Die Stadt Leinfelden-Echterdingen lockt Mediziner mit 100 000 Euro, wenn sie sich für mindestens zehn Jahre niederlassen. Doch bislang wollte keiner das Geld. Was tun?
Entgegen einer aktuellen Umfrage der AOK, beklagen die Freien Wähler/FDP in Leinfelden-Echterdingen, dass sich die medizinische Versorgung in ihrer Stadt deutlich verschlechtert habe. „Ich bekomme das hier täglich mit“, sagt Fraktionschef Eberhard Wächter, der als Apotheker in Echterdingen arbeitet. Es habe in Leinfelden-Echterdingen lange Zeit genug Mediziner in jeder Fachrichtung gegeben. Mittlerweile sei das nicht mehr der Fall. Diesem Niedergang wolle er nicht tatenlos zusehen.
Die Patientinnen und Patienten müssten weitere Wege zurücklegen, weil Praxen schließen oder zusammengelegt worden sind, betont Wächter. In Musberg hätten sich sehr viele darüber geärgert, dass eine Praxis geschlossen wurde und in eine Hausarztpraxis an der Filderklinik übergangen ist. „Die Klinik ist weit weg von Musberg“, sagt Wächter. Die Patientinnen und Patienten hätten Probleme bei anderen Ärzten – beispielsweise in Oberaichen – unterzukommen, weil diese überlaufen seien.
Lösungen für den Ärztemangel auf den Fildern gesucht
Zum Jahreswechsel hat eine Praxis an der Brühlstraße in Echterdingen geschlossen. Die Ärztin arbeitet nun in einer Gemeinschaftspraxis in der Nähe des Echterdinger Bahnhofes. Schon länger gebe es in der Stadt „Zusammenlegungstendenzen“. Im April vergangenen Jahres sei eine gynäkologische Praxis von Echterdingen nach Plattenhardt gezogen. Eine Frauenärztin gebe es nun nur noch in Musberg. Diese sei entsprechend überlaufen. Weil viele Ärzte alt sind und es keine Nachfolger gibt, drohten zudem weitere Praxis-Schließungen.
Jungen Leuten werde es heutzutage nicht leicht gemacht, sich als Ärzte selbstständig zu machen. Vielleicht könne die Stadt helfen, indem sie ein Versorgungszentrum schafft und mit günstigen Mieten junge Mediziner in einer Gemeinschaftspraxis zusammenbringt. Das Thema Ärztemangel treibe die meisten Fraktionen im Gemeinderat um und sei auch Thema im OB-Wahlkampf gewesen.
Nun soll ein runder Tisch mit der örtlichen Ärzteschaft initiiert werden, den sich auch die Sozialdemokraten gewünscht hatten, „mit dem Ziel Lösungsansätze zu erarbeiten, die dem Fachkräftemangel entgegenwirken“, wie die SPD-Fraktion schon betont hatte. „Wir erhoffen uns, dort zu erfahren, welche Änderungen uns in der Ärztelandschaft noch bevorstehen“, heißt es seitens der Freien Wähler/FDP. Vielleicht könne man gemeinsam an Nachfolgeregelungen arbeiten. Die Stadt habe vor einiger Zeit auch beschlossen, 100 000 Euro auszubezahlen, wenn sich ein Mediziner in der Stadt für mindestens zehn Jahre niederlässt. Diese Anschubfinanzierung sei laut Wächter aber noch nie in Anspruch genommen worden. Bei dem runden Tisch könnte man auch darüber reden, ob und wie man ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) in der Stadt gründen könnte.
Wie hoch ist der Versorgungsgrad in Leinfelden-Echterdingen?
Zur Erinnerung: Martin Felger, Geschäftsführer der Firma Diomedes, hatte im April 2025 in einer Gemeinderatssitzung erklärt, warum die hausärztliche Versorgung zunehmend Probleme mache und was Kommunen dagegen tun können. „Es gibt immer mehr Hausärzte, die in Teilzeit arbeiten wollen“, hatte der Experte gesagt. 40 Prozent der Hausärzte seien über 60 Jahre alt. Jüngere Kollegen tendierten dazu, in Teilzeit zu arbeiten, sich in einer Praxis anstellen zu lassen. Kommunen sollten das Gespräch mit der Ärzteschaft suchen, mit Flächen für größere Praxen helfen, oder zum Arbeitgeber für Ärzte werden, indem sie ein MVZ gründen.
Der Versorgungsgrad im Mittelbereich Stuttgart – zudem auch Leinfelden-Echterdingen gehört – liegt bei 97,1 Prozent, schreibt Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Die Politik habe mit der Bedarfsplanung ein Regelwerk vorgegeben, um aus Kostengründen die Zahl der ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte zu begrenzen. Hierzu werde der Versorgungsgrad berechnet, der sich aus einem (Haus)Arzt-Einwohnerverhältnis ergebe. Das sei eine grobe Berechnung, während die Versorgungslage von der Bevölkerung sehr unterschiedlich wahrgenommen werde.