Von Petra Kaminsky

Der rosarote Einband macht das Buch zum Hingucker. Der griffige Titel klingt aufreizend: In „Future Love“ geht es um nichts Geringeres als die Zukunft von Liebe, Sex - und, ja, auch von Familie. Autor ist der Trendforscher Matthias Horx. Wobei seine Branche in dem Ruf steht, mit zugespitzten, manchmal eher ­oberflächlichen Thesen für Aufmerksamkeit zu sorgen. Doch wer Horx’ 300-Seiten-Werk zu lesen beginnt, könnte überrascht werden: einerseits von der Vielzahl an privaten Episoden über Partnerschaft und Freundschaft. Anderseits von der Tiefe, mit der Horx Studien über Liebe, Bindung und Trennungen komprimiert wiedergibt. „Ich möchte, dass meine Leser auch meine innere Motivation spüren können“, sagt der 62-jährige Zukunftsforscher zu seinen privaten Anekdoten. „Ich schreibe seit vielen Jahren alle meine Bücher auch teilweise aus persönlicher Sicht. In ‚Future Love‘ beschreibe ich die Wohngemeinschafts-Experimente meiner Biografie als die Suche einer Generation nach neuen Formen von Familie und Gruppen-Geborgenheit.“

Hat die Ehe Zukunft?

Im ersten Teil der Buches beleuchtet Horx frühere und aktuelle Liebeskulturen. Er referiert ebenso verständlich wie unterhaltsam, auf welche Weise Ich-Bezogenheit und romantische Ideen vom ­Dauerglück, Patchworkfamilien, Internet-Partnerbörsen, Trennungsdramen sowie der Druck, erotische und emotionale Höchstleistungen zu bringen, zusammenhängen. Im zweiten Teil richtet der Autor den Blick in eine mögliche Zukunft. Er stellt Fragen wie „Hat die Ehe eine Zukunft?“. Antwort: Ja. In vielen westlichen Ländern sinken die Scheidungsraten sogar. Doch womöglich wandelt sich die Institution. Vielleicht, gibt der Autor zu bedenken, könnten neue Formen von Partnerschaftsverträgen, die zum Beispiel nur bis zum Auszug der Kinder laufen und auch Sex-Fragen regeln, eine Option sein?

Der Prognose-Teil mit mehreren Trend-Szenarien ist zwar weniger präzise und überzeugend als die vorausgegangene Analyse. Trotzdem stecken darin spannende Denkanstöße. So zum Beispiel die Überlegung, in welchem Maß Sexroboter und digitale Avatare, also Kunstfiguren der Internetwelt, Liebessehnsüchte befriedigen können. Für Horx scheinen sie keine Lösung, „sondern eine Flucht in erotische Prothesen, die es in der einen oder anderen Form immer schon gab. Sie sind Fluchtwege aus der Liebe“, erläutert er. „Man kann am Beispiel Japan allerdings sehen, dass die Digitalisierung und Virtualisierung von Erotik eine ganze Gesellschaft erfassen und verändern kann. In Japan haben sich die Geschlechter massiv voneinander entfremdet, und das „digitale Outsourcing des Sex“ ist in vollem Gang“, sagt Horx. „Fast jeder junge Mann hat dort einen Liebes-Avatar auf seinem Smartphone, und sie bekommen im Prostitutionsbereich alle Varianten von Sex und Zuneigung, inzwischen auch Sex mit animierten Puppen angeboten.“

Daraus schließt er: „Es kann also durchaus sein, dass eine große Gruppe frustrierter, einsamer Menschen sich tatsächlich irgendwann in eine Welt der künstlichen Erotik flüchtet. Aber das wird, da bin ich sicher, gleich wieder eine Gegenbewegung in Richtung auf Romantik und ‚Echtliebe‘ hervorrufen. Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend.“ Insgesamt geht der Autor davon aus, dass in unserer Liebeskultur auch vieles beim Alten bleiben wird. Wobei die Vielfalt der Formen, die nebeneinander existieren, weiter steigen dürfte. Hierzu gehören nach Einschätzung von Horx der verstärkte Einzug der digitalen Technik in Liebesdinge, mehr und ausgefeiltere „Liebeskontrakte“ sowie der Einsatz neuer psychologischer Methoden der Selbstveränderung in Beziehungen. Einfach mal glücklich sein sieht anders aus.

Matthias Horx: Future Love - Die Zukunft von Liebe, Sex und Familie. Deutsche Verlags-Anstalt, München. 336 Seiten, 19,99 Euro.

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