Nur die Bilder zählen, und deshalb pflanzen Nixon (Michael Mayes, rechts) und Kissinger (Shigeo Ishino) Stars and Stripes ins Kommunistenland. Foto: Matthias Baus - Matthias Baus

John Adams’ Oper über den ersten Staatsbesuch eines US-Präsidenten in der Volksrepublik China hat Marco Storman in Stuttgart klug in Szene gesetzt: als Schaustück über die Diktatur der Bilder.

StuttgartMaoisten sind erfreulicherweise seit längerem ausgestorben. Einen nicht unwesentlichen Beitrag zum Verschwinden der ideologischen Spezies leistete der Staatsbesuch Richard Nixons in der Volksrepublik China vom 21. bis 28. Februar 1972 – der erste eines US-Präsidenten im zuvor verfemten Kommunistenreich. Dass sich der Große Vorsitzende höchstselbst und der oberste Vertreter des US-Imperialismus die Hände schüttelten, die sie einander nicht abhacken konnten, ging – ganz im Sinne Nixons – als souveräner Entspannungspragmatismus in die Geschichte ein. Die (westlichen) Anhänger Mao Tse-tungs indes witterten Verrat: Die Lichtgestalt der permanenten Revolution erlosch. Trotzdem oder gerade deshalb: Zwei große Männer kommen aus der Deckung und machen Weltgeschichte. Eine Heldentat? So scheint es. Mit Fug und Recht nennt „Nixon in China“-Librettistin Alice Goodman das von John Adams komponierte, 1987 in Houston uraufgeführte Zeitgeschichtsmelodram eine „heroische Oper“. Aber nur mal zur Erinnerung, mit wem wir es da zu tun haben: Mao, als Chefideologe und Initiator vor und während der Kulturrevolution verantwortlich für Mil­lionen von Ermordeten; und Nixon, der mit allen Watergates gewaschene Lügner und „Ressentiment-Politiker“, wie Richard Sennett schreibt, einer der miesesten aller US-Präsidenten, erst 43 Jahre nach seinem Rücktritt von 1974 noch unterboten. Nette Leute also, die scheinbar harmlos auf der Stuttgarter Opernbühne vorgeführt werden. Doch der Schein trügt – dank Marco Stormans kluger Inszenierung und dank dem Werk selbst.

Kopien ohne Original

Denn es geht in dieser Oper nicht um Personen und ihre moralische oder politische Bewertung. Es geht um Bilder. Genauer: um die Übertragung von Andy Warhols Technik der subversiven Affirmation auf das Musikdrama. Soll heißen: Die medientauglichen Helden-Posen werden weder kritisiert noch offen ironisiert, sondern zur Überlebensgröße gesteigert, bis von den Ikonen nur noch das grobe Raster bleibt – keine Menschen, sondern Kopien, deren Original nicht existiert. Oder zumindest zu jämmerlicher und mickriger Bedeutungslosigkeit schrumpft. Mao, Nixon, Chou En-lai und Co. als Menschenrestlein: Trefflicher kann man Macht und Autorität nicht auf ihren hohlen Kern durchleuchten. Adams’ Komposition legt davon Zeugnis ab. Es ist Minimal Music in maximaler Gestalt: Das elementare Klangmaterial der Tonleitern, Akkordbrechungen, Wiederholungsmuster im dauermotorischen Puls – sozusagen akustische Bildpixel – fügt sich durch Überlagerung zu den ganz großen Klang-Ikonen. Was mit einer schlichten a-Moll-Tonleiter beginnt, erzeugt an den Höhepunkten den Sog der romantischen Oper – und es gehört zur erstaunlichen Kunst der Partitur, noch im Kitsch kitschfrei und noch in den Zitaten nicht epigonal zu klingen. Wenn im zweiten Akt das Motiv des Jesus-Propheten Jochanaan aus Richard Strauss’ „Salome“ bruchlos in Wotans Abschied aus Wagners „Walküre“ übergeht, borgt das auf fadenscheinige Weise die Aureole für den guruhaften Mao: Pathos, das alsbald in Pixel zerfällt; Kopie statt Wahrheit.

