Am 25. März wird Ingo Tannert die Bastler-Zentrale in Stuttgart das letzte Mal öffnen. Im April geht es in Bonlanden weiter. Foto: /Caroline Holowiecki

Nach 70 Jahren in der Stuttgarter Innenstadt wird ein Fachgeschäft für Modellbau nach Bonlanden verlagert. Der Inhaber erklärt, wie sich die Branche verändert hat.

Ingo Tannert entschuldigt sich erst mal für das Chaos, wie er es nennt. „Es war schon schöner gestaltet“, sagt er und blickt sich in seinem Laden um. Kartons stehen im Raum, einige Regale wirken leer. Man sieht sofort: Es tut sich etwas in der Bastler-Zentrale in der Stuttgarter Stadtmitte. Im Fachgeschäft an der Langen Straße gibt es alles, woran Modellbaufans Spaß haben: ferngesteuerte Autos, Flugzeuge und Hubschrauber, allerhand Ersatzteile, Farben, Fachliteratur und mehr. Seit 70 Jahren gibt es den Laden. Ingo Tannerts Vater Reinhard war 1975 als Teilhaber eingestiegen, hatte das Geschäft schließlich 1979 übernommen. Der Sohn ist seit 2011 am Drücker. Nun allerdings steht ein harter Schnitt bevor.

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Die Bastler-Zentrale bricht in der Landeshauptstadt die Zelte ab und zieht nach Filderstadt. Am 25. März wird der letzte Öffnungstag am aktuellen Standort sein. Nach einer kurzen Umzugspause wird am 1. April an der Bonländer Hauptstraße wiedereröffnet. Ingo Tannert erklärt unumwunden: Er wird sein Geschäft verkleinern, von 180 auf 130 Quadratmeter. Zum einen sei die Konkurrenz aus dem Internet sehr groß. Heute sei es kein Problem mehr, direkt in China zu bestellen. Zum anderen sei das Modellbauen nicht mehr so beliebt wie ehemals. „Früher wurde mehr gebaut. Das Hobby wird zurückgedrängt durch die vielen Alternativen“, sagt der 57-Jährige.

Handys fesselten Kinder und Jugendliche

Spielkonsolen und Handys fesselten Kinder und Jugendliche heute mehr als etwa Flugzeugmodelle. Zumal: Das Aufsteigenlassen von Fliegern werde immer stärker reglementiert. „Die Drohnen haben viel durcheinandergebracht“, sagt er. Für manches brauche man heute sogar einen Führerschein. „Das schreckt viele ab, überhaupt anzufangen.“ In den vergangenen Jahren habe er die Verkaufsfläche an der Langen Straße daher immer mehr verkleinert.

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„Stuttgart rechnet sich nicht mehr. In den letzten Jahren ist ein stetiger Rückgang des Kundenstroms festzustellen“, schreibt Ingo Tannert auf seiner Homepage. Zwar verlässt er die Landeshauptstadt mit Wehmut, wie er sagt, dennoch sieht er im Umzug eine Chance. Eine Chance, das Sortiment auf den Prüfstand zu stellen – Material, das Architekturstudenten für den Bau von Modellen brauchen, wird er beispielsweise herausnehmen –, eine Chance, endlich mal eine Mittagspause einzuführen, und auch eine Chance, künftig zur Arbeit zu radeln. Ingo Tannert lebt in Bernhausen. „Ich gehe schon positiv weg. Ich freue mich drauf. Es wird auf jeden Fall spannend“, resümiert er.

Nur nach Stuttgart für die Bastler-Zentrale

Sorgen, den Bezug zur langjährigen Stammkundschaft zu verlieren, mache er sich keine allzu großen. 90 Prozent würden auch nach Bonlanden fahren, glaubt er. „Viele kommen sowieso nur nach Stuttgart, um zur Bastler-Zentrale zu gehen“, sagt er, und Laufkundschaft habe er ohnehin noch nie gehabt. Der neue Standort sei über die B 27 gut erreichbar. Dort könne er zudem erstmals auch vier Kundenparkplätze anbieten.

Ingo Tannert will zudem seinen Onlineshop ausbauen. Auch hofft er, in Bonlanden neue Kundschaft generieren zu können. Vereine hätten bereits Interesse an Kooperationen bekundet. Trotz aller Schwierigkeiten in der Branche, zum Aufhören ist Ingo Tannert noch nicht bereit, wie er sagt. „Ich versuche das. Mir liegt das Hobby am Herzen.“