Verbringt auch die Wochenenden in der Praxis: der Marbacher Hausarzt David Strodtbeck. Foto: privat

Corona, wachsende Bürokratie, freche Patienten: Der Beruf des Hausarztes wird immer unbeliebter, viele geben auf oder lassen sich anstellen. Allgemeinmediziner berichten, was sie tagtäglich erleben – und warum sich der Stress dennoch lohnt.

Zwischen 70 und 80 Patienten behandelt David Strodtbeck – täglich. Der Internist und Allgemeinmediziner hat in Marbach am Neckar (Kreis Ludwigsburg) eine Akutpraxis, seine drei medizinischen Fachkräfte vergeben also keine Termine, sondern es kann jeden Tag jeder kommen, der sich krank fühlt. Der Arzt will niemanden abwimmeln, dem es schlecht geht. „Es kommen jedes Quartal mehr Patienten als im Quartal zuvor“, sagt Strodtbeck. Und er habe inzwischen dreifach so viele Patienten als sein Vater, der vor zehn Jahren die Praxis in die Hände von David Strodtbeck übergeben hat.

Weil er unter der Woche nicht dazu kommt, geht der 45-Jährige auch jeden Samstag und Sonntag in die Praxis: Dann kümmert er sich um den Papierkram beziehungsweise den Computerkram.

Warum tut man sich das an? Hätte David Strodtbeck nicht ein viel entspannteres Leben, wenn er sich in einem Krankenhaus oder einem medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) anstellen ließe? „In der Klinik war es toll, aber es ist schon auch toll, wenn man alles selbst planen kann“, sagt er. Außerdem könne er Patienten beziehungsweise ganze Familien über Jahre hinweg begleiten, während man als Krankenhausarzt viele Patienten nur ein einziges Mal sehe und dann nie wieder.

„Ich will nicht klagen“, sagt Strodtbeck. Und er wolle auch weiterhin neue Patienten aufnehmen. „Solange wir es schaffen, versuchen wir durchzuhalten.“ Mit „wir“ meint er: ihn und seine Sprechstundenhilfen. Einen zusätzlichen Arzt gibt es nicht in der Praxis.

Stuttgarter Ärztin behandelt nur noch Privatpatienten

Yanina Martius konnte nicht mehr durchhalten. Die Hausärztin aus Stuttgart-Möhringen behandelt seit September nur noch Privatpatienten – obwohl diese bis zuletzt nur gut zehn Prozent ihres Patientenstamms ausmachten. Die Medizinerin hat ihre Kassenzulassung zurückgegeben, weil sie den Druck nicht mehr aushielt. Dabei hatte sie erst 2018 ihre neue und modern ausgestattete Praxis eröffnet. Zuvor hatte sie zwei Jahrzehnte in Krankenhäusern gearbeitet, war Oberärztin und ist als Notärztin im Rettungshubschrauber geflogen.

Yanina Martius behandelt seit September nur noch Privatpatienten. Foto: Max Kovalenko

Doch die Pandemie hat sie an den Rand ihrer Kräfte gebracht. Aus der Praxis wurde schnell eine Corona-Schwerpunktpraxis, daraufhin brauchte Yanina Martius dringend Unterstützung. Doch sie fand weder eine weitere Ärztin noch zusätzliche medizinische Fachangestellte. Nur die langjährige Sprechstundenhilfe blieb – doch das reichte nicht. Zeitgleich wurde der Ton einiger Patienten rauer und die Vorgaben der Krankenkassen und Politik immer komplizierter. Dann litt auch die jüngere Tochter von Yanina Martius immer mehr unter der Arbeitsbelastung der Mutter. Die Hausärztin entschied sich für den radikalen Schritt: Rückgabe der Kassenzulassung.

