Christian Rauschenberg ist Facharzt für Psychologie und Psychotherapie. Foto: ZI Mannheim

Das Mannheimer Institut für Seelische Gesundheit entwickelt eine App, um die Gefühlswelt von Jugendlichen zu stärken. Ein Gespräch mit dem Psychologen Christian Rauschenberg.

Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat sich während der Corona-Pandemie erheblich verschlechtert. So lautet zusammengefasst das Ergebnis einer Studie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, für die knapp 3000 Familien mit Kindern im Alter von sieben bis 22 Jahren befragt wurden. Zwar hat sich demnach die psychische Verfassung inzwischen wieder insgesamt verbessert, das Vorkrisenniveau ist aber längst nicht erreicht. 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen sprechen von geminderter Lebensqualität. Davon zeigen 23 Prozent Angstsymptome und 13 Prozent depressive Anzeichen. 18 Prozent fühlen sich einsam.

An dem Punkt setzt die Forschung an. So will das Reallabor „AI4U“ am Mannheimer Institut für Seelische Gesundheit mit einer KI-App (ai4u-training.de) jungen Menschen Hilfe bei psychischen Problemen geben. Dazu ein Gespräch mit dem Projektkoordinator Dr. Christian Rauschenberg, Facharzt für Psychologie und Psychotherapie.

Herr Rauschenberg, was war der Anlass, die AI4U-App zu entwickeln?

Junge Menschen nutzen heute sehr häufig das Smartphone. Und bei aller Kritik, die durchaus angebracht sein mag, kann man über dieses Medium wissenschaftlich fundierte Inhalte zu den Menschen bringen. Man erreicht junge Leute dort, wo sie sich ohnehin gerne aufhalten – in der digitalen Lebenswelt. Und hier wollen wir ihnen in ihrer Sprache etwas anbieten, das gesundheitsfördernd und hilfreich wirkt.

Das heißt konkret?

Wir erfragen Wohlbefinden auf verschiedenen Skalen. Wie hast du geschlafen? Wie ist deine Stimmung? Freust du dich auf den Tag? Die App fragt mehrmals am Tag nach dem Befinden – und wie man sich gerade fühlt. Diese Abfrage hat bei den Testpersonen dazu geführt, dass sie sich nach und nach bewusster machen: Wie geht es mir eigentlich gerade? Das Gespür für das eigene Wohlbefinden schärft sich und man bekommt eine solide Grundlage, um dann etwas für die eigene Gesundheit zu tun.

Gibt es da viel Nachholbedarf?

Diese Bewusstwerdung des eigenen Gefühlszustandes finde ich sehr wichtig für die Lebensqualität – verbunden mit der Frage, was zu tun ist, um in seelischer Ausgeglichenheit zu bleiben. Dazu wird meiner Meinung nach viel zu wenig gelehrt, die psychische Gesundheit wird immer noch stark vernachlässigt. Wir wollen, dass diese Dinge nicht stigmatisiert werden, sondern als wichtiges Thema anerkannt werden.

Wie viele Jugendliche haben die AI4U App bislang getestet?

Bis jetzt sind es 160 Personen zwischen 14 und 25 Jahren. Da wir unsere App auch in den Erziehungsberatungsstellen des Landes Baden-Württemberg implementieren konnten, kamen hier weitere 80 Jugendliche und junge Erwachsene hinzu. Die Ergebnisse besagen: 35 Prozent der jungen Leute waren mild belastet, 20 Prozent moderat belastet und 16 Prozent relativ schwer belastet.

Wie lernt Ihre KI-App ihre jugendlichen Nutzer noch besser kennen?

Genau darum geht es. Unser Hauptanliegen ist: Wie können wir eine App so entwickeln, dass sie sich an die Menschen anpasst – und nicht umgekehrt. Dies passiert mit sogenannten „Just-in-Time Adaptive Interventions“. Wir agieren also, indem wir Fragen stellen und die Antworten verarbeiten. Auf der passiven Seite schauen wir uns dann diese Daten an, um den richtigen Moment und den passenden Kontext herauszuarbeiten, wann eine Übung genau für diese eine Person sinnvoll und passend ist. Das Besondere an der App: Der Entscheidungs-Algorithmus basiert auf den Nutzerdaten etwa zur Stimmung oder zum Alltagserleben, die diese selbst eingegeben haben.

Damit können Sie Vorhersagen treffen?

Unser KI-Modell versucht zu erkennen, wie sich der Einzelne in den nächsten Stunden und Tagen fühlen wird – um dann zur Persönlichkeit passende Interventionen anzubieten und zu lernen, welcher Gefühlszustand bei der jeweiligen Person eine vorhersagbare Wirkung zeigt. Je nach Persönlichkeit lernt die App auch, ob sie lieber öfter oder weniger häufig am Tag nachfragt.

Und am Ende ist man gesünder?

Hoffentlich. Es geht um die Steigerung der Resilienz und die Fähigkeit, eigene Emotionen zu regulieren. Wir versuchen durch Inhalte, positive Effekte zu erzielen – anstatt das Dopamin-System schnell zu stimulieren mit sich ständig ändernden, kurzweiligen und bildhaften Inhalten, nur um Aufmerksamkeit zu erhalten. Im Design werden wir sicher nicht mit den besten Apps im Appstore mithalten können. Das müssen wir auch nicht, weil unser Fokus im ersten Schritt auf dem Generieren von Evidenz liegt.

