Immer wieder erfahren Patienten in Apotheken, dass ihr Medikament momentan nicht verfügbar ist. Der Nürtinger CDU-Bundestagsabgeordnete hat Vorschläge unterbreitet, wie sich Lieferengpässe vermeiden lassen.

Kreis EsslingenEs tut mir leid, aber Ihr Medikament ist derzeit nicht lieferbar“ – das muss die Wendlinger Apothekerin Julia Wirth öfter sagen. Betroffen sind Allerweltsmedikamente, aber auch solche zur Behandlung von Krebs. Der Nürtinger Bundestagsabgeordnete Michael Hennrich (CDU) zeigt in einem Positionspapier Lösungen auf.

Eine Patientin reicht Julia Wirth in der Rathaus-Apotheke ein Rezept für ein blutdruckregulierendes Medikament. Dass das Produkt nicht lieferbar ist, verunsichert sie. Wirth sieht, dass der Arzt auf dem Rezept „aut idem“ angekreuzt hat. Das bedeutet, die Apothekerin darf kein anderes Medikament als das verordnete herausgeben. Ein Anruf beim Großhändler bestätigt: Auch dort sind die Tabletten nicht verfügbar. Also ruft Wirth den Arzt an, um abzuklären, ob sie ein Ersatzpräparat herausgeben darf. Er gibt sein Okay. Doch kaum legt Wirth das Medikament auf die Verkaufstheke, wird die Patientin misstrauisch. Denn das Ersatzmedikament hat eine andere Schachtel, die Tablette eine andere Farbe. Geduldig versucht Julia Wirth, ihr die Ängste zu nehmen, erklärt ihr, was es mit dem Generikum auf sich hat. „Wir nehmen uns die Zeit, denn wir wollen unsere Kunden natürlich gut und umfassend beraten“, sagt Wirth.

Doch wenn das ausgegebene Medikament teurer ist als das verordnete, „könnte es sein, dass sich die Krankenkasse weigert, die Kosten zu erstatten“, sagt die Apothekerin. Sie muss nachweisen, dass das andere Medikament an diesem Tag und zu dieser Uhrzeit nicht lieferbar war. Dass Medikamente nicht lieferbar sind, hat verschiedene Ursachen. Eine ist die Fertigung in Asien – China und Indien sind Hauptproduzenten von Wirkstoffen. Der Kostendruck im Gesundheitswesen ist dafür verantwortlich, dass dort und nicht in Europa produziert wird. Steht in diesen Ländern die Produktion still oder es kommt zu Verunreinigungen, entsteht ein Lieferengpass. Einen weiteren Grund sieht Julia Wirth in den Rabattverträgen, die Krankenkassen mit den Herstellern schließen. Alle zwei Jahre, wenn neue Verträge ausgehandelt werden, gibt es Lieferengpässe. „Die Hersteller fahren dann oft die Produktion zurück, denn sie wissen ja noch nicht, ob sie den Zuschlag erhalten“, sagt Wirth.

Die Lieferschwierigkeiten sind in der Politik seit Langem bekannt. Michael Hennrich ist Mitglied des Ausschusses für Gesundheit und Experte auf dem Gebiet der Arzneimittelversorgung. „Zu Recht sind Patienten beunruhigt, wenn ihr gewohntes Arzneimittel in der Apotheke nicht erhältlich ist“, sagt er. Er fordert Transparenz über das Liefer- und Marktgeschehen. Ein Augenmerk gilt auch dem Export von Medikamenten, die eigentlich zur Versorgung von Patienten in Deutschland zur Verfügung stehen müssten. Die Hersteller versichern Hennrich, sie produzierten genug. Doch der Großhandel exportiert Medikamente innerhalb Europas. Auch 3000 Apotheken haben eine Großhandelslizenz. Hennrich hält es für wichtig, die Meldepflicht bei drohenden oder bestehenden Lieferengpässen von versorgungsrelevanten Arzneimitteln auszuweiten. Eine längere Vorratshaltung bei solchen Medikamenten fordert er ebenfalls, also den Aufbau einer nationalen Reserve. „Wir stellen uns keinen Bunker vor, der mit Medikamenten vollgepackt wird. Dagegen spricht schon die kurze Haltbarkeit mancher Produkte. Aber die Lieferverpflichtung für den Großhandel oder für Hersteller könnte von zwei Wochen auf vier bis sechs Wochen erhöht werden.“

Als Ultima Ratio soll es eine Exportbeschränkung geben, die so lange gilt, bis der Lieferengpass behoben wurde. „Das ist auch mit EU-Recht vereinbar“, sagt Hennrich. Er hält aber auch die Verlagerung der Wirkstoffproduktion zurück nach Europa für wirkungsvoll, um Lieferengpässe zu minimieren. Wenn Deutschland im Juli die Ratspräsidentschaft der EU übernimmt, „will Gesundheitsminister Jens Spahn dies thematisieren“, weiß Hennrich. Hier komme es vor allem darauf an, die Vergabekriterien so zu formulieren, dass europäische Standorte berücksichtigt werden können. Dabei spielten Umwelt- und Sozialstandards, aber auch die Klimabilanz eine Rolle.

Sind Rabattverträge mitverantwortlich für Lieferschwierigkeiten? Hennrich antwortet mit „Jein“. Rabattverträge ermöglichten den Krankenkassen ein enormes Einsparpotenzial. Es gebe aber auch Probleme. So vergebe die AOK die Rabattverträge exklusiv. Hennrich wünscht sich, dass mehr Hersteller den gleichen Wirkstoff produzieren. Damit könnten Apotheken vom Großhandel mehrfach beliefert werden. Die Kassen würden das Problem nicht ernst genug nehmen, sagt Hennrich.

Die AOK weist einen Zusammenhang zwischen Lieferengpässen und Rabattverträgen weit von sich. „Leider gehen Teile der Politik der Pharma-Inszenierung auf den Leim“, sagte Martin Litsch, der dem AOK-Bundesverband vorsteht. Er sieht die Ursachen eher in technischen Problemen im Produktionsablauf, in Rohstoffengpässen oder intransparenten Lieferketten. Verträge für Wirkstoffe mehrfach zu vergeben, davon hält die AOK nichts.

Jürgen Baumann ist Chefapotheker der Medius-Kliniken: „Ich bin jeden Tag mit dieser angespannten Lage befasst.“ Er zeigt eine Liste, auf der 418 Medikamentenengpässe vermerkt sind. Er ist immer auf der Suche nach Alternativen und legt einen Drei-Monats-Vorrat an. Beispielsweise vom Narkosemittel Propofol. Geht die Standardgröße aus, greift Baumann auf die nächsthöhere Größe zurück. Der Anästhesist entnimmt die erforderliche Menge und entsorgt aus Hygienegründen den Rest. Das geht ins Geld.

Ständig nachsehen, wo Engpässe drohen, wie man gegensteuern kann, hat personelle Auswirkungen. Eine halbe Stelle, sagt Baumann, sei notwendig, um Alternativmedikamente zu finden und die klinikinterne Bestandsliste auf dem Laufenden zu halten. Die Produktion nach Europa zurückzuholen, wie Hennrich fordert, hält Baumann für eine gute Lösung. Eine Produktion in Europa bedeutet allerdings höhere Lohn- und Umweltstandards – und führt sehr wahrscheinlich zu höheren Preisen. „Man zahlt dann vielleicht auch für die Liefersicherheit“, sagt Jörg Sagasser, medizinischer Direktor der Medius-Kliniken.

Hennrichs Forderungen sind zu 75 Prozent in das „Faire Kassenwettbewerbsgesetz“ eingeflossen. Mitte Februar berät der Bundestag den Gesetzentwurf zum zweiten Mal, im März steht es auf der Tagesordnung des Bundesrats.