Der Bezirkskantor Attila Kalman gibt am Samstag, 28. Juni, 19.30 Uhr, ein Konzert unter dem Motto „Orgel ade“ Foto: privat

In der Leonberger Stadtkirche gibt es nicht nur eine neue Orgel. Auch der marode Turm muss saniert werden. Deshalb werden die Gottesdienste vom kommenden Jahr an ausgelagert.

Abschied nimmt eine langjährige Wegbegleiterin der evangelischen Gemeinde der Leonberger Stadtkirche am Wochenende. Ihr Weggehen ist so einschneidend, dass dafür zwei Jahre lang die Kirche geschlossen wird. Sie hat sechs Jahrzehnte lang ihr Bestes gegeben.

Für ihresgleichen ist sie zwar noch jung, aber trotzdem gebrechlich und gelegentlich geht ihr die Puste aus, also muss sie weichen. Und das wird sie nun sowohl mit leisen Tönen, als auch mit gewaltiger Stimme tun, denn letztendlich ist sie eine Königin unter den Instrumenten – die Walker-Orgel in der Stadtkirche.

Unter dem Motto „Orgel, ade!“ findet am Samstag 28. Juni, um 19.30 Uhr das letzte Konzert an der Walcker-Orgel der Stadtkirche vor dem Abbau statt. Gestaltet wird es von Bezirkskantor Kirchenmusikdirektor Attila Kalman und Kantor Lukas Bauer. Geboten werden unter anderem zwei große Orgelwerke von Johann Sebastian Bach und dem lettischen Komponisten Aivars Kalejs. Wer Interesse hat, kann sich informieren und in das Innenleben der Orgel blicken.

Deren Innenleben krankt, denn die beiden vollelektrischen Trakturen haben immer wieder Aussetzer. Die Ludwigsburger Firma Walcker habe im 19. Jahrhundert fantastische Instrumente gebaut, weiß Atilla Kalman. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg war der Trend, schnell und viele Orgeln zu bauen und das nicht unbedingt mit hochwertigen Materialien. „Das rächt sich nun, denn es ist ein Unterschied wie zwischen Himmel und Erde, wie heute Orgeln gebaut werden“, freut sich der Kirchenmusikdirektor auf die neue Mühleisen-Orgel, die die Kirchengemeinde bei der traditionsreichen Leonberger Orgelmanufaktur in Auftrag gegeben hat.

Das Mauerwerk des Kirchturms bröckelt und muss dringend saniert werden. Foto: Simon Granville

„Die neue Orgel ist nicht eine für Jahrzehnte, sondern die wird Jahrhunderte überstehen, wie die berühmten Silbermann-Orgeln auf denen seinerzeit schon Bach musiziert hat und die heute noch tadellos sind“, ist Kalman überzeugt. Sie wird 40 Register und rund 3000 Pfeifen haben und mit einer sogenannten Englischen Trompete ausgestattet sein. Kosten wird sie rund eine Million Euro.

Die gesamten Kosten müssen von der Kirchengemeinde getragen werden. Umso wichtiger sind Spenden. Das Leonberger Unternehmerehepaar Heidi und Hannes Burgdorf haben 250 000 Euro in Aussicht gestellt. Von der Berthold-Leibinger-Stiftung sind 40 000 Euro eingegangen, von der Kulturstiftung der Kreissparkasse Böblingen 20 000 Euro und von der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung 15 000 Euro. Außerdem haben viele Privatpersonen kleinere Beträge gespendet. „Aktuell fehlen etwa 300 000 Euro“, sagt Kalman.

Doch auf dem Schrottplatz wird die alte Orgel nicht landen. Über einen ehemaligen Partner in Ungarn hat die Firma Mühleisen einen Interessenten vermittelt. Es ist eine katholische Kirchengemeinde der ungarischen Minderheit in Rumänien. In Baia Sprie, einer Stadt im Norden Rumäniens wird die Kirche renoviert, und man war auf der Suche nach einer erschwinglichen Orgel.

Der Turm der Leonberger Stadtkirche ist eingerüstet. Foto: Simon Granville

Gleichzeitig gehen bis Ende 2025 die Arbeiten am maroden Kirchenturm weiter, die auch mit einer Million Euro zu Buche schlagen. Die Sanierung war notwendig, weil Steine abbröckelten. Bei den Reparaturarbeiten am Turm, auf dem inzwischen wieder die vergoldete Turmzierde aus Hahn, Kreuz und Kugel glänzen, wurden weitere gravierende Schäden an der Holzkonstruktion entdeckt. Die galt es zügig zu beheben, weswegen bis zum Jahresende die Glocken im Turm nicht geläutet werden dürfen.

Weitere Gottesdienste, inklusive der zu Neujahr, sowie Konzerte finden zwar noch in der Stadtkirche statt, bevor dann beginnt die Sanierung. Die Gottesdienste finden dann im Haus der Begegnung und in den anderen Gotteshäusern statt.

Die Stadtkirche wird dann zur Großbaustelle und für zwei Jahre lang komplett geschlossen. Bevor die neue Orgel eingebaut wird, müssen die Elektrik, die Beleuchtung und die Beschallung der Kirche für rund eine Million Euro erneuert werden. Der Plan ist, dass die neue Orgel Ende 2027 komplett eingebaut ist, sodass 2028 die feierliche Übernahme über die Bühne gehen kann.