Die Benzstraße wird ein sensibler Bereich – der Neubau des Entwicklungszentrums schreitet voran. Foto: Mercedes

Mercedes-AMG kauft von der Gemeinde Affalterbach (Kreis Ludwigsburg) eine Straße. Nicht ohne Grund: Die Prototypen des Motorenbauers sollen vor fremden Blicken geschützt werden.

Mercedes-AMG wächst und wächst – so viele neue AMGs wie noch nie will der Sportwagenhersteller im Jahr 2026 und in den Folgejahren vorstellen. „Es ist das größte Produkt-Rollout unserer Geschichte“, teilt der Mercedes-Sprecher Felix Siggemann mit. Die Gemeinde fördert derweil die Erweiterung am Standort in Affalterbach nach Kräften. Das geht sogar so weit, dass die Kommune einen Teil ihres öffentlichen Straßennetzes an den Branchenriesen abtritt. Ein AMG-Ziel: neugierige Blicke von Fremden verhindern.

Erst im Vorjahr hatte Mercedes-AMG bekannt gegeben, künftig Millionen Euro in den Standort Affalterbach investieren zu wollen. Zwei Neubauten zur Fahrdynamiksimulation sowie Entwicklungswerkstätten und Testlabore sind im Rohbau fertig. Sie sollen schon im Herbst teilweise in Betrieb gehen, erklärt Siggemann. Die Benzstraße mitten im Gewerbegebiet* werde damit zu einem sensiblen Kernbereich.

Die AMG-Entwickler haben viel zu tun

Wie interessant ist die Benzstraße für Spione? Viel zu tun haben die AMG-Entwickler im Hinblick auf das Superjahr 2026 aus zwei Gründen, erläutert der Unternehmenssprecher: Die eigene Produktplattform mit E-Fahrzeugen werde erweitert – hinzu kommen viele neue Fahrzeugtypen des Mutterkonzerns, die als Sportvarianten produziert werden sollen.

Mercedes will seine Prototypen in Affalterbach besser schützen. Foto: Daimler AG/dpa

An der Benzstraße verkürzen sich die Wege auf dem Firmengelände. Der Vorteil der eigenen Straße: Prototypen werden besser vor fremden Kameralinsen geschützt. So mancher Erlkönig, wie die PS-starken schwarz-weiß gescheckten Testwagen genannt werden, ist in der Vergangenheit schon mal auf Fotos in den sozialen Netzwerken aufgetaucht – was die Konstrukteure von AMG im Einzelfall nicht unbedingt in Jubelstimmung versetzte.

In Zeiten des Wachstums rechnet Felix Siggemann weiter mit Paparazzi und deren mitunter durchaus sportlich gemeinter Spionage. „Es gibt auch Strecken rund um Sindelfingen oder in Schweden, wo gerne fotografiert wird.“ Das Publizieren sei irgendwo ein Geben und Nehmen, aber AMG müsse seine Prototypen besser schützen, besonders beim Produktfeuerwerk, das man von 2026 an abbrennen wolle.

Der Kauf der Straße löst praktische Probleme

Der Kauf der Benzstraße löst aber laut Siggemann auch praktische Probleme. Lästig für die Mitarbeiter sei bisher das ständige Montieren von Kraftfahrzeug-Zeichen, wenn ein Auto über den öffentlichen Raum von einer Werkstatt zur anderen gefahren werden muss.

Ein weiterer Vorteil betrifft die Zulassungen der Prototypen. „Je nach Entwicklungsstand sind die Anforderungen im öffentlichen Straßenraum sehr hoch, wenn das Fahrzeug dort bewegt wird“, sagt AMG-Sprecher Siggemann. Die Vorgaben im Werksgelände seien auch streng, aber leichter umzusetzen.

Für den Rathauschef ist der Verkauf „Wirtschaftsförderung“

Den Verkauf von rund 1400 Quadratmetern der insgesamt 3500 Quadratmeter messenden Benzstraße segnete kürzlich der Gemeinderat von Affalterbach ab. „Für AMG ist das zusammenhängende Werksgelände dringend notwendig – wir betreiben damit Wirtschaftsförderung“, sagt der Bürgermeister Steffen Döttinger, der seit 25 Jahren im Amt ist und für den Konzern eine verlässliche Größe darstellt. Für Döttinger ist die Betreuung Chefsache: „AMG war schon immer ein dynamisch wachsendes Unternehmen.“

Die 4400-Einwohner-Gemeinde gilt nicht zuletzt wegen der sprudelnden AMG-Gewerbesteuer als steinreich. Zuletzt berichtete die Verwaltung im Gemeinderat von Rücklagen in Höhe von rund 43 Millionen Euro. Ein Grundstock, mit dem sich verschmerzen lassen dürfte, dass der aktuelle Haushalt erstmals seit dem Jahr 2000 nicht ausgeglichen werden kann.

Zum Schnäppchenpreis war das Straßenstück für den Weltkonzern aber offenbar nicht zu bekommen. „Wir haben zum Verkehrswert verkauft“, sagt Steffen Döttinger, der den genauen Betrag unter Verschluss hält, weil er Vertragsangelegenheiten in der Öffentlichkeit nicht verraten darf. Den Verkehrswert einer Fläche lege man auf der Basis von Bodenrichtwerten fest, die ein unabhängiger Gutachterausschuss bestimmt habe.

AMG muss selbst den Schnee wegräumen

Auch wenn die Straße ihr nicht mehr komplett gehört, muss die Gemeinde weiterhin ihre Kanalisation vollständig unterhalten, berichtet Döttinger. Anders sei die rechtliche Lage beim Schneeräumen: Der kommunale Räumdienst werde den privaten Teil aussparen. Mercedes-AMG wird der Kommune das wohl nicht übelnehmen: „Das Unternehmen hat sicher auch selbst Flächen, die es räumen muss“, sagt der Bürgermeister.

Mercedes-AMG will sich langfristig erweitern

Die Blicke des Rathauschefs sind indes schon in die Zukunft gerichtet. Denn Mercedes-AMG brauche langfristig noch mehr Platz. Die weitere Erschließung von Gewerbeflächen für Affalterbacher Betriebe in Richtung Winnenden befinde sich im Stadium der Vorplanung durch den Gemeindeverwaltungsverband Marbach. „Dazu finden nun die Fachgespräche statt – es muss noch viel untersucht werden.“

Döttinger rechnet noch mit einigen Jahren, bis eine finale Genehmigung für die Erweiterung des Gewerbegebiets vorliegt. Ob sich der 56-Jährige, der sich in seiner vierten Amtszeit bis 2032 bewegt, zeitnah über einen nochmaligen räumlichen AMG-Wachstumsschub freuen darf, hängt sicher auch davon ab, ob sich baurechtliche Hemmnisse in den Weg stellen.