischen Schulbibliotheken und Lehrplänen ins Rollen zu bringen, ihnen unliebsame Themen und Perspektiven sollen in der Versenkung verschwinden. Wer ihnen dabei in die Quere kommt, sieht sich den heiklen Vorwürfen ausgesetzt, er gefährde Kindeswohl oder spalte die Gesellschaft. An entsprechende Themen – Rassismus und ethnische Spannungen, Homosexualität und Transgenderfragen, die blutige Geschichte der amerikanischen Landnahme, die Widersprüche von biblischer Schöpfungsgeschichte und Evolutionstheorie wagen sich gerade in der Provinz immer weniger Lehrer. Aber um nichts von all dem geht es in „I need a new Butt“.

Das von Toby Price ausgewählte Buch stammt von zwei Neuseeländern, der Autorin Dawn Mcmillan und dem Zeichner Ross Kinnaird. Es treibt bloß fröhliche Scherze in Reimen und Bildern. Der kleine Held fabuliert, ein neuer Hintern könne ja auch bunte Farben haben. Oder Scheinwerfer, Kühlergrill und Stoßstange wie ein Auto. Das Gröbste – und dieses Wort können hier sowieso nur bedenklich Überempfindliche verwenden- findet sich in den Grübeleien des jungen Helden, wie er sich den Hintern wohl gespalten haben könnte. Ob daran, überlegt er mal, ein zu kräftiger Furz Schuld gehabt haben könnte? Dieser Furzwitz wird denn auch ausdrücklich als schwere Verletzung von Price’ Fürsorgepflichten gegenüber den Kindern genannt.

Ein Angebot aus Neuseeland

Im neuseeländischen Original heißt das Kinderbuch wie in Großbritannien auch „I need a new Bum“, man hat das für die US-Aussage an die dortige Umgangssprache angepasst. Beides, Bum wie Butt, sind keine aufscheuchend vulgären Ausdrücke, auch wenn sie beim Konversationsübungsabend in einem Höhere-Töchter-Pensionat des 19. Jahrhunderts nicht hätten vorkommen dürfen. Eigentlich ist Butt die Kurzform von Buttocks (Hinterbacken). Ein Butt selbst ist auch ein Stumpen, ein Kippenstummel etwa oder ein Baumstumpf. Von der Wortwahl in Dawn McMillans Kinderbuch, das seiner Beliebtheit wegen mehrere Fortsetzungen erfahren hat, werden also keine miesen Assoziationen in die Köpfe von ABC-Schützen gepflanzt.

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Toby Price klagt auf Wiedereinstellung. Er macht sich aber Sorgen, wie die künftige Arbeitsatmosphäre wäre, sollte er Erfolg haben. Medien aus dem In- und Ausland kontaktieren ihn, er muss mit seiner Wortwahl vorsichtig sein. Trotzdem kam es im Zug der Berichterstattung über den Eklat – manche meinen auch: über die Farce – zu einem sarkastischen Schlenker. Als das neuseeländische Fernsehen Price interviewte, bot ihm die Moderatorin ganz ernstlich an, doch eine Übersiedlung zu erwägen. Neuseelands Schulen suchten gute Lehrer, da werde er gewiss begehrt sein.

Die Armen und Bedrängten

Die Erschöpften, die Armen, die Bedrängten, die sich danach sehnten, freier zu atmen, sollten doch bitte in die USA kommen, lädt eine Inschrift im Sockel der Freiheitsstatue seit dem Jahre 1903 Einwanderer ein. Die USA als Schutzstatt freien Denkens und liberaler Selbstentfaltung, das ist ein Ideal, dem das Land nie ganz und oft auch schrecklich wenig gerecht wurde. Aber dies bleibt trotzdem das offizielle Selbstbild der Vereinigten Staaten. Nun, im 21. Jahrhundert aber, bieten andere Demokratien den Bürgern aus dem Land der Freiheitsstatue Zuflucht an, sollten sie in Bedrängnis geraten – durch einen Furzwitz zum Beispiel.

Info zum Buch

Ausgaben
Die Bücher von Dawn MacMillan und Ross Kinnaird sind noch nicht auf Deutsch erschienen. Britische und neuseeländische Ausgaben haben Bum im Titel, amerikanische Ausgaben „Butt“, also: „I need a new Butt“, „I broke my Butt“, My Butt is so noisy“. Beim neuesten Buch der Reihe, „My Bum is so cheeky“, wurden gleich zwei Worte amerikanisiert: „My Butt is so silly“. Also Augen auf, um einen Doppelkauf zu vermeiden.