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Die Natur des Menschen fest im Blick: Sehr eigene Handschriften prägen die Filme im Wettbewerb des Stuttgarter Trickfilm-Festivals – ihre Botschaften aber sind universell.

StuttgartIn wenige Bilder passen große Fragen des Lebens, wenn man sie Trickfilmern anvertraut: Das ganze Dilemma weiblicher Teenager erzählt ohne Worte die niederländische Animatorin Nienke Deutz in knapp 10 Minuten in „Bloeistraat 11“. Als unzertrennliche Blutsschwestern erscheinen die beiden Mädchen darin, die auf dem Trampolin hüpfen und gemeinsam in der Badewanne die Luft anhalten. Ein Junge taucht auf, schon zerreißt das Band zwischen den transparenten Figuren in ihrer luftigen Papierwelt. Dafür gab es den Grand Prix des Stuttgarter Trickfilm-Festivals. 80 000 Besucher kamen trotz des nasskalten Wetters, das beim Open-Air auf dem Schlossplatz Zuschauer kostete. Dafür gab es einen Rekord in den Kinosälen: „An den meisten Festivaltagen sind so viele gekommen wie noch nie“, sagt Festival-Cheforganisator Dieter Krauß.

Von universellen Impulsen handeln die meisten Filme. Der Däne Tue Sanggaard, Träger des Lotte Reiniger-Förderpreises, führt in „Animals“ mit prägnanten 3-D-Karikaturen vor, wie sich Insassen eines U-Bahn-Waggons in wilde Tiere verwandeln, als Türöffner, Notbremse und Licht versagen. Die Zivilisation ist nur ein dünner Lack, sagt dieser Film, der ebenfalls ohne Dialoge auskommt. Genau wie der Studentenfilm-Preisträger Sander Joon aus Estland, der in „Sounds Good“ein surreales Szenario entwirft: Ein Mann fängt mit dem Mikrofon die Klänge einer Welt ein, die wirkt wie ein schimmeliges Improvisationstheater, in dem mit dem Auto nur noch vorwärtskommt, wer die anderen gewaltsam wegboxt.

Mit dem Drachen über die Wolken

Emotionale Familiengeschichten machten das Rennen beim Kinderfilmwettbewerb Tricks für Kids und beim Spielfilmwettbewerb AniMovie. Im Kinderkurzfilm „The Kite“ zeigt der Slowake Martin Smatana in filziger Puppentrick-Kulisse, wie der Opa dem Enkel einen Drachen schenkt – woraufhin der Kleine sich mit dem Drachen über die Wolken träumt und den Opa noch einmal trifft. Wie aus dem Paradies vertrieben fühlt sich im Spielfilm „Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft“ der kleine Kun, als eine Baby-Schwester ihm die Aufmerksamkeit der Eltern raubt. Das Trauma verarbeitet er in magischen Sequenzen japanischer Anime-Kunst: Die Schwester erscheint als Schulmädchen und wirbt um Verständnis.

All diese Filme sind weit weg vom Mainstream, den das Festival ebenso bedient, nicht nur auf dem Schlossplatz. Der Spielzeughersteller und Sponsor Playmobil setzt der Konkurrenz von Lego nun einen eigenen Film entgegen, nach US-Erfolgsformel zum turbulenten Abenteuer gestrickt vom früheren Disney-Animator Lino DiSalvo: Zwei Kinder geraten in die Welt der Playmobil-Figuren und müssen diese retten. „Bei Lego geht es ums Konstruieren, bei Playmobil ums Rollenspiel“, sagte DiSalvo bei der Präsentation einiger Sequenzen. Wie groß der Unterschied wirklich ist, lässt sich erst nach dem Filmstart am 8. August sagen. Ein Statement beim Festival war die Wahl der Schwerpunktregion Hongkong, die mit einer Tanzperformance und Kurzfilmen demonstrierte, dass in der teilautonomen chinesischen Metropole Kunstfreiheit herrscht. Die Verbindung zum asiatischen Animationsfilm soll ausgebaut werden. 2020 rückt auch Frankreich in den Fokus, ein produktionsstarkes Trickfilmland – im Gegensatz zu Deutschland.

„Hier muss sich grundsätzlich etwas ändern“, sagt Ulrich Wegenast, der künstlerische Leiter des Festivals. „Vier von fünf der erfolgreichsten deutschen Filme 2018 im Ausland waren Trickfilme, aber beim Deutschen Filmpreis gibt es keine Kategorie dafür. Die deutschen TV-Sender sind viel zu zurückhaltend in Sachen Animation auch für Erwachsene und kaufen Inhalte im Ausland, statt sie hier zu produzieren. Viele Talente, die wir hier in teuren Hochschulen ausbilden, gehen weg aus Deutschland.“ Er plädiert zusätzlich zur Filmförderung für Steueranreize, wie andere Länder sie längst haben. Einen Trick-Langfilm aus Stuttgart indes wird es geben: Daniel Nocke, Absolvent der Ludwigsburger Filmakademie, habe schon das Drehbuch geschrieben, sagte der Produzent Thomas Meyer-Hermann. „Es wird ein Langfilm mit tierischen 3-D-Charakteren wie aus Nockes Talkshow-Persiflage, ,Wer trägt die Kosten?‘“.

Auch beim Festival blickt man in die Zukunft. Die Verknüpfungen mit Bildender Kunst im Kunstmuseum und mit Popmusik in der Game Zone im Kunstgebäude haben Impulse gesetzt, jeweils in Verbindung mit virtuellen Realitäten. „Wir verstehen die Game Zone als ein Laboratorium für das Kino der Zukunft“, sagt Wegenast. Er kann sich vorstellen, am Marktplatz ein Open-Air rein für Spiele auszurichten. Schon 2020 soll dies in Kooperation mit dem Sponsor Breuninger an dessen Fassade erprobt werden.

Bleibt die Frage: Braucht das Open-Air am Schlossplatz eine Wetterplane? „Wir sind in Gesprächen, wie es weitergeht, aber die Situation auf dem Schlossplatz ist komplex“, sagt Wegenast. „Dieses Jahr durfte der Sponsor Playmobil eine acht Meter hohe Spielfigur nicht aufstellen. Zugleich steckt aber momentan kein öffentliches Geld im Open-Air, das sehr teuer ist – das müsste sich ändern, wenn man keine weitere Kommerzialisierung möchte.“ Die öffentlichen Träger müssen nun abwägen, was ihnen diese publikumsträchtige Freiluftveranstaltung wert ist, die Stuttgart in anderem Licht erstrahlen lässt.

Grand Prix – Hauptpreis des Landes Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart: „Bloei­straat 11“ von Nienke Deutz (Belgien, Niederlande 2018).

Lotte Reiniger Förderpreis – Bester Abschlussfilm: „Animals“ von Tue Sanggaard (Dänemark 2019).

Young Animation – Bester Studentenfilm: „Sounds good“ von Sander Joon (Estland 2018).

Bester Langfilm: „Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft“ von Mamoru Hosoda (Japan 2018).

FANtastischer Preis, gestiftet von der Animation Family, den treuesten Fans des Stuttgarter Trickfilm-Festivals: „Bear with me“ von Daphna Awadish (Niederlande 2018).

Preis für den besten animierten Kurzfilm für Kinder: „The Kite“ von Martin Smatana (Tschechien, Slowakei 2018).

Deutscher Animationssprecherpreis: Otto Waalkes in „Der Grinch”.

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