Am Tower im Escape Room Foto: Roberto Bulgrin - Roberto Bulgrin

„Hacker Attack“ heißt es an der John-F.-Kennedy-Schule in Esslingen. Im medienpädagogischen Projekt „Escape Room“ lernen Schüler, wie sie das Internet sinnvoll und sicher nutzen.

EsslingenDie dunkle Gestalt, die sich im Kapuzenpulli verbirgt, lacht gemein aus dem Bildschirm: „Ah, da hat jemand meine Hackerbude gefunden, willkommen!“ Er lädt zu einem kleinen Spielchen ein: „Ich gebe euch eine Chance, mich zu finden – aber ein falscher Knopf, dann richtet sich die Attacke gegen euch.“ Zehn Schüler des Berufskollegs an der John-F.-Kennedy-Schule starren gebannt auf den Spiele-Turm, der mitten im Escape Room steht. 45 Minuten haben sie nun Zeit, um spielerisch das nächste Opfer des Hackers zu retten. Dabei lernen sie, wie man das Internet geschickt nutzt, welche Tücken es hat, wie es Fake News streut und private Daten einsaugt. Das Spiel „Hacker Attack” ist ein Angebot der Landeszentrale für politische Bildung (LPB). Die kaufmännische Schule in Esslingen-Zell nutzt das medienpädagogische Projekt die ganze Woche.

Medienkompetenz ist für die berufliche Zukunft unverzichtbar. Firmen erwarten heute, dass sich ihre Mitarbeiter sicher und reflektiert im Netz bewegen. Dass manche Schulen Smartphones ganz verbieten, kann Julia Heim, Mitarbeiterin der LPB, nicht verstehen. Die John-F.-Kennedy-Schule sei schon einige Schritte weiter: mit einer Schul-Plattform, einer App und WLAN-Zugängen für Schüler, Lehrer und Gäste.

Wen trifft der Shitstorm?

Am Projekttag sollen sich die Schüler spielerisch mit Passwörtern, Fake News, Big Data, Bildrechten und Sicherheit beschäftigen, erklärt Clarissa Schnitzer, die Medienpädagogin von der LPB. Über interaktives Gaming soll die emotionale Beteiligung angeregt und eine hilfreiche Lernatmosphäre geschaffen werden. „Eigentlich sollte eure Klasse einen Schüler mehr haben“, startet Julia Heim das Spiel, „aber der ist gehackt worden. Alle Daten, Fotos und auch persönliche Nachrichten findet man im Netz.“ Der folgende Shitstorm habe ihm die Lust auf den Schulbesuch vergällt. Und nun suche der Hacker sein nächstes Opfer.

Zehn Schüler betreten die „Hackerbude“ und stehen vor dem „Turm“, einem hohen Kasten mit Bildschirm und vier Kameras, die das Geschehen zur Controllerin im Nebenraum übertragen. Die Schaltleiste „True – Fake“, ein Hacker-Safe und ein Brett voll bunter Knöpfe werden im Lauf des Spiels zum Einsatz kommen. Im Zimmer sind Rätsel verteilt, ein Lexikon und ein Buch übers Darknet. Brauchen werden die Schüler zudem Köpfchen und Teamgeist.

Fünf Personen sind ins Visier des Hackers geraten. Auf wen zielt der nächste Shitstorm? Können die Schüler noch rechtzeitig eingreifen? „Es war schwierig, aber wir haben es im letzten Moment gelöst“, erzählt Kathrin (18). Die Angaben seien schon verwirrend gewesen, ergänzt Michelle (17). Schnell wussten sie, dass das Opfer Schokolade mag – aber nicht nur es allein. Manche Aufgaben kann man allein lösen, andere nur in Teamarbeit. Wenn die Rollen schnell verteilt sind, kommt eine Gruppe gut voran, weiß Moderatorin Clarissa Schnitzer – und wenn die Einzelergebnisse in das Team eingespeist werden. Wenn es nicht so gut läuft, hilft die Ratgeberin im Nebenraum schon mal mit einem „Meta-Tipp“ auf die Sprünge.

Kaum einer benutzt Fachbücher

Und was haben die Schüler nebenbei gelernt? „Dass man Passwörter besser wählen muss“, sagt Johannes (17), und Michelle verrät, dass es schon einige in der Klasse getroffen hat und ihre E-Mail-Accounts gehackt wurden. Spaß gemacht hat das Spiel in der Hackerbude allemal, da sind sich die Schüler einig. In der Nachbesprechung wird viel über Youtube und Influencer geredet. Die jungen Leute nutzen Lernvideos, lernen auch Sportübungen oder Gitarrespielen. Aber oft schauen sie nur Musikclips oder einfache Unterhaltung an. „Man lässt viel Zeit liegen, wenn man gleich das nächste Video anschaut“, meint ein Schüler. „Nicht so toll, wenn man gerade auf eine Prüfung lernen sollte“, bringt es Julia Heim auf den Punkt und erntet allgemeines Kopfnicken. Auch Info-Filme zu Politik kennen die Schüler. Die Medienpädagogin empfiehlt die Plattform „Funk“ der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF, die sich speziell an Jugendliche wendet. Die würden sich mit ein paar Jugendwörtern anbiedern, reagiert ein junger Mann ablehnend. Aber über Youtube würden auch Fake News und Verschwörungstheorien verbreitet, kontert Julia Heim.

Mancher Schüler nutze noch recht unbedarft irgendwelche Internetportale, weiß Lehrer Florian Leyrer, der als Fachkoordinator Geschichte und Gemeinschaftskunde die Projektwoche im Escape Room initiiert hat. Dass Schüler für ihre Referate Fachbücher nutzen, erlebt er eher selten. Deshalb seien die korrekte Online-Recherche und der gewissenhafte Umgang mit Quellen absolut wichtig. Spätestens bei der Präsentation im Abi werde das verlangt. Und im Berufsleben ebenso.

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