Ministerpräsident Kretschmann nimmt Rücksicht auf seine an Krebs erkrankte Ehefrau – und tritt im Wahlkampf kürzer. Die Betroffenheit ist groß. Gerlinde Kretschmann gilt als populäre Persönlichkeit.
Stuttgart - Gerlinde Kretschmann ist ganz anders als ihr Mann. Schön zu beobachten zum Beispiel beim Landespresseball, wenn nicht gerade Corona ist: Er, ganz ungewohnt, im Smoking, trottet hinter seiner Frau her. Sie stürmt voraus im eleganten Abendkleid, scheint alle zu kennen, verteilt hie und da Küsschen. Die First Lady kann mit den Leuten und ist ansteckend fröhlich. Doch das jetzt wieder von ihr die Rede ist, hat einen traurigen Anlass. Gerlinde Kretschmann hat Brustkrebs. Und ihr Mann hat das öffentlich gemacht – mitten im Endspurt des Wahlkampfs.
„Ich will für sie da sein“, sagt der Ministerpräsident
Die Nachricht kommt am Freitagmittag direkt aus dem Staatsministerium. Ein bewegender Brief des Ministerpräsidenten wird auf der Internetseite veröffentlicht: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“, schreibt Kretschmann, „eigentlich ist es eine rein persönliche Angelegenheit. Meine Frau und ich haben gemeinsam entschieden, sie dennoch öffentlich zu machen. Meine Frau Gerlinde ist an Brustkrebs erkrankt. Es geht ihr den Umständen entsprechend, aber es kommen nun schwere Zeiten auf sie zu. Ich will für sie da sein, so gut es geht.“
Regierungstermine nimmt Kretschmann weiterhin wahr
Er werde in der „schwierigen Lage“ für das Land seine Arbeit als Ministerpräsident weiterhin mit vollem Einsatz fortführen, fährt Kretschmann fort. „Termine, die das Regierungsgeschäft nicht betreffen, werde ich aber nicht immer wahrnehmen können. Dazu gehören auch Termine im anstehenden Wahlkampf. Ich brauche diese Zeit, um meiner Frau beizustehen. Dafür bitte ich um Verständnis.“ Er wisse, so Kretschmann, dass viele Menschen diese Situation aus eigener Erfahrung kennen oder Angehörige und Freunde haben, die eine solche Erkrankung durchmachen mussten. „Deshalb sind wir dankbar für Ihre Anteilnahme.“
Seine Familie – seine Frau, seine drei erwachsenen Kinder und seine Enkel – sind ein Kraftfeld für Winfried Kretschmann. Seine Verwurzelung in Sigmaringen, wo er mit seiner Frau in einem alten, umgebauten Gasthof – ihrem Elternhaus – wohnt ebenfalls. Privates gibt Kretschmann nicht unbedingt gerne preis, aber wie sehr er Weihnachten 2020 darunter gelitten hat, dass er wegen des Corona-Lockdowns seine Enkel nicht sehen konnte – auch das hat er öffentlich gemacht.
Doppelte Schrecksekunde bei den Grünen
Bei den Grünen im Landtag hat es am Freitagmittag eine doppelte Schrecksekunde gegeben – erstens wegen der Erkrankung der grünen Landesmutter Gerlinde Kretschmann, die selbst jahrelang als Gemeinde- und Kreisrätin in Sigmaringen aktiv war – aber auch wegen der Wirkungen auf den laufenden Wahlkampf zur Landtagswahl am 14. März. Aber wie stark und oft wird Kretschmann noch auftreten können? Regierungssprecher Rudi Hoogvliet schob dazu kurz nach der Erklärung Kretschmanns nach, dass der Ministerpräsident „nicht die Mehrheit“ der Termine absagen werde.
In der Landespolitik herrschte allgemeine Betroffenheit, bisweilen auch Ratlosigkeit, wie und ob nun in diesem privat-öffentlichen Fall zu reagieren sei. Einige Fraktionen, auch CDU und AfD, äußerten öffentlich Genesungswünsche, andere taten dies im privaten direkten Draht. „Die Erkrankung von Gerlinde Kretschmann macht uns betroffen“, teilte der FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke mit: „Ich habe dem Ministerpräsidenten und seiner Gattin meine guten Wünsche bereits vor einigen Tagen persönlich übermittelt.“
Genesungswünsche auch vom Sprecher der Kanzlerin
Eine Stunde nach der FDP fanden auch die Grünen zu einer offiziellen Erklärung: „Von ganzem Herzen und im Namen aller meiner Abgeordneten wünsche ich Gerlinde Kretschmann alles Gute, viel Kraft und Zuversicht. Liebe Gerlinde, werde schnell wieder gesund“, schrieb der Grünen-Landtagsfraktionschef Andreas Schwarz. Man habe vollstes Verständnis, wenn Winfried Kretschmann „mehr Abende mit seiner Frau verbringen will, um ihr zur Seite zu stehen“.
