Atilla Us und Marco Stege im Einsatz am Wirtemberg-Gymnasium. Foto: Lichtgut/Zophia Ewska

Viele Gymnasien in Stuttgart setzen bei der Pausen- und Mittagsverpflegung auf das Ehrenamt. Doch es wird immer schwieriger, genügend Mütter und Väter zu finden, die sich engagieren wollen.

In der ersten Pause ist es voll in der Cafeteria des Wirtemberg-Gymnasiums. Die Jugendlichen schnattern und futtern, tauschen sich über die jüngste Mathearbeit aus und darüber, was es zum Mittagessen gibt. Darum kümmern sich in der Schule in Untertürkheim die Eltern. An diesem Tag stehen drei Mütter und drei Väter in der Küche. Seit 7.30 Uhr haben sie Brezeln mit Butter beschmiert, Brötchen belegt und selbst gebackene Kuchen geschnitten, um ein Vesper anzubieten. Gegen 10 Uhr, wenn der erste Ansturm vorbei ist, geht es ans Eingemachte. Dann müssen die warme Mahlzeit gekocht, der Salat und der Nachtisch vorbereitet werden.

„Mir macht es Spaß“, sagt Felix Böhmerle. „Ich mache das schon gerne. Aber ich mache es auch, weil es notwendig ist“, ergänzt Lea Bolland. Und Marco Stege fügt hinzu: „Ohne Ehrenamt geht eben nichts.“ Iris Schröder findet: „Ich will den Kindern vorleben, dass man sich in eine Gesellschaft einbringen muss. Und ich freue mich, wenn sie ein gutes Mittagessen bekommen.“ Außerdem sei das Kochen eine hervorragende Gelegenheit, Schule und Lehrer besser kennenzulernen.

Dank ihnen bleiben die Jugendlichen am Wirtemberg- Gymnasium nicht hungrig: die Kocheltern Felix Böhmerle, Marco Stege, Atilla Us (hintere Reihe von links) sowie Bianca Bruckner, Iris Schröder, Lea Bolland (vordere Reihe von links). Foto: Lichtgut/Zophia Ewska

Kocheltern gibt es an einigen Stuttgarter Gymnasien, die am Wirtemberg-Gymnasium haben aber eine besonders lange Tradition. Sie feiern in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen. Der Cafeteria-Betrieb sei 1984 aus einer Elterninitiative heraus entstanden, erzählt Corinna Mayer vom Organisationsteam. 2006 wurde die Cafeteria mit professioneller Küche eröffnet. Finanziert hat das die Stadt, betrieben wird sie aber seit jeher ehrenamtlich. Die Schule ist stolz darauf, dass sich so viele engagieren. Etwa 180 Mamas und Papas kochen regelmäßig. Hinzu kommen diejenigen, die in der Organisation helfen oder Kuchen backen. Insgesamt würden sich bei etwas mehr als 800 Schülern etwa 300 Eltern beteiligen, sagt Corinna Mayer.

Doch es wird immer schwieriger, genügend ehrenamtliche Helferinnen und Helfer zu finden. Jedes Jahr verlassen mit den Abschlussklassen mehr Kocheltern die Schule als mit den neuen fünften Klassen nachkommen. „Wir haben im Herbst meistens einige Schließtage, weil wir nicht genügend Leute sind“, räumt Corinna Mayer ein. Das mache man auch bewusst. „Wir wollen dann klar kommunizieren: Ohne Eltern geht es nicht.“ Beispiel dafür ist auch das Hölderlin-Gymnasium. Kurz vor Weihnachten hatte der Rektor Boris Behrens in einer E-Mail an die Eltern angekündigt, dass nach dem Jahreswechsel vorerst kein Essen angeboten werden könne, weil sich niemand gefunden habe, der die Mensaorganisation und/oder Essensausgabe übernehme. Vom 29. Januar an soll es nun wieder ein warmes Mittagessen geben. Man habe schnell eine Lösung gefunden, betont der Rektor. Das Essen an dem Gymnasium im Stuttgarter Norden wird vom benachbarten Pflegeheim geliefert. Dieses benötige aber mehr als eine Woche Vorlauf. Die Aufgabe der Eltern am Hölderlin-Gymnasium besteht darin, die Zahl der Schüler zu erfassen, die mitessen wollen, und die Mahlzeiten auszugeben.