Anfangs wollten fast alle Hausarzt werden

Für Jörg Schelling (49), ebenfalls Hausarzt, wäre das keine Option. Seit gut 15 Jahren versorgt er Patienten in seiner Praxis in Martinsried bei München. Schelling hat zudem das Institut für Allgemeinmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München gegründet und geleitet.

Inzwischen bereitet er angehende Kollegen auf die Facharztprüfung vor. In seiner Funktion als Ausbilder und Uni-Professor stellt Schelling immer fest: Fast alle Medizinstudenten träumten davon, zu Ärzten zu werden, die nicht nur mit Geräten arbeiten, sondern den Mensch als Ganzes im Blick haben. „Das geht nur als Hausarzt“, sagt er. „Dieser Beruf ist das Schönste, was die Medizin bieten kann.“

Jörg Schelling ist Hausarzt in der Nähe von München. Foto: privat

Doch im Laufe der Zeit würden sich viele von ihren Träumen verabschieden – auch weil sie beobachten, dass immer mehr Hausärzte physisch und psychisch „durch“ seien, sagt Schelling. Der 49-Jährige weiß von mehreren Kollegen, die sich in einem MVZ anstellen ließen, nur noch Privatpatienten behandelten oder keine Besuche mehr bei Patienten zu Hause oder im Altersheim machten.

Dabei sei der Beruf des Hausarztes so vielseitig: „Ich muss mich für jedes Thema interessieren, überall hinhören, weiß in jedem Bereich etwas. Das ist ein tolles Gefühl.“ In dem Gebäude, wo er seine Praxis hat, sitze ein Stockwerk über ihm ein Gastroenterologe, „der macht von morgens bis abends Magen- und Darmspiegelungen“, meint Schelling. Während er selbst Verbände wechsele, Ultraschalluntersuchungen durchführe, impfe, sich genauso um Erkältungen sowie entzündete Blinddärme kümmere wie um psychisch erkrankte Menschen. „Die Leute sind so dankbar, wenn sie nicht ein halbes Jahr auf einen Termin bei einem Spezialisten warten müssen.“

Erschöpfung und Frustration hat sich breit gemacht

Doch auch Schelling redet nicht schön, dass die vergangenen Jahre hart für Hausärzte waren: „Wir haben die Hauptlast der Coronapandemie getragen, 80 Prozent der Menschen wurden durch uns behandelt; durch Abstriche, Impfungen oder Atteste.“ Nun hätten sich viele seiner Kollegen eine „klare Anerkennung“ der Politik gewünscht, doch die sei ausgeblieben. „Viele empfinden Erschöpfung und Frustration.“ Für Jörg Schelling läge die Rettung in einem Primärarztsystem. Das bedeutet, dass Menschen nicht mehr jederzeit zu jedem Arzt gehen können, sondern sich einen festen Hausarzt suchen müssen, der einen nach Bedarf an Spezialisten verweist. „Das spart Kosten, Energie und Zeit – und verhindert eine sinnlose Überversorgung“, sagt er.

In Österreich, Dänemark, Schweden oder England gibt es dieses System bereits, „unser Gesundheitssystem ist völlig unkontrolliert.“ Zumal er oft nicht erfahre, welche Befunde seine Patienten bereits hätten, „wir haben auch ein Digitalisierungsproblem“.

In der Freizeit schreibt der Arzt Romane

Bis es zu echten Verbesserungen für Hausärzte kommt, versucht David Strodtbeck in seiner wenigen freien Zeit so gut wie möglich zu entspannen. Er verreist gerne mit seiner Familie, spielt Tennis, fotografiert. Außerdem schreibt er historische Romane, zwei sind bereits erschienen, am dritten arbeitet er gerade, meist spätabends. Damit kommt er seiner zweiten Leidenschaft neben der Medizin – dem Kreativen – auch wieder näher. Als junger Mann konnte er sich nämlich zunächst nicht entscheiden: Arzt werden – oder Kunst studieren. Den Studienplatz an der Kunstakademie hatte er schon.