Polizisten in Stuttgart sichern Spuren auf einem sichergestellten Fahrrad. Foto: Polizeipräsidium Stuttgart

Drahtesel war früher. Heute kosten Räder oft tausende Euro. Das macht den Markt auch für Kriminelle interessant. Die Polizei sieht mafiöse Strukturen und rüstet sich für die Zukunft.

Stuttgart - Ein Fahrrad mit Elektrounterstützung kann weite Strecken zurücklegen. Mitunter sogar, ohne dabei den Boden zu berühren. Es muss nur teuer genug sein – und attraktiv für Kriminelle. Der Fahndungserfolg, den die Stuttgarter Polizei unlängst verzeichnet hat, ist jedenfalls außergewöhnlich. Ein gestohlenes E-Bike konnte nach umfangreichen Ermittlungen im slowakisch-ukrainischen Grenzgebiet gefunden werden. Über 1000 Kilometer vom Tatort entfernt. Auch wenn die Beamten zu Details schweigen: Mutmaßlich ist ein Sender am Rad im Spiel gewesen.

Der Fall zeigt eines deutlich: Das Fahrrad ist das neue Auto. Besonders in Großstädten als Fortbewegungsmittel und bisweilen Statussymbol, aber auch bei Kriminellen. „Wir beobachten, dass die Diebstähle bandenmäßig organisiert werden. Man braucht Strukturen und Vertriebswege, damit sich ein so weiter Transport lohnt“, sagt Carsten Höfler, Leiter der Schutzpolizeidirektion Stuttgart. Dort gibt es seit Anfang September eine eigene Ermittlungsgruppe, um die Zusammenhänge offenzulegen und den Tätern auf die Pelle zu rücken.

„Wir sprechen heute häufig nicht mehr vom klassischen Fahrraddieb von früher, der ein Rad zur Eigennutzung klaut oder damit an ein bisschen Geld kommen will“, weiß Höfler. Der Markt gerade für teure E-Bikes wachse. „Da kommt man in den organisierten Bereich hinein: Die Täter analysieren, kundschaften Orte aus und erhalten Aufträge“, so der Experte. Auch vor Garagen, Kellern oder Wohnhäusern machen sie längst nicht mehr Halt, wenn die Beute verlockend genug ist. Und das ist sie immer öfter. „Räder haben sich vom reinen Sportgerät und Transportmittel zum Lifestyleprodukt gewandelt. Es gibt eine hohe Nachfrage, lange Lieferfristen und entsprechende Begehrlichkeiten auf dem Markt“, sagt Höfler.

Auftragslisten bei Tätern

Beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg (LKA) teilt man diese Einschätzung. „Die Annahme, dass organisierte Strukturen auf die aktuell sehr hohe Nachfrage von E-Bikes und Pedelecs reagieren und ihre Zielrichtung dahingehend anpassen, ist nicht von der Hand zu weisen“, sagt ein Sprecher. Diese höherpreisigen Räder stellten nicht zuletzt in der aktuellen Corona-Pandemie und aufgrund langer Lieferzeiten der Hersteller ein lukratives Ziel für Kriminelle dar. Und noch etwas spricht für organisierte Kriminalität: „Bei auf frischer Tat festgenommenen Personen werden immer mal wieder Auftragslisten gefunden und Ermittlungen zu Hintermännern und Auftraggebern der Taten durch die Polizei initiiert“, so der Sprecher.

Die reine Statistik scheint dagegen auf den ersten Blick gar nicht so schlecht auszusehen. Bis zum Jahr 2016 ist die Zahl der Fahrraddiebstähle im Land gestiegen – bis auf 28 743 Fälle. Seither sinkt sie, zuletzt sogar deutlich. 2019 sind es noch 22 902 Fälle gewesen. Doch auf den zweiten Blick zeigen sich interessante Details. In Stuttgart und manch anderer Großstadt sind die Zahlen zuletzt wieder angestiegen. Außerdem geht die Schadenssumme massiv nach oben – zuletzt auf über 16 Millionen Euro. „Diese Entwicklung legt nahe, dass vermehrt hochwertige Fahrräder entwendet werden“, heißt es beim LKA. Man behalte das Thema sehr genau im Blick und prüfe, ob man das Deliktfeld künftig dezidierter auswerten müsse.

Auffällig beim Blick auf die Zahlen ist aber noch etwas: Ist das Fahrrad erst mal weg, bleibt es meistens auch verschwunden. Die Aufklärungsquote pendelt landesweit bei um die acht Prozent. Auch deshalb hält man es in Stuttgart für notwendig, mehr zu tun. Und die ersten Erfolge stellen sich bereits ein. Seit Aufnahme der Arbeit im September hat die Ermittlungsgruppe 27 Tatverdächtige gefunden, darunter zwei Frauen. Acht davon sitzen in Haft, zwölf Durchsuchungsbeschlüsse wurden erlassen. Die Beamten konnten 36 Räder im Gesamtwert von stolzen 63 000 Euro sicherstellen. Nur die Spitze des Eisbergs angesichts von 747 Diebstählen allein von Juni bis Dezember, aber immerhin ein Anfang.

100 Millionen Euro Schaden

Die Vorgehensweise zumindest der organisierten Banden ist häufig sehr ähnlich. Die Täter sind überregional tätig, oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs und zumeist männlich. Bewaffnet sind sie mit Akkuflex und Bolzenschneider. Kaum ein Abstellplatz ist vor ihnen sicher, von der Fahrradbox bis zum Büro. Die Beute geht danach sehr schnell zum Besteller oder in den Verkauf. Und der Schaden wächst. 2019 haben die Versicherungen nach Auskunft der Polizei geschädigten Fahrradbesitzern bundesweit rund 100 Millionen Euro ausbezahlt. Alle zwei Minuten wird in Deutschland ein Rad gestohlen. Um Kavaliersdelikte handelt es sich dabei nicht: Wer Örtlichkeiten ausspäht, in ein Gebäude einbricht und professionelle Hehlerstrukturen bedient, macht sich gleich einer ganzen Latte von Straftaten schuldig.

Was nicht als Auftragsdiebstahl erbeutet wird, soll gewöhnlicherweise online oder auf der Straße einen neuen Besitzer finden. Letzteres gilt aber wohl eher als Notlösung, denn dort landen die Räder oft weit unter Wert. Und schief gehen kann die Sache auch. In Stuttgart berichtet man von einem Fall, in dem zwei Räder im Wert von 1000 Euro geklaut wurden. Der Täter bot die Beute Asylbewerbern für 70 Euro an. Die allerdings wurden angesichts der auffallend attraktiven Offerte stutzig. Sie gingen zum Schein auf das Geschäft ein, machten Fotos und riefen die Polizei. Aufgrund der Bilder konnte man den Dieb finden und ihm gleich noch weitere Taten zuordnen.

„Das Thema wird uns in den nächsten Jahren massiv beschäftigen. Wir sind erst am Anfang“, ist Höfler überzeugt. Deshalb soll die Ermittlungsgruppe wachsen. Aus anfangs vier Leuten sind bereits sechs geworden, eine weitere Aufstockung könnte folgen. Man will auch in Sachen Prävention aktiver werden, denn selbst den Besitzern von sehr teuren E-Bikes ist oft gar nicht klar, wie begehrt ihre fahrbaren Untersätze mittlerweile auf dem Markt sind und wie sie geschützt werden können. Zudem pflegen die Ermittler einen intensiven Austausch mit dem LKA und anderen Polizeipräsidien in ganz Deutschland und darüber hinaus. Denn nicht nur der Fall von der slowakisch-ukrainischen Grenze zeigt: Das Fahrrad ist das neue Auto. Beim Lebensgefühl, aber auch beim Diebstahl.

Doppelt sichern hält besser

Vorbeugung
gegen Fahrraddiebstähle kommt nach Beobachtung der Polizei bei vielen Zweiradbesitzern noch immer zu kurz – selbst wenn so manches E-Bike sich preislich im Bereich eines Kleinwagens bewegt. Die Polizei legt deshalb vermehrt Wert auf Präventionsberatung in diesem Bereich. So steht das Thema Diebstahl schon bei der Fahrradausbildung in der Grundschule auf dem Plan. Die Beamten geben Tipps an Schulen und in Betrieben oder verteilen Merkblätter für die Mieter von Baugenossenschaften.

Der Fahrradpass,
den bereits Generationen von Radfahrern kennen, wird nach wie vor empfohlen. Es gibt ihn bei der Polizei oder gleich beim Händler, auf Papier oder als App fürs Mobiltelefon. Es geht darum, die wesentlichen Merkmale des Rads festzuhalten. Auch das Anfertigen von Fotos für den Fall des Diebstahls ist hilfreich. Besonders teure Modelle können heutzutage sogar mit GPS-Sendern versehen werden, um bei einem Verschwinden das Wiederauffinden zu erleichtern.

Abschließen
ist das A und O zur Sicherung – und zwar vernünftig. Präventionsexperten raten, beim Schloss auf keinen Fall zu sparen und auf zertifizierte Modelle zurückzugreifen. Gelegenheitsdiebe werden oft schon beim Blick auf ein schwer zu knackendes Schloss abgeschreckt. Außerdem soll das Fahrrad an einem festen Gegenstand angeschlossen werden. Das gilt auch für Garagen oder Kellerräume, in die immer häufiger eingebrochen wird.

Abschreckung
funktioniert zudem über viele Kleinigkeiten. So sollte man Abstellorte in der Öffentlichkeit so wählen, dass sie möglichst hell und gut einsehbar sind. Hecken oder Büsche, die den Blick verstellen, spielen Langfingern in die Diebe. Bei E-Bikes sollte der Akku stets mitgenommen werden, auch wenn das Rad in Garage oder Keller steht. Alles, was einen Diebstahl erschwert, in die Länge zieht oder das Erwischtwerden wahrscheinlicher macht, schreckt mögliche Täter ab.

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