Auch in Baden-Württemberg vergingen sich Kirchenmänner an Kindern und Jugendlichen. Foto: imago/Christian Ohde

In der Diözese Rottenburg-Stuttgart bemüht man sich bereits seit fast 20 Jahren um Aufklärung von Missbrauchsfällen. So sieht die vorläufige Bilanz aus.

Stuttgart/Freiburg - 168 Beschuldigte, darunter 97 Kirchenmänner, hat die Kommission sexueller Missbrauch (KsM) der Diözese Rottenburg-Stuttgart bis heute ausfindig gemacht. Das zeigt eine Zusammenstellung, die unserer Zeitung vorliegt. „Insgesamt leben in unserer Diözese noch 19 Priester, die zu Tätern geworden sind“, heißt es darin. Die Fälle reichen bis ins Jahr 1947 zurück.

Als erster deutscher Bischof hat Gebhard Fürst bereits 2002 die eigenständig und interdisziplinär arbeitende KsM eingerichtet. Gleichzeitig wurde das Thema Missbrauch in der Priesterausbildung der Diözese verankert. Im Jahr 2012 wurde außerdem die Stabstelle Prävention, Kinder- und Jugendschutz installiert.

22 Verfahren wurden eingestellt

Die KsM, die derzeit von der ehemaligen Sozialministerin Monika Stolz geleitet wird, hilft Betroffenen durch Gespräche, Aufklärung und Hilfeleistungen. Außerdem unterstützt sie, wenn die Opfer Strafanzeige stellen möchten. Aktuell sei die Staatsanwaltschaft mit zwei Fällen befasst, heißt es in dem Papier. Bei den Beschuldigten handle es sich um Laien. In 22 Verfahren gegen Geistliche habe die Staatsanwaltschaft die Verfahren in den letzten Jahren eingestellt, weil es „in keinem dieser Fälle ein strafrechtlich relevantes Verhalten“ gab oder die Fälle verjährt waren.

Aber auch kirchenintern werde den Fällen nachgegangen. So seien seit 2002 zwei Kleriker aus dem Klerikerstand entlassen worden. Außerdem wurden gegenüber neun Klerikern oder Mitarbeitern der Diözese so genannte Verweise ausgesprochen, die mit einem Gehaltsabzug von bis zu 20 Prozent verbunden sind. „Sind Täter Ehrenamtliche, wird stets geprüft wie der Kinderschutz – beispielsweise durch die Untersagung des Ehrenamts – gewährleistet werden kann“, heißt es weiter.

760500 Euro Anerkennung

Seit 2011 können Betroffenen außerdem einen Antrag auf Anerkennung des Leids stellen. Seither wurden 143 Anträge gestellt und Zahlungen über 760 500 Euro geleistet. Die Höhe der zusätzlich durch die Diözese übernommenen Therapiekosten beläuft sich auf rund 170 000 Euro. „Die Anerkennungszahlungen und Therapiekosten werden in unserer Diözese grundsätzlich nicht aus der Kirchensteuer finanziert, sondern aus dem Vermögen der Ortskirche von Rottenburg-Stuttgart“, heißt es in dem Papier.

„Unser Ziel ist es, den Dreiklang aus Prävention, Intervention und Aufarbeitung unter Beteiligung von Betroffenen konsequent weiter auszubauen“, sagt Bischof Gebhard Fürst zu der Zwischenbilanz. Aktuell sei man dabei, die Grundlagen für eine von der Deutschen Bischofskonferenz vorgesehene Aufarbeitungskommission zu schaffen.

Auch im Erzbistum Freiburg wurden den Missbrauchsbeauftragten nach eigener Auskunft in den vergangenen Jahren 87 Beschuldigte benannt, darunter 47 Priester. Es wurden teilweise auch Anzeigen erstattet. Derzeit liefen noch zwei Strafverfahren gegen Erzieher, die in kirchlichen Kindergärten angestellt sind, so ein Sprecher des Erzbistums.

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