Die britische Balletttänzerin Christina Gibbs ist bei einer Übungseinheit mit dem Sprechtrainer Michael Stülpnagel in dessen Büro hoch konzentriert. Foto: Gaby Weiß - Gaby Weiß

Im internationalen Musicalgeschäft hat der Sprechtrainer Michael Stülpnagel aus Esslingen viel zu tun. Er feilt mit den Darstellerinnen und Darstellern an ihrer Aussprache.

Esslingen/StuttgartPhonetik“ steht groß an der Tür zu Michael Stülpnagels Büro, backstage im Palladium-Theater in Stuttgart-Möhringen. Schreibtisch, Klavier, Musikanlage, Bälle und Spiegel in unterschiedlichen Größen, ein paar Musical-Plakate – und viel freie Fläche. Die nützt er aus: Heute stapft er energisch rückwärts vor Christina Gibbs her und gibt ihr den Einsatz, das Textbuch mit bunten Markierungen in der Hand. Die Balletttänzerin aus Großbritannien, die im Musical „Anastasia“ zum ersten Mal Text sprechen muss, droht am deutschen Wörtchen „Strich“ zu verzweifeln und ist auf eine kurze Lektion bei Stülpnagel hereingeschneit. Ein Dutzend Mal wiederholt sie den Satz mit dem vermaledeiten Wort, dann geht es für sie weiter zur Tanzprobe, aufatmend, um eine klitzekleine Trainingseinheit klüger und um ein paar aufbauende Worte von Stülpnagel beruhigter.

Der 41-jährige Esslinger hat an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart Sprecherziehung studiert und betreut seit vielen Jahren als Sprechtrainer und Dialogcoach die Musical-Produktionen im Apollo- und Palladium-Theater Stuttgart. Als so genannter „Diction Coach“ unterstützt er die Schauspieler, Sänger und Tänzer – jede der beiden Stuttgarter Produktionen zählt rund 60 Bühnenakteure – wenn es um Sprech- und Singstimme, Atemtechnik, Artikulation, Modulation, Sprechtempo, Aussprache und Satzmelodie geht. Er sorgt dafür, dass die Darsteller ihr Stimmpotenzial ausschöpfen und ihre Sprache auf der Bühne zum Klingen bringen.

Ein professioneller Musical-Darsteller müsste aber doch das Sprechen beherrschen? Diese Frage hört Michael Stülpnagel häufig. „Ein Musiker übt mit seinem Instrument ja auch jeden Tag. Die Stimme ist das Instrument des Schauspielers und Sängers. Er muss es beherrschen, er muss es üben und trainieren, und er muss schonend damit umgehen.“ Michael Stülpnagel, den die Esslinger von seinen literarischen Lesungen „Kino im Kopf“ mit dem Duo Phantasma kennen, holt jeden da ab, wo er steht: „Die Arbeit an der Stimme ist ein Suchen und ein Sich-Auseinandersetzen.“ Die Phonetik-Einheiten werden, meist als Einzelunterricht, in die intensive Probenzeit während des sechswöchigen Produktionsaufbaus fest eingeplant. Viele arbeiten aber auch nach der Premiere immer wieder mit Stülpnagel an ihrer Stimme.

Meist wird eine halbe Stunde, manchmal aber auch zwei oder drei Stunden gefeilt: „Diese Arbeit ist anstrengend und erfordert eine besondere Art der Konzentration. Die Artikulationsmotorik beim Menschen ist ein hochkomplexer Ablauf“, weiß Michael Stülpnagel, der auch versteht, dass es dabei immer wieder zu Irritationen kommt: „Wenn ein Laut zum Beispiel nicht da sitzt, wo er hingehört, und man daran arbeitet, kann das erst einmal das ganze Sprechen zum Kollabieren bringen.“

Die Darsteller müssen die korrekte Sprechweise hören, erfühlen und dann durch stetes Wiederholen verinnerlichen. Dazu gibt Michael Stülpnagel ihnen auch Hausaufgaben mit: „Integriert das in euer Gesangs-Warm-Up, übt beim Spazierengehen oder unter der Dusche.“ Nur durch Üben werden die Veränderungen in der Sprache auch zur Gewohnheit und gelangen so aus dem Kopf in den Körper: „Wer auf der Bühne darüber nachdenkt, wie man ein Wort auszusprechen hat, hat verloren.“

Michael Stülpnagel verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, weil er weiß, dass die innere Haltung Einfluss auf die Stimme hat: „Alles, was Druck macht, wie etwa Aufregung oder übertriebene Konzentration, verhindert die Schwingung und damit den Sprechfluss.“ Wenn mit Christina Gibbs eine Tänzerin eine Sprechrolle übernimmt, zeigt Stülpnagel ihr beim Phonetik-Training, wie sie die Bauchmuskulatur, die fürs Tanzen angespannt ist, fürs Sprechen lösen muss, um in den Bauch hinein atmen und bühnenreif sprechen zu können. Wichtig sind ihm aber nicht nur der Umgang mit dem Instrument Stimme und mit der Sprache, sondern auch die Inhalte der Bühnentexte: „Ein Darsteller muss wissen, verstehen und fühlen, was er da sagt. Sonst klingt es aufgesagt.“

Auch ausgebildete Musical-Sänger kommen zu Michael Stülpnagel und arbeiten mit dem Sprechcoach an Sprache, Ausdruck und an der Interpretation von Text und Inhalt: „Ich erkläre ihnen: Du singst einen Text, und der hat eine Bedeutung. Wenn die nicht wichtig wäre, hätte der Komponist nur ‚lalala‘ geschrieben“, macht er deutlich. Eine gute Gesangsausbildung spiele, so Stülpnagel, dem Sprechtraining in die Hände: „Singen ist wie Sprechen mit der Lupe. Beim Singen ist alles größer.“

Obwohl Sänger über einen großen Stimm- und Tonumfang verfügten, würden sie aber oft ihre Sprechstimme vernachlässigen: „Die normale Melodielage fürs Sprechen ist nur eine Quart. In diesen vier Tönen drücken wir – abgesehen von stimmlichen Extremen wie Brüllen oder Schreien – sprechend nahezu alles aus. Unsere Stimme kann in diesem kleinen Bereich unglaublich fein modulieren.“ Und genau das gilt es für die Bühne zu vervollkommnen.

Das Musical vereint drei Sparten, Schauspieler, Sänger und Tänzer, und es bringt eine internationale Besetzung zusammen: „Die ganze Welt kommt hier vorbei, sehr unterschiedliche Menschen, die verschiedene Energien, ihr Können, ihre Persönlichkeit, ihre Ausstrahlung und ihre eigene Sprache mitbringen“, betont Michael Stülpnagel. Viele Künstlerinnen und Künstler tun sich als Nicht-Muttersprachler mit den Feinheiten der deutschen Sprache schwer, oft bewegen sie sich zudem in drei unterschiedlichen Sprachräumen: „Da stammt jemand aus Holland, singt auf Deutsch, und die Regie ist auf Englisch. Das muss man erst einmal klarkriegen“, gibt der erfahrene Dialogcoach zu bedenken.

Herausfordernd ist darüber hinaus, dass sich die Tonhöhe der Sprechstimme in einer Fremdsprache verändert: „In der fremden Sprache verlieren wir die gewohnte Indifferenzlage, die eigene Sprechstimmlage, und wir sprechen dann meist höher als in unserer Muttersprache“, erklärt der Experte.

Hinzu kommt die Verschiedenartigkeit der lautlichen Charakteristika und der Klang-Eigenschaften der einzelnen Sprachen: „Das Englische etwa hat deutlich mehr Amplituden als das Deutsche, für Engländer klingt das lebendig. Wir Deutsche empfinden das aber als künstlich, übertrieben und affektiert, und letztendlich sind die Stuttgarter Musicals für deutsche Ohren gedacht“, gibt Stülpnagel ein Beispiel.

Für die nicht-muttersprachlichen Darstellerinnen und Darsteller im Ensemble formuliert der Sprechtrainer seine Vision: „Solange noch irgendjemand sagt: ‚Dein Deutsch ist aber toll geworden‘, so lange ist es noch nicht perfekt. Erst wenn du kein Lob mehr für dein Deutsch bekommst, hast du es geschafft, erst dann bist du frei im Ausdruck.“

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