Und auch aus Berlin kamen Genesungswünsche: Er wisse nicht, ob die Bundeskanzlerin davon schon unterrichtet sei, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag. „Sie wird das sicherlich mit großem Bedauern und mit tiefer Sympathie für das Ehepaar Kretschmann hören, und sie wird in Gedanken bei ihnen sein, und von hier aus gehen alle guten Wünsche an Frau Kretschmann, an ihren Mann, den Ministerpräsidenten, und an die ganze Familie.“
Sie selbst ist Schirmherrin für ein Programm zur Krebserkennung
Dass ausgerechnet die 73-jährige Gerlinde Kretschmann an Krebs erkrankt ist, wird als bittere Ironie der Geschichte vermerkt – denn seit 2012 ist sie Schirmherrin des baden-württembergischen Mammographie-Screening-Programms. Bei einer Feierstunde 2017 hatte sie als Schirmherrin gesagt, der „kurze“ Schmerz der Untersuchung sei „nix“ im Vergleich zu dem langen Schmerzensweg, der auf einen zukomme, wenn der Brustkrebs zu spät erkannt werde.
Gerlinde Kretschmann gilt als der fröhliche, lustige und leutselige Gegenpart zum mitunter knorrig wirkenden Ministerpräsidenten – auch wenn sie Charaktereigenschaft wie Bodenständigkeit und Authentizität mit ihm teilt. „Wenn sie auftritt, ist sie Kult“, hat der Grüne Rezzo Schlauch, der die Kretschmanns seit den 80er Jahren kennt, einmal über Gerlinde Kretschmann gesagt.
Die Rolle als Mutter und Großmutter ist ihr wichtiger
Das Rampenlicht der Öffentlichkeit hat sie trotzdem selten gesucht. Aber sie hat gemeinsam mit den Landfrauen Gsälz auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt verkauft und sie hat regelmäßig einen „Frühjahrskaffee“ im Neuen Schloss in Stuttgart veranstaltet, mit dem sie ehrenamtlich Tätigen für ihre Arbeit dankte.
Als „First Lady“ hat sich die Frau des Ministerpräsidenten aber nie stilisiert. „Ich bin Mutter von drei Kindern und Oma. Aber wenn man mich so nennt, dann lasse ich es so stehen.“ Die Bauerstochter war Geschichts- und Politiklehrerin, bis 2011 hat sie an einer Grundschule in Sigmaringen unterrichtet.
Auch andere Politiker traten bei der Erkrankung ihrer Frauen kürzer
Mit seinem Kürzer-Treten ähnelt Winfried Kretschmann einigen Beispielen aus der Bundespolitik. So ist der SPD-Politiker Franz Müntefering 2007 als Bundesarbeitsminister zurückgetreten, um seine an Krebs erkrankte Frau zu pflegen. Der SPD-Politiker und heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zog sich wegen der Nierenerkrankung seiner Frau im Jahr 2010 ebenfalls für einige Wochen aus der Politik zurück – er spendete seiner Frau dann eine Niere, die ihr transplantiert wurde.
Welche Unterstützung und Kraftquell das private Umfeld für Winfried Kretschmann ist, das lässt sich nur erahnen. Mit Gerlinde Kretschmann, geborene Kienle, ist er seit 1975 verheiratet; das Wort glücklich ist – betrachtet man Bilder der beiden – offenbar angemessen. Beide hatten lange für die Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins Wandertouren organisiert, die mindestens vier Stunden dauerten.
Vom Wandern hat Kretschmann auch einmal in einem Interview berichtet. Eine Passage darin, die sich mit den Momenten befasste, in denen er alleine mit seiner Frau unterwegs ist, gibt einen klaren Hinweis auf die Innigkeit und Tiefe der Beziehung Kretschmann: „Wenn ich mit meiner Frau wandern gehe, reden wir nicht viel und was wir sagen, ergibt sich in der Regel von dem, was wir sehen.“ Schwierige Gespräche führe man jedenfalls nicht, und „schon gar nicht über Politik“. Auch dies ein Hinweis, dass das politische Geschäft für den Grünen nicht über allen Dingen steht.