Von Dietholf Zerweck

Stuttgart - Ein hochinteressantes Kontrastprogramm bildeten die beiden Hälften des jüngsten Staatsorchester-Konzerts im Stuttgarter Beethovensaal. Mozarts erstem Klavierkonzert, vom Zehnjährigen 1767 komponiert, und dem zehn Jahre später verfassten „Jenamy“-Konzert in Es-Dur gab Martin Stadtfeld eine eigenwillige Interpretation. Darauf folgte die deutsche Erstaufführung von Mieczyslaw Weinbergs 1991 vollendeter 21. Sinfonie „Kaddish“ - gewidmet den Opfern des Warschauer Ghettos. Dirigent Thomas Sanderling, der Weinbergs letzte Oper „Der Idiot“ 2013 in Mannheim uraufgeführt hat, war der ideale Interpret: um größtmöglichen Ausdruck ohne falsches Pathos bemüht, sehr berührend in der Darstellung der individuellen Chiffrensprache des Komponisten, souverän in der Gestaltung des fast eine Stunde währenden sinfonischen Monuments.

Sanderling, 1942 im damaligen Leningrad geboren, lernte Weinberg, der 1939 aus Polen in die Sowjetunion emigrierte, im Elternhaus kennen. Viele Werke dieses Komponisten sind autobiografisch geprägt. Seine 21. Sinfonie erscheint in ihren sechs pausenlos aufeinander folgenden Sätzen dem hebräischen Titel gemäß wie ein monumentaler Trauergesang. Schon zu Beginn dringt ein weit gespanntes „Kaddish“-Solo der ersten Violine in die Düsternis eines dissonanten Chorals: Konzertmeister Jewgeni Schuk spielt es ohne sentimentales Vibrato, klagend, tröstlich, sehr verinnerlicht - bis es zum Schweigen gebracht wird durch die grellen Tutti-Schreie des Orchesters. Doch das Motiv kehrt wieder, von Harfenakkorden begleitet, gestopfte Trompeten nehmen es wie erwürgt auf; dann plötzlich dieses Klavier-Zitat aus Frédéric Chopins g-Moll-Ballade, wie aus der Erinnerung herbeigeweht, ein Epitaph. Nach diesem ungeheuren Largo folgen zwei nur durch eine Reminiszenz an jüdische Volksmusik - Klezmerklarinette, Geige, Kontrabass (mit einem expressiven Solo von Burkhard Mager) - unterbrochene Totentanz-Scherzi à la Schostakowitsch, weniger auf orchestrale Effekte ausgerichtet, dennoch eindrucksvoll: grelle Blechbläser, scharfe Rhythmik, erregt, aufgepeitscht, perkussiv. Wie aus der Kindheit klingt ein Xylophon-Liedchen herbei, mit durchdringenden Glockenschlägen und gewaltigem Pathos samt Tempelgong und Rätsche wird das Finale eingeleitet, ein wilder Kampf aller Instrumentengruppen, allmählich zurückkehrend zur Erschütterungstiefe des Anfangs, mit einem Sopransolo in La-La-Vokalisen am Schluss, vielleicht im Gedenken an die im KZ ermordete Schwester des Komponisten, seine Familie, die Kinder des Warschauer Ghettos. Noch einmal das abgebrochene Chopin-Zitat, ein dudelndes Harmonium, der lang ausgehaltene Schrei der Sopranistin Mandy Fredrich, nachgellend im Tutti-Aufschrei des Orchesters, dann die auskomponierte Stille: ein bewegendes Werk, facettenreich dargeboten von Sanderling und dem Staatsorchester.

Martin Stadtfelds Mozart-Interpretationen zuvor reichten vom spielerisch weichen Ansatz des Frühwerks bis zu den plastisch artikulierten Motiven und wuchtig vorgetragenen Dunkelheiten im Es-Dur-Opus, gewidmet Louise Victoire Jenamy, der Tochter des Choreografen Jean-Georges Noverre. Erstaunlich, wieviel melodische Erfindung in jenem frühen Werk schon mitspielt. Im Jenamy-Konzert überhöhten Stadtfeld und Sanderling das Andantino ins Tragische. Die eigenwilligen Kadenzen des Pianisten steigerten sich zu manieriertem Tremolo-Geklingel und Chopin-artigen Einfällen, aus deren Schwermut sich Stadtfeld zu alles überstrahlender Heiterkeit im Schlussrondo befreite.

Das Konzert wird heute, 19.30 Uhr, im Beethovensaal wiederholt.

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