Dieser Entlarvung der Bilder als fauler Zauber folgt Stormans Regie. Und dazu bemüht sie historische Wahrheit – und René Magritte. Spruchbänder werden entrollt, auf denen, wie auf einem berühmten Bild des Surrealisten, zu lesen ist: „Ceci n’est pas la revolution“ (Das ist nicht die Revolution) oder „Ceci n’est pas Mao Tse-tung“. Ist es in der Tat nicht, sondern: ein Bild. Auf Frauke Löffels trefflich variabler Bühne wird ein solches Bild als Hintergrund zusammengepuzzelt, Motiv „Morgenröte der Revolution“: Gardisten bei freudiger Mao-Bibel-Lektüre, dargestellt in schönster „Wachturm“-Ästhetik. Revolution? Vergiss es. Sektiererhafte Unterwerfung mit selbsternanntem Erlöser. Und der, nämlich Mao, philosophaselt im Gespräch mit Nixon wirres Zeug. Konkrete politische Themen delegiert er kaltschnäuzig an Premier Chou En-lai, später – Jochanaan-Motiv! – tauft er allen Ernstes ein bedauernswertes Opfer brutaler kapitalistischer (und sexueller) Ausbeutung. Personenkult samt Anleihen bei religiöser Liturgie quittieren die Verwandlung des Kommunismus in sein Gegenteil, den Übergang der Revolution nach ihrem Sieg in Konterrevolution. Das ist nicht neu, aber beklemmend inszeniert – und die historische Wahrheit, die Storman auch in körpersprachlicher Symbolik durch seine Inszenierung zieht. Beispiel: Gleich zu Beginn segelt ein Exemplar des „Time“-Magazins vom Bühnenhimmel, aus dem kurz danach Nixon einschweben wird. Die zinnsoldatenhafte chinesische Garde lacht über den medialen Vorboten aus der imperialistischen Druckpresse. Premierminister Chou En-lai drückt den Soldaten dann die Mao-Bibel in die Hand – und sie sind wie beflügelt, doch der freie Flug geht in Buckeln und Ducken über wie einst unter den Unterdrückern und Ausbeutern. Am Ende fallen dann – unsymbolisch – die Opfer, sobald der kulturrevolutionäre Mao ihre Reihe abschreitet: Die Todesmaschinerie hat die „Morgenröte“ abgelöst.

Matthias Klink singt Mao, den Tenorhelden, anfangs etwas angestrengt, dann aber mit verführerischem Sektenführer- und Womanizer-Schmelz zum Echo seiner drei Sekretärinnen (jedes seiner güldenen Worte muss ja verewigt werden). Auf der Gegenseite gibt Michael Mayes mit mächtigem Bariton (der nur manchmal die Töne etwas hochziehen muss) einen yankeehaften Nixon: Dauerwahlkämpfer, mediengeil, zu jedem Bad in der Menge bereit, wenn ihn „News“ und „Prime Time“ in Verzückung versetzen. Pat Nixon (Katherine Manley mit schönem lyrischem Sopran) lanciert ihre mondänen Kantilenen dazwischen, und eigentlich kommen den Nixons die Kommi-Chinesen gerade zupass für den eigenen Ewigkeitswert in der „Hisssstory“ (zischt der Präsident). Wie sich die Systeme angleichen, zeigt Regisseur Storman so deutlich wie Komponist Adams, der einen Revolu­tionschor wie eine Squaredance-Party von Ami-Evangelikalen klingen lässt.

Das falsche Bild

Doch dann läuft die Show den Nixons aus dem Ruder, und dafür sorgt Maos Gattin Chiang Ch’ing (furios keift die Koloratursopranistin Gan-ya Ben-gur Akselrod die Arie „I am the wife of Mao Tse-tung“). Ihr Ballett vom „Roten Frauenbataillon“ – die Verfilmung des Originals flimmert über den transparenten Vorhang – trifft Pat Nixons Empathienerv, reißt sie ins Geschehen auf der richtigen, also falschen Seite: die Präsidentengattin (und dann auch dieser selbst) im revolutionären Kampf gegen brutale kapitalistische Vergewaltigung, begangen von keinem anderen als dem maskierten Sicherheitsberater Henry Kissinger (sehr prägnant: Shigeo Ishino). Aber der Rollenwechsel ist das falsche Bild, die entscheidende Störung, und deshalb bleibt der dritte Akt bei Storman nahezu bilderlos: konsequent für die Katerstimmung nach dem Staatsakt, für die nun in Chromatik und süßlicher Spätromantik zerbrechende Musik, deren Orchesterpart leider – anders als im Original – nur noch aus dem Lautsprecher kommt. Zuvor hatte ihn André de Ridder mit dem Staatsorchester dynamisch ausgefeilt, trotz ein paar Unschärfen in der empfindlichen Feinmechanik von Adams’ Musik, und manchmal fehlte etwas der Biss in den Akzenten des Blechs. Markant dafür Bernhard Moncados Opernchor.

In diesem Ausklang der desillusionierenden Persönlichkeits- und Befindlichkeitsreste ist es der überragende Jarrett Ott als Chou En-lai, der mit geschmeidigster Stimme der poetischen Melancholie den Ausdruck des Absurden verleiht. Nixon, dieser Populist, hat sich derweil ins Volk – ins Publikum – verdrückt, und am Ende segelt wieder ein „Time“-Magazin von oben. Die Diktatur der Bilder kehrt wieder, zeigt Stormans grandiose Regie. Riesenjubel im Opernhaus.

Die nächsten Vorstellungen: 12. und 20. April, 3., 9. und 11. Mai.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: