Den Indianerkopfschmuck hat er gegen Foto: Reiner Pfisterer - Reiner Pfisterer

Den Indianerkopfschmuck hat er gegen eine LED-Krone eingetauscht, seine unverwechselbare Stimme aber behalten: Sänger Jay Kay von Jamiroquai.

StuttgartWas denn nun? Funk oder Acid Jazz? Gut oder schlecht? An der britischen Funk-Ikone Jamiroquai scheiden sich derzeit die musikalischen Geister. Auslöser ist das aktuelle, achte Album „Automaton“, das erste seit sieben Jahren, das auch nach über einem Jahr Marktreife noch die Gemüter erhitzt. Fachpresse wie Fans sind sich uneins. Die „Zeit“ findet Automaton „nervtötend und ärgerlich“. Jamiroquai habe gleich die Acid-Jazz-Keule geschwungen. Andere professionelle Musikrezensenten hören „formidablen Funk-Pop“ heraus. Ein ähnliches Bild zeigt sich unter den Fans. Reden die einen einem „unfassbaren Niedergang“ das Wort, verorten andere einen geänderten Sound, der derzeit eher im discofunkigen Bereich läge. Und das sei auch gut so.

Entscheidend ist, um die Fußballersprache zu bemühen, bekanntlich auf dem Platz, sprich auf der Bühne. Und da liefern Jamiroquai ab und knapp 6000 Fans feiern die Rückkehr des Space-Cowboys Jay Kay alias Jason Cheetham. Das Gastspiel im Rahmen der Jazz Open ist das erste Konzert in Stuttgart seit sieben Jahren. 2011 gastierten Jamiroquai in der randvollen Porsche-Arena. Diesmal ist der festliche Platz vor dem Neuen Schloss nahezu ausverkauft. Die klanglichen Qualitäten, die die Gruppe Anfang der 90er-Jahre populär gemacht haben, sind wieder in Mode. Und angesichts der Tatsache, dass Jamiroquai vor zwei Jahrzehnten ihren Höhepunkt erreichten, ist das Publikum jünger als erwartet.

Das elektronisch hämmernde Intro lässt schon erahnen, dass es nicht nur musikalisch eine gute Show werden wird, sondern auch eine farbenfrohe. Zwei LED-Leinwände links und rechts der großen Bühne und haufenweise bunt-blendende Scheinwerfer laufen gleich von Anfang an, trotz noch hochstehender Sonne, auf Hochtouren. Alles ist perfekt poliert, während die Leidenschaft sich rhythmisch Bahn bricht, die die Band einst an die Funk-Spitze katapultierte.

Gleich der erste Song „Shake it on“ stammt vom im März 2017 erschienenen „Automaton“. Der komplex und mit Elektrobeats stimmig arrangierte, organische Funk-Track geht nahtlos in „Little L“ über, einer der großen Hits von Jamiroquai. Doch diesen Mix aus neu und alt beenden Jamiroquai sogleich wieder. Später folgt mit „Something about you“ nur noch ein weiterer Automaton-Titel. Ansonsten greift Jay Kay auf seinen glorreichen Backkatalog zurück, insbesondere auf sein drittes Album „Travelling without moving“. Von den insgesamt 15 live zelebrierten Titeln stammen gleich fünf von dem 1996er-Werk, unter anderem „Use the Force“ mit seinen Latin-Anleihen und das wunderschön groovende „Alright“. Der sich anschließende Klassiker „Light years“ von 1995, ein geradezu überbordender, reizüberflutender Funk-Song illustriert gut die Veränderungen von Jamiroquai. Gegenüber solchen Werken, die vor 23 Jahren den Kulminationspunkt der Schaffenskraft markierten, verliert sich die Band neuerdings gerne im elektronisch Unterkühlten.

Das zeigt sich denn auch im Mittelteil des 125 Minuten langen Konzerts. Ausgerechnet beim Oldie „Space Cowboys“, bei „Runaway“ und „Smile“ verliert die Atmosphäre an Konzentration, weil die teilweise effektheischenden Titel partiell eindimensional, glatt poliert, fast blutleer daherkommen. Zu lange und zu eintönig werden die Stücke interpretiert und ufern in unmotivierte Soli aus. Dem Grundgedanken der „Jazz Open“ kommt man in diesen Minuten zwar am nächsten, allerdings wollen Nähe und Gefühl bei dem experimentellen Mix aus Easy Listening Music und Jazz-beeinflusster Chillout-Musik nicht so recht aufkommen.

Mit einem vierblättrigen Kleeblatt zum Ende des regulären Sets spielen Jamiroquai dann jedoch vier Asse aus. Eine stürmische Version des Weltraum-Klassikers „Cosmic Girl“, das extravagante „Travelling without moving“, das energiegeladene „Canned Heat“ und das soulige „Love Foolosophy“ verwandeln die Menge endgültig in ein Meer aus tanzenden und wogenden Körpern. Stillstehen oder Stillsitzen inmitten dieser nunmehr faszinierenden Melange aus Grooves und Moves, funky Oldschool Sounds und Acid Jazz-Anleihen, Disco Burner und Seventies Rock ist unmöglich.

Die Songs klingen immer noch brillant. Und die Marke Jamiroquai ist intakt. Das gilt auch für die zehnköpfige, versierte Band. Sie überzeugt durch große Spielfreude, Präzision und die Lust an der Überwindung musikalischer Grenzen, allen voran Bassist Paul Turner und Gitarrist Rob Harris. Die groovigen elektrischen Basslinien, vermengt mit gewohnt funkiger Gitarre und fließenden 80er-Jahre-Synthesizern sorgen gegen Ende sogar für Gänsehaut.

Und Frontmann Jay Kay? Der 48-Jährige, in Stretford geborene Mann braucht eine längere Anlaufphase. Leicht fülliger ist er geworden, trägt eine weiße adidas-Trainingsjacke, weiße Handschuhe, eine blaue Homesuithose und blaue adidas-Sneaker. Doch wirklich auffallend ist seine weiße LED-Kopfbedeckung, die er gegen früher getragenen Indianer-Kopfschmuck eingetauscht hat. Der Sonic-artige Helm, dessen Stacheln denen eines Gastonia-Dinosauriers nicht unähnlich sind, leuchtet in unterschiedlichsten Neonfarben, derweil der zu Beginn recht wortkarge Jay Kay darunter seine charakteristischen Körperbewegungen vorführt, die erst zu Konzertende in sich drehende und wirbelnde Body-Pop-Moves übergehen.

Dafür glänzt der Mann aus Lancashire von Beginn an mit seiner unverwechselbaren, gefühlvollen Stimme. Er hat nach wie vor eine der besten Soulstimmen seiner Generation. Dazu pulsieren die Lichter im Rhythmus, die Bühne ist in Rot und Violett getaucht und Laser huschen um das Bühnendach. Nach „Love Foolosophy“ bleibt die Band gleich auf der Bühne, um dann noch eine Zugabe anzustimmen: das mitreißende „Virtual Insanity“, den wohl bekanntesten Track der Band.

Jamiroquai sind 25 Jahre nach dem Start noch immer ihrem Spiel voraus und ihre Rückkehr ist mehr als willkommen. In diesen unruhigen Zeiten ist die britische Band ein perfektes, lebensbejahendes Gegenmittel. Egal ob mit Acid-Jazz getränkt oder mit Funk. Oder, um die Eingangsfrage zu beantworten, mit beidem wie bei den Jazz Open.

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