Dream-Team im Literaturhaus: die Künstlerin Cornelia Schleime und Martin Walser. Foto: Lichtgut - Ferdinando Iannone/Ferdinando Iannone

Zwischen Schlafen und Wachen: Der 95-jährige Martin Walser hat zusammen mit der Künstlerin Cornelia Schleime im Stuttgarter Literaturhaus die Gestalten seiner nächtlichen Fantasien zum Leben erweckt. Ein denkwürdiger Abend.

Ist er das wirklich oder hat man womöglich nur geträumt? Diese Frage steht immer wieder im Raum des Stuttgarter Literaturhauses, das sich an diesem denkwürdigen Abend in ein Schwellenreich zwischen Schlafen und Wachen verwandelt, zwischen geheimen Nachtgedanken und Rampenlicht, zwischen Wiedersehen und Abschied. „Ich bin ein anderer. Ich will in mein Auto, da sitz ich schon drin. Und der, der da drin sitzt, bin ich. Aber ich sehe nicht aus, wie ich mich kenne.“ So beginnt das Ganze.

Auf der Bühne sitzt vermutlich der älteste Gast, der hier jemals seine jüngste Publikation vorgestellt hat: der Nestor der deutschen Nachkriegsliteratur, Martin Walser. Vor genau einem Monat hat er seinen 95. Geburtstag gefeiert. In Strickjacke, sehr bequemer Hose und mit einem gut gefüllten Glas Weißwein nimmt er nun den Faden der Lebenserzählung noch einmal auf, der sich diesmal an die flüchtigen Gestalten knüpft, mit denen man im Schlaf Umgang pflegt.

Schwänze gehören dazu

„Wie geht es ihnen?“, eröffnet der Fernsehkritiker Denis Scheck das Gespräch. „Das weiß ich noch nicht“, lautet Walsers Antwort, der sich selbst mit schonungsloser Komik als „95-jährige Halbleiche“ beschreibt, mit der anderen Hälfte aber immer wieder eine verblüffend wache Schlagfertigkeit aufblitzen lässt. In seinem „Traumbuch“ hat er Protokolle der Nachtseite seiner Fantasie zusammengetragen, die sich mit den Bildfindungen der Künstlerin Cornelia Schleime zu eigentümlichen „Postkarten aus dem Schlaf“ vermählen. Leibhaftig begegnen sich die beiden nun zum ersten Mal auf dem Podium. Walsers Seelenheimat, den Bodensee, kennt die 1953 geborene Berlinerin nur von Postkarten, doch im Schlaf liegen sie auf einer Wellenlänge – ein Dream-Team, wie Denis Scheck einwirft.

Von Affinität und Seelenverwandtschaft spricht Cornelia Schleime, selbst die obskuren Sexualträume seien ihr mehr als vertraut. Auf vielen der in einer begleitenden Ausstellung im Literaturhaus gezeigten Bilder finden sich Formen, die sofort an Sigmund Freud denken ließen, wenn Walser sich nicht jede psychoanalytische Annäherung verbeten würde. Ein langer Affenschwanz kringelt sich – „Schwänze müssen schon ein bisschen dabei sein“, meint die Künstlerin. Ohne die klare Wildheit der Bilder wäre es nie zu dem Buch gekommen, sagt Walser: „Ich werde sie dafür nachher küssen“, welcher Aussicht die so Gewürdigte mit stoischem Lächeln entgegensieht.

Wie die Stuttgarter Straßenbahn

Die Tagesreste, an denen sich seine Traumlogik abarbeitet, kann man getrost als Zeitgeschichte bezeichnen. Ein „Who is who“ des deutschen Geisteslebens, von Thomas Mann bis Jürgen Habermas, von Bert Brecht bis Hans Magnus Enzensberger, der etwas über den „Selbstkostenpreis Gottes“ mitzuteilen hat. „Sie träumen mit Niveau,“ zollt Scheck Respekt. Walser: „Ich hoffe das geht allen so.“

Zu der abgeklärten Heiterkeit der zwischen Séance und Lesung schillernden Veranstaltung zählt, dass Walser, der aus seinen körperlichen Unzulänglichkeiten weder auf dem Podium noch im Text einen Hehl macht, seine eigene Weise hat, auf die Fragen zu antworten, die ihm der Kritiker zuspielt. Was dieser leicht entnervt so kommentiert:„Wie die Stuttgarter Straßenbahn – Walser geht seinen Weg.“

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Statt auf artige Stuttgart-Vorlagen wie seine Erfahrungen mit Arno Schmidt als Redakteur beim ehemaligen Süddeutschen Rundfunk einzugehen, beginnt Walser die Reise durch 25 Jahre Traumarbeit. Er liest, und ist dabei kaum mehr zu stoppen. In dem so vertrauten Zungenschlag, dem weich rollenden Wasserburger Alemannisch, erwachen die Ausgeburten der nächtlichen Fantasie zum Leben. Und es ist eine spezielle Erfahrung, viele der in sonderbare Handlungen verstrickten Akteure links und rechts neben sich im Saal zu finden: Hier Walsers Frau Käthe, die vom Träumer ertappt wird, wie sie sich mit dem Vorsitzenden der deutschen Siedler auf einer Insel einlässt. Auf der anderen Seite der Büchnerpreisträger Arnold Stadler, der vergnügt zur Kenntnis nimmt, wie er sich in einem Traum auf Walser gelegt und diesen als miesepetriges Weib beschimpft habe. Reich-Ranicki geistert mit einem Stöckchen durch das Traumgespinst und geht auf den ebenfalls mit Stöckchen bewaffneten Schläfer los. Wessen Stöckchen denn länger gewesen sei, will Scheck wissen? „In einem solchen dramatischen Augenblick misst man nicht.“

Die klare Wildheit, die Walser an den Bildern Cornelia Schleimes lobt, gibt diesem Auftritt seine eigene Würde als Widerspiel von Hinfälligkeit und Größe, Absence und Geistesgegenwart. Es ist ein anderer Martin Walser, als der, den man in früheren Jahren hier so oft erlebt hat. Und doch ist er ganz er selbst. Wozu die der Künstlerin verheißenen Küsse ebenso gehören wie die unerschrockene Bereitschaft zur Selbstentblößung. Als ein Ereignis kollektiven Träumens wird man ihn in Erinnerung behalten.