In China sind sie bereits Realität: Kleine Atomkraftwerke mit Mini-Reaktor, oder auch SMR, Small Modular Reactor, genannt. Foto: imago/VCG//LUOYUNFEI

Großbritanniens Premierminister Keir Starmer will Mini-Atomkraftwerke bauen. Auch die CDU in Deutschland ist von der Idee angetan.

Die britische Regierung will den Bau einer neuen Generation von Mini-Atomkraftwerken anstoßen. Premierminister Keir Starmer ist entschlossen, das Planungsrecht zu ändern, um eine schnellere und billigere Konstruktion von Small Modular Reactors, kleinen modularen Reaktoren oder SMRs, zu ermöglichen. „Seit Jahrzehnten hat dieses Land keine Nuklear-Kraftwerke gebaut“, sagte Starmer. „Ich werde das beenden und die Regeln ändern, um die Bauleute dieser Nation zu unterstützen und Nein zu sagen zu den Blockierern, die schon viel zu lange unsere Chancen auf billigere Energie, Wachstum und Jobs abgewürgt haben.“

Atomreaktoren in Massenproduktion

SMRs sind Atomkraftwerke im Kleinformat, die in einer Fabrik vorgefertigt und anschließend an einen Montageort verbracht werden können. Sie sollen sicherer und vor allem kostengünstiger als herkömmliche Nuklearkraftwerke sein und auch schneller errichtet werden können. Bisher waren Atommeiler stets für einen spezifischen Standort maßgeschneiderte und deshalb teuere Einzelprojekte. SMRs könnten wesentlich kostengünstiger werden, wenn man sie in Massenproduktion bauen kann.

Um den Prozess von Planung bis Fertigstellung anzukurbeln, will Starmer hinderliche bürokratische Regularien abschaffen. Die Reform „archaischer Planungsregeln“ soll das Genehmigungsverfahren erleichtern, Investitionen ermutigen und die Entwicklung neuer Projekte für eine größere Auswahl an Standorten ermöglichen. Bisher war die Errichtung von AKWs in Großbritannien nur an acht spezifischen Orten erlaubt. In Zukunft sollen sie dort gebaut werden können, wo sie benötigt werden.

Umweltschützer kritisieren die Pläne

Kritik erfuhren die Pläne seitens Umweltschützer. Der Greenpeace-Direktor Doug Parr sagte, dass die Regierung naiv sei, die Propaganda der Nuklear-Industrie zu glauben: „Sie stellt Dinge als Fakten hin, die lediglich Vermutungen sind hinsichtlich geringer Reaktorenkosten, Liefergeschwindigkeit und Sicherheit.“ Die Gewerkschaft GMB dagegen begrüßte das Programm: „Es kann kein Net Zero (also Treibhausgasneutralität) ohne neue Atomkraft geben.“ Auch vom Vorsitzenden des Verbandes der Nuklear-Industrie Tom Greatrex kamen warme Worte: „Ein gestraffteres Planungssystem wird Investoren Sicherheit geben und uns erlauben, neue Nuklearkraftwerke an mehreren Stellen und zügig zu bauen.“

Großbritannien war einst der weltweite Pionier in der zivilen Nutzung von Atomkraft, als 1956 das Kernkraftwerk Calder Hall ans Netz ging. Das letzte Kraftwerk wurde allerdings vor dreißig Jahren gebaut. Heute gibt es im Königreich nur noch fünf Meiler, die rund sechs Gigawatt Energie, genug für 13 Millionen Haushalte, produzieren. Alle werden demnächst das Ende ihrer Laufzeit erreichen. Zwei neue Atomkraftwerke herkömmlicher Bauart sollen die Energielücke schließen. Hinckley Point C in der Grafschaft Somerset wird gerade gebaut, während sich Sizewell C in der Grafschaft Suffolk noch in der Entwicklungsphase befindet.

Zukunftstechnologie SMR

Darüber hinaus will jetzt die britische Regierung erstmals SMRs errichten lassen. Noch handelt es sich dabei um eine Zukunftstechnologie. Doch die neue Generation von Mini-Atomkraftwerken soll Großbritannien im globalen Wettbewerb entscheidend helfen, so Starmer. „Andere Länder rennen uns davon“, sagte Premier Starmer, „China hat 57 Atommeiler, die genug saubere und erschwingliche Energie für 38 Millionen Haushalte produzieren.“ Weitere 29 Meiler werden dort gebaut, und auch in der EU befinden sich zwölf Kernkraftwerke in der Planungsphase, ließ die Regierung verlauten: „Das gibt diesen Ländern einen großen Vorteil im globalen Rennen, neue Technologien nutzbar zu machen, neue Arbeitsplätze zu schaffen und sauberere, billigere und unabhängige Energie zu erzeugen.“

In den USA wird das SMR-Konzept im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz gesehen. Denn KI braucht große Datencenter, die große Energiemengen benötigen. Daher haben amerikanische Big-Tech-Unternehmen schon Verträge mit Herstellern und Betreibern von Kernkraftwerken geschlossen, um in Zukunft den immer höher werdenden Strombedarf decken zu können.

In Deutschland denkt die Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) über einen Ausstieg aus dem Atomausstieg nach. Der SPRIND-Chef Rafael Laguna de la Vera sagte gegenüber dem Newsletter „Politico“, dass es sich bei Mini-Reaktoren um „eine wichtige industrielle Revolution der kommenden Jahre“ handele, die Deutschland nicht verpassen dürfe, denn sie seien „effizient und sicher“.

Auch der CDU-Abgeordnete Jens Spahn ist SMRs gegenüber aufgeschlossen. „Uns die Option Kernkraft zu erhalten, ist in unserem nationalen Interesse“, sagte Spahn gegenüber „Politico“. „Wenn eine neue Generation kleiner und abfallarmer Kernkraftwerke marktreif ist, sollten wir sie auch nutzen. Der Energiebedarf wird in der digitalen Welt größer statt kleiner.“ Auch CDU-Chef Friedrich Merz kann sich für das Konzept erwärmen. „Wir erwägen“, sagte er gegenüber dem „Spiegel“, „ob wird diese kleinen modularen Reaktoren bauen sollen – vielleicht zusammen mit Frankreich.“

Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) dagegen bleibt skeptisch. Man hat ein Gutachten zu SMRs erstellen lassen, das im Wesentlichen zu dem Schluss kommt, dass Kleinreaktoren weder kostengünstiger noch sicherer oder risikoärmer als große Atomkraftwerke sind.