Das Kraftwerk in Stuttgart-Münster Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

In Nürnberg und Jena sind bei 30 000 Menschen Heizung und teils auch Warmwasser ausgefallen. Bei klirrender Kälte gibt es Probleme mit dem Fernwärmenetz. Wie sicher sind Zehntausende Nutzer in Stuttgart und der Region?

Stuttgart - Eine Hiobsbotschaft in Sachen Fernwärme jagt derzeit bundesweit die nächste. In Jena und Nürnberg haben die Oberbürgermeister den Katastrophenfall ausgerufen. Dort waren jeweils 15 000 Menschen von Problemen betroffen. Heizungen und teils auch Warmwasserversorgung funktionierten nicht – und das bei den aktuell eisigen Temperaturen. In Nürnberg war der Grund ein Brand in einem Kraftwerk, in Jena gab es ein Leck an einer Fernwärmeleitung. Auch in Heidelberg waren zuletzt wegen eines Defekts an einer Versorgungsleitung mehrere Straßenzüge unversorgt.

Schrillen da die Alarmglocken auch im Großraum Stuttgart? Setzen die zweistelligen Minustemperaturen den Rohren zu? „Die Vorfälle bei den Kollegen haben mit der Kälte nichts zu tun“, sagt Marc Jüdes, der beim Energieversorger EnBW für die Fernwärme zuständig ist. Ein Brand wie in Nürnberg sei eine Ausnahmesituation. Die Häufung lasse sich eher indirekt mit dem Wetter in Verbindung bringen: „Wenn es so kalt ist wie jetzt, schlagen solche Probleme halt voll durch.“ In allen Fällen habe die Branche aber sofort reagiert. Innerhalb weniger Stunden hätten auch andere Anbieter mit Personal und technischen Anlagen ausgeholfen.

Und in der Region Stuttgart? Hier ist die EnBW der mit Abstand größte Anbieter. Der sogenannte Fernwärmeverbund Mittlerer Neckar bedient ein Gebiet von Stuttgart über Esslingen, Altbach und Deizisau bis nach Plochingen. Damit werden rund 25 000 Haushalte, 1300 Industrie- und Gewerbebetriebe sowie 300 öffentliche Gebäude versorgt. Im Land ist die EnBW zudem vor allem in Heilbronn und Karlsruhe mit einem eigenen Netz oder als Vorlieferant aktiv.

Mehrere Kraftwerke sichern sich gegenseitig ab

Im Raum Stuttgart erzeugen die drei Heizkraftwerke in Stuttgart-Münster, Stuttgart-Gaisburg und Altbach/Deizisau sowie ein Spitzenheizwerk in der Stuttgarter Marienstraße Fernwärme mithilfe von Kraft-Wärme-Kopplung. Beim Verbrennen von Müll, Kohle oder Erdgas wird Strom produziert. Dabei entsteht als Nebenprodukt Wärme. Sie fließt in Form von Heißwasser über Leitungen zu den Kunden und gibt dort über einen Wärmetauscher Energie an die Heizung ab. Das abgekühlte Wasser fließt anschließend zurück in die Kraftwerke.

„Dieses System hat mehrere Vorteile“, sagt Jüdes. Zum einen sicherten sich die Anlagen gegenseitig ab, sodass selbst bei Problemen mit einer davon die anderen zuverlässig Wärme lieferten. Zudem könnten viele Kunden aufgrund der weit verzweigten Leitungen von zwei Seiten bedient werden, falls es auf einer Strecke ein Leck gebe. Zu sehen sind entlang des Neckars nur die Hauptleitungen. Alles andere verläuft – im Gegensatz etwa zum Osten Deutschlands – vorwiegend unterirdisch. Und auch der Brennstoff-Mix sorge dafür, dass Engpässe nicht zu erwarten seien, so Jüdes. Vorfälle wie in Nürnberg oder Jena habe es hier zuletzt nicht gegeben, auch derzeit komme man mit dem Bedarf und den Bedingungen während der Kältewelle gut klar.

Fernwärme erfreut sich in der Region steigender Beliebtheit. „Wir wachsen in jedem Jahr“, sagt Jüdes. Die letzte große Erweiterung sei in Richtung Feuerbach erfolgt. Allerdings ist das Wachstum nicht unbegrenzt. Zum einen müsste die Erzeugung durch neue Kraftwerke steigen, wenn in ganz großem Stil neue Kunden dazukommen würden. Zum anderen schränkt die Topografie die Nutzung von Fernwärme ein. Weil die Kraftwerke im Neckartal liegen, können sie nur Kunden in Höhenlagen bis 300 Meter versorgen. Denn technisch wäre ein Hinaufpumpen über mehr als hundert Meter Höhenunterschied enorm aufwendig. Also bleiben die Leitungen unten – wie die Temperaturen.

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