Vorübergehend kein Mittagessen am Hölderlin-Gymnasium

Auch die Pressestelle der Stadt bestätigt, dass es an vielen Schulen Probleme gibt, genügend Ehrenamtliche zu finden. „Daher unterstützt das Schulverwaltungsamt nahezu alle Gymnasien, die nicht offiziell Ganztagsschule sind, finanziell. Dies erfolgt auf freiwilliger Basis“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Meist würden die Fördervereine mit dem Geld Personal auf Minijobbasis einstellen, das den Eltern bei der Essensversorgung helfe. Das können Spülkräfte sein, aber auch ein hauptamtlicher Koch, wie zum Beispiel am Fanny-Leicht-Gymnasium in Vaihingen.

Eltern sind eine „nicht wegzudenkende Unterstützung“

„Wir spüren den Wandel“, sagt Iris Schröder. Früher, als viele Mütter in Teilzeit gearbeitet hätten, sei es einfacher gewesen, Ehrenämter wahrzunehmen. Die Stadt erklärt auf die Frage, ob es noch zeitgemäß ist, dass Eltern für das Schulessen verantwortlich sind: „Viele Schulen im Sekundarbereich legen nach wie vor großen Wert auf das Elternengagement im Bereich der Essensversorgung. Insbesondere an den Schulen, die nicht offiziell Ganztagsschule sind und die Schulen daher die Essensversorgung freiwillig und in Eigenregie organisieren, sind Eltern, Fördervereine und weitere Ehrenamtliche eine nicht wegzudenkende Unterstützung.“

Und wenn diese wegbricht? Dann gebe es zwei Varianten, so die Antwort der Pressestelle: Ist es eine offizielle Ganztagsschule, muss die Stadt das Mittagessen sicherstellen, also einen externen Caterer beauftragen. Ist es keine Ganztagsschule, ist das Mittagessen ein „freiwilliges Angebot“. Dass die Stadt den Essensbetrieb komplett übernehme, sei an diesen Schulen nicht vorgesehen, heißt es in der Stellungnahme. Bislang sei aber kein Fall bekannt, bei dem eine Schule trotz finanzieller Unterstützung und Beratung durch die Stadt das Essen durch ehrenamtliches Engagement nicht mehr habe gewährleisten können.

Essensversorgung an Stuttgarter Gymnasien

Kocheltern
Mittagessen gibt es nach Aussagen der Stadt an allen Stuttgarter Gymnasien. An vielen stellen ehrenamtliche Kocheltern die Verpflegung sicher. Dazu gehören das Fanny-Leicht-Gymnasium, das Geschwister-Scholl-Gymnasium, das Königin-Charlotte-Gymnasium, das Wilhelms-Gymnasium, das Leibniz-Gymnasium und das Dillmann-Gymnasium. An anderen Schulen, wie zum Beispiel am Eschbach-Gymnasium, gibt es einen Caterer, die Eltern unterstützen aber bei der Mittagsversorgung.

Ganztagsschulen
An allen Gymnasien, die per Erlass des Landes Baden-Württemberg Ganztagsschule sind, ist die Landeshauptstadt Stuttgart als Schulträgerin verantwortlich für die Organisation des Mittagessens. Dort wird die Essensversorgung in der Regel öffentlich ausgeschrieben und an einen Caterer vergeben. Dazu zählen derzeit das Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium, das Königin-Olga-Stift, das Wagenburg-Gymnasium, das Zeppelin-Gymnasium, das Paracelsus-Gymnasium, das Solitude-Gymnasium, das Königin-Katharina-Stift und das Schickhardt-Gymnasium.