Foto: Weber-Obrock - Weber-Obrock

„Mit den vielen Blättern ist die Wahl ganz schön kompliziert“, finden zwei 16-jährige Mädchen, die dieses Jahr zum ersten Mal stimmberechtigt sind.

EsslingenMit seiner Kampagne „Mach Dich – Beweg, was dich betrifft“ setzte der Kreisjugendring in den vergangenen Wochen ein Zeichen gegen Frust und Politikverdrossenheit. Die Veranstalter hatten sich zur Aufgabe gemacht, bei Jugendlichen Begeisterung für die Kommunal- und Europawahlen zu wecken. Gezielt warb der Verband für eine hohe Wahlbeteiligung und rief dazu auf, sich in die Politik einzumischen und eigene Interessen einzubringen. Das hatte hohe Relevanz, weil zu den Kommunalwahlen bereits 16-Jährige zugelassen waren. Am Samstag sollte die Aktion mit dem großen Jugendfestival „Mach dich laut“ auf dem Esslinger Stadtstrand ihren Höhepunkt finden. Ein Gewitter, das sich just zu Beginn über der Stadt entlud, bewirkte eine kurzfristige Verlegung ins Jugendzentrum Komma.

Dort startete das Fest mit einer positiven Bilanz des Ersten Vorsitzenden des KJR, Michael Medla, auf dessen T-Shirt gut zu lesen „I am European“ stand. „Mit dieser Kampagne wollen wir ein klares Zeichen für ein buntes, soziales Europa und gegen einen drohenden Rechtsruck setzen“, sagte er und fasste die Aktivitäten noch einmal zusammen. Vier Wochen lang tourte das „Mach dich-Infomobil“ mit einem Infoparcours an Bord von Standort zu Standort im Landkreis und legte dabei 686 Kilometer zurück. 40 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer engagierten sich als Wissensvermittler und brachten Jugendlichen das nicht ganz unkomplizierte Wahlprozedere näher. 29 junge Leute bekannten sich beim Fotoshooting unter dem Motto „Mach dich sichtbar“ mit einem Porträt zu ihren Wünschen an die Politik. Samiras Statement war zum Beispiel: „Ich wünsche mir Toleranz und Gleichberechtigung.“ KJR-Referentin Christine Jung bedankte sich im Namen des Kreisjugendrings bei den Ehrenamtlichen, die einen Riesenapplaus bekamen. Sie waren an ihren „Mach dich“-T-Shirts gut zu erkennen. „Ich bin überzeugt, dass man alle unterstützen sollte, an den Wahlen teilzunehmen“, sagte Philip Mathew, der einen Teil seiner Freizeit in die Kampagne investiert hat. „Schließlich geht es um unsere Zukunft. Da sollten wir das demokratische Privileg nutzen, wählen zu dürfen.“

Nach dem offiziellen Programm gehörte der Abend den DJs und den Bands Revision und Empathy, die es richtig krachen ließen. Für das Essen sorgte die muslimische Frauengemeinschaft. Eigentlich hatten Sina, Anna, Suna und Marie aus Nürtingen ein sommerliches Freiluftspektakel auf dem Stadtstrand erwartet. Den regenbedingten Umzug ins Komma nahmen sie dennoch gelassen. Über die „Mach dich“- Kampagne äußerten sie sich positiv. „Die Wahl ist mit den vielen Blättern ganz schön kompliziert. Da konnten wir Hilfe gebrauchen,“ finden die beiden 16 Jahre alten Mädchen, für die die Kommunalwahl zum ersten Mal zum Thema wurde. Wenn sie sich etwas von der Politik wünschen könnten, wären das in Nürtingen vor allem Plätze, die sich als Treffpunkt eignen. „Die Stadt hat einen Fluss, den man noch attraktiver gestalten könnte.“ Ansonsten sollten Entscheidungen transparenter verdeutlicht werden, denn manchmal habe man das Gefühl, es würden einem in Bezug auf Schul- und Sporthallensanierungen nur leere Versprechungen aufgetischt.

Den Vorwurf, die Jugend sei unpolitisch, lässt auch Michael Medla nicht auf sich sitzen. „Die Kampagne ist im Vergleich zu letztem Jahr hervorragend gelaufen.“ Dass man junge Leute in der Politik ernst nehmen müsse, verdeutliche die Begeisterung, die die Jungwähler mitbrächten. Erschrocken sei er über die weitgehend ausgebliebene Reaktion der älteren Generation auf das millionenfach angeklickte Video des You Tubers Rezo, der scharfe Kritik an der CDU und der Großen Koalition geäußert hatte. „Wenn die Älteren nicht begreifen, dass das Netz der Organisationsraum der Jungen ist, bildet sich eine Leerstelle, die andere politische Kräfte füllen.“

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