Beim Kandelmarsch laufen die Absolventen mit einem Bein auf dem Gehweg und dem anderen im Rinnstein. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Ein Bein auf dem Gehweg, ein Bein im Rinnstein: So laufen die Absolventen der Esslinger Hochschule beim traditionellen Kandelmarsch durch die Stadt. Mit der Aktion verabschieden sie sich vom Studium.

EsslingenWo sich sonst zu diesem Anlass die Absolventen drängen, herrscht am Freitagmittag gähnende Leere: Vor dem Rednerpult auf dem Campus Innenstadt der Hochschule hält es an diesem Mittag kaum jemand aus. Denn hier brennt die Sonne gnadenlos auf den Asphalt herunter. Die meisten der einigen hundert Absolventen samt Familien und Freunden haben sich in die schmalen Schattenstreifen am Rande des kleinen Platzes zurückgezogen, um auf den Startschuss für den Umzug durch die Stadt zu warten. Bei den Organisatoren ist man sich einig: Das ist der heißeste Kandelmarsch seit vielen Jahren.

Doch das tut der Sache keinen Abbruch. Wie es der schon fast 100 Jahre währende Brauch will, haben sich zahlreiche Absolventen in Schale geschmissen: weißes Hemd und Zylinder sind Pflicht, manch einer hat trotz der Hitze auch einen Frack dabei. So geht es später durch die Stadt. Der Tradition gemäß läuft man im Gänsemarsch mit einem Bein im Rinnstein (Kandel) und dem anderem auf dem Bordstein. Dieses „Kandeln“ soll seinen Ursprung im Jahr 1922 haben, als einige Studenten nach einer ausgelassenen Feier mit einer Leiter auf den Schultern vom Zollberg hinunter in die Stadt liefen. Nachdem ein Polizist sie aufgefordert hatte, auf dem Gehweg zu laufen, ein anderer sie aber auf die Straße verwiesen hatte, entschieden sie sich für einen Kompromiss – und erfanden so das Kandeln.

Bei den Studenten steht der Brauch nach wie vor hoch im Kurs: „Ich freue mich schon seit vier Jahren auf den Kandelmarsch“, erzählt Pia Peters, die Maschinenbau an der Esslinger Hochschule studiert hat. Allerdings ist das Studium der 22-Jährigen mit dem Event am Freitag noch nicht vorbei: Sie will noch einen Master draufsetzen. Tobias Junginger und Stefan Luckert hingegen stehen schon voll im Arbeitsleben. Sie haben ebenfalls Maschinenbau studiert, aber bereits im Winter ihren Abschluss gemacht. Junginger arbeitet inzwischen in der Batterieentwicklung für E-Bikes, Luckert beschäftigt sich mit Innenraumklimatisierung bei einem großen Autobauer. Doch für den Kandelmarsch haben sich beide frei genommen, dieses deutschlandweit einzigartige Event wollen sie nicht verpassen.

Solch eine Begeisterung kann Marcus Mohr nur freuen. Er ist einer der Hauptorganisatoren des Kandelmarsches – und als solcher liegt ihm viel daran, dass diese Tradition erhalten bleibt. Doch in den vergangenen Jahren sei es immer schwieriger geworden, Absolventen bei der Vorbereitung der Abschlussveranstaltung ins Boot zu holen, erzählt er. Denn mit dem Bologna-Prozess sei das Studium sehr gestrafft und dadurch viel zeitintensiver geworden. Zudem sei der Einstieg in den Job nicht mehr so einfach wie früher, deshalb hätten viele Absolventen kaum noch Kapazitäten frei. Auch deshalb habe man sich entschieden, einen Verein zu gründen, der sich um die Organisation des traditionellen Abschieds kümmert. Darüber hinaus wolle man damit für Kontinuität sorgen und die Haftungsfrage verbindlich klären, sagt Marcus Mohr. Der Verein wurde im Februar aus der Taufe gehoben und hat inzwischen 21 Mitglieder – im Vorstand sitzen die Vorsitzenden der sechs Esslinger Verbindungen, die den Kandelmarsch seit jeher organisieren.

Irgendwann müssen sich die Absolventen dann doch in die Bruthitze wagen. Den Startschuss geben die Pferdekutschen der sechs Esslinger Studentenverbindungen: Sie fahren vorneweg, die Studenten marschieren hinterher. Rund 520 junge Männer und Frauen haben jetzt ihr Studium abgeschlossen. Es dürften nicht alle zum Kandelmarsch gekommen sein, aber doch so viele, dass sich eine lange Reihe durch die Innenstadt schlängelt. Der kuriose Gang mit einem Bein im Kandel sorgt für Aufsehen: Allerorten zücken die Passanten ihr Handy, um ein Foto zu schießen oder ein Video zu drehen. Die Studenten nehmen es gelassen hin – sie dürften sich schon auf das kühle Bier bei der anschließenden Kneipentour freuen.

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