Haben die jungen Menschen keine Bedenken, ihre persönlichsten Befindlichkeiten mitzuteilen und zu teilen?

Wir hatten mit mehr Skepsis gerechnet. Wir fragten vorab: „Welche Art von Daten wärst du bereit zu teilen und welche Grenzen hast du?“ Interessant war, zu sehen, dass junge Menschen sehr offen sind, viele Daten von sich zu teilen – sofern sie wissen, für welche Zwecke diese genutzt werden und wer sie verarbeitet. Erhebt eine offizielle Forschungseinrichtung wie unser Institut persönliche Daten und nutzt diese, um eine App für den jeweiligen User zu verbessern, ist das offenbar eine andere Geschichte, als wenn ein Unternehmen anfragt, bei dem man nicht sicher weiß, was mit den Daten passiert – und ob sie womöglich an Dritte weiterverkauft werden. Junge Menschen scheinen diesen Unterschied durchaus zu kennen.

Welchen Zeitaufwand erfordert die App täglich?

Im Alltag sollen diese Übungen kurz und knapp anwendbar sein. Wenn unsere App die Bildschirmzeit extrem erhöhte, wäre das problematisch. Daher dauern unsere Anwendungen maximal fünf bis zehn Minuten am Tag. Da geht es etwa um Atemübungen. Oder um Visualisierungen, bei denen man sich in der Vorstellung an einen bestimmten, beruhigenden Ort begibt. Das kann das Sofa der Oma sein. Oder die Ecke im Heimatdorf, wo man groß geworden ist, sich immer mit seinen Freunden in der Kindheit oder Jugend getroffen hat und glücklich war.

Kann Künstliche Intelligenz also bald einen Therapeuten ersetzen?

KI kann wie Google ein erster Anlaufpunkt sein, wobei man ja als heute 14-Jähriger nicht mehr googelt. Faktisch werden KI-Systeme wie Chat GPT von Jugendlichen bereits täglich heute genutzt, um sich etwa Tipps gegen Liebeskummer oder bei Prüfungsangst zu holen. ChatGPT ist niedrigschwellig und rund um die Uhr und jeden Tag für jeden erreichbar. Darin liegt eine Chance, Inhalte zu den Menschen zu bringen. Natürlich erfordert das Verantwortung.

Werden die Tech-Konzerne hinter den Chatbots ihrer Verantwortung gerecht?

Sie begreifen zumindest immer mehr, dass die Antworten der KI evidenzbasiert und korrekt ausfallen müssen. Problematisch wird es bei Konversationen, die über Stunden dauern – da die Algorithmen so funktionieren, dass sie tendenziell dem Nutzer zustimmen und die Gefahr des Halluzinierens wächst, also Dinge gesagt werden, die nicht passen und nicht stimmen können. Wenn es darum geht, ob ein Problem klinisch relevant sein könnte, sollte man niemals auf ChatGPT vertrauen, sondern immer Angebote nutzen, bei denen Menschen involviert sind, die über Expertise in diesem Bereich verfügen – etwa die Webseite krisenchat.de für Jugendliche und junge Menschen bis 25 Jahren. Hier muss man nur einmal klicken und landet direkt in einer anonymen WhatsApp-Konversation mit geschulten Menschen. Oder es gibt auch die „Nummer gegen Kummer“, die Telefonnummer 116 111 für Kinder, Jugendliche und betroffene Eltern. Diese beiden Angebote empfehle ich immer.

Der Mensch bleibt also unersetzbar?

Auch wenn es in Zukunft immer bessere Apps geben wird, die man für solide und valide Diagnostik im Alltag verwenden kann, muss jede Form einer psychischen Beeinträchtigung immer von eine Psychiaterin oder einem Psychotherapeuten diagnostiziert werden. Meine Vision für die Zukunft wäre die Integration sprachbasierter Modelle für eine bessere Interaktion mit den App-Inhalten. Eine perfekte App vergleiche ich mit einem digitalen Begleiter, der aufmerksam in mein Leben hineinhorcht und dann aktiv wird, wenn etwas auffällig wird durch Interaktion mit der KI.

Auch Auffälligkeiten bei physischen Daten wie Puls oder Schlafdauer?

ChatGPT und andere KI-Modelle besitzen bislang keine Informationen über sensorische Marker wie Herzfrequenzrate, Schrittanzahl, Gewicht oder Kalorienverbrauch. Diese Marker lassen sich momentan nur mit Wearables wie Smart Watches oder Smart Rings abrufen. In Zukunft werden aber immer mehr Daten verfügbar sein. Das Ziel muss sein, dass eine KI-App diese Daten integriert, dann interagiert und die Nutzer dadurch individuelle und sinnvolle Vorteile spüren. Das wäre mein Ziel: alle Menschen digital und menschlich konkret abzuholen.

Stimmungsabfragen mit Feedback

Institut
 Das Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit(ZI) steht für internationale Forschung in der Psychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik sowie der Suchtmedizin. In allen Fachgebieten werden stationäre, teilstationäre und ambulante Behandlungen angeboten, unter anderem mit Schlaflabor und Traumforschung.

App
 „AI4U“ ist auf Jugendliche und junge Erwachsene zugeschnitten und soll deren seelische Gesundheit im Alltag fördern. Mit tägliche Stimmungsabfragen und personalisiertem Feedback lernt sie aus den Nutzer-Angaben, wann welche Intervention für welche Person passend sein kann.Die App wird laufend weiter entwickelt.