Mails, SMS, zufällige Berührungen – Britta Rotschs Deutschlehrer überschritt alle Grenzen zu seiner Schülerin. Die wusste sich nicht zu helfen, andere Lehrkräfte taten die Sache ab. Wie sie aus der Beziehung heraus kam – und was sie nun fordert.
Dass sie einfach Stopp sagen könnte, als ihr Deutschlehrer versuchte, sie in eine Beziehung zu verwickeln, war nicht in ihrem Kopf, sagt Britta Rotsch. Ein Gespräch über Machtmissbrauch an Schulen, ambivalente Gefühle und die Frage, warum sie den charismatischen Pädagogen nicht angezeigt hat.
Frau Rotsch, am 17. März 2007 schrieb Ihr Deutschlehrer eine Mail, in der stand „Du bist wunderschön“. Sie waren 18 Jahre alt. Wann verstanden Sie, dass er eine Grenze überschritten hatte?
Erst vor ein paar Jahren, als ich anfing, zu diesem Thema zu recherchieren. Ich merkte auch an den Reaktionen, wenn ich es anderen erzählte, dass irgendetwas falsch an dieser Geschichte war. Es ist für Betroffene oft schwer, so etwas als Übergriff einzuordnen.
Was passierte nach der ersten Mail?
Ich war höchst irritiert, fragte meine Klassenkameradin, ob sie auch so etwas bekommen hätte, was nicht der Fall war. Am nächsten Tag hatten wir eine Doppelstunde Deutsch bei ihm. Mir war das ganz unangenehm, so als hätte ich etwas Falsches gemacht. Ich versteckte mich ein bisschen hinter den anderen und vermied Augenkontakt.
Aber Ihr Lehrer, damals Mitte 50, ließ sich nicht beirren.
Er schrieb mir weiter, per Mail oder SMS, immer länger und intensiver. Oft las sich das wie Tagebucheinträge. Er hat mir Komplimente gemacht, geschrieben, dass er mich liebt. Er lud mich zu sich ein oder zu Spaziergängen. Er suchte meine Nähe, legte den Arm um mich, berührte mich zufällig. Irgendwann schrieb er, dass ich mir vorstellen solle, wie ich nackt vor dem Spiegel aussehe. Er versuchte, sich mein Vertrauen zu erschließen. Das nennt man Grooming.
Wie verhielten Sie sich?
Ich habe mich nie mit ihm allein getroffen. Aber ich sagte auch nie klar, dass er aufhören solle. Dass es die Möglichkeit gibt, Nein zu sagen, war nicht in meinem Kopf, auch, weil ich nicht wusste, welche Konsequenzen das für meine schulische Laufbahn haben würde. Manchmal zog ich mich ein bisschen zurück, aber dann merkte ich, dass mir seine Nachrichten wichtig sind. Dass mich jemand sieht, so gut findet, wie ich bin, mich lobt und anerkennt für das, was mich interessiert.
Sie schreiben in Ihrem Buch: „Ich fühle Scheu, Abneigung, irgendwie auch so etwas wie Liebe“. Wie erklären Sie sich diese ambivalenten Gefühle?
Ich fand mich dumm und uninteressant und hatte zu meinen Eltern kein gutes Verhältnis. Es war schmeichelnd, dass sich ein älterer Herr, der mein Vater hätte sein können, für mich interessiert. Gleichzeitig sagte mir meine Intuition, dass ich eine Grenze setzen will. Auch im Gespräch mit Freunden merkte ich ja, dass das alles nicht normal ist.
Haben Sie sich damals Erwachsenen anvertraut?
Nein. Ich hatte Angst vor Konsequenzen, weil ich mitgemacht habe. Die anderen Lehrkräfte bekamen schon mit, dass wir ein besonderes Verhältnis hatten, und machten Witze. Sie dachten wohl, dass ich ihn anhimmeln würde. Die Situation war belastend. Mein Lehrer war sehr manipulativ, ich dachte, wenn ich nicht auf seine Annäherungen und Einladungen eingehe, ist er traurig.
Sie haben mit anderen Opfern gesprochen. Erkannten Sie Muster?
Ich habe nur mit Frauen gesprochen, obwohl natürlich auch der umgekehrte Fall vorkommt. Alle Opfer hatten diese ambivalenten Gefühle. In diesem Alter ist man auf der Suche nach sich, nach dem, was man will. Ich denke, die Täter spüren diese Vulnerabilität, treten aus der natürlichen Hierarchie der Schule heraus, werden erst eine Art Freund und Mentor, dann versuchen sie mehr. Eine junge Frau wollte Schauspielerin werden, und der Lehrer, der sich ihr annäherte, leitete die Theater AG. Es waren oft sehr engagierte Pädagogen, die außerhalb der Schule Angebote machten. Nicht immer wurde es körperlich. In diesen Fällen war es für die Opfer – und auch für das Umfeld – noch schwerer, den Missbrauch zu erkennen.
Viele hatten eine prägende Lehrerfigur in ihrem Leben, die sie intellektuell weitergebracht hat oder mit der sich vielleicht ein fast freundschaftliches Verhältnis entwickelte. Wo beginnt die Grenzüberschreitung für Sie?
Die Grenze liegt bei jedem ein bisschen anderswo. Aber sobald es sich falsch anfühlt und man Stopp sagen will, ist es soweit. Für mich ist die Grenze überschritten, sobald Lehrkräfte Kontakt zu Schülerinnen oder Schülern herstellen, wo keiner nötig wäre, wie eine Kontaktanfrage über Social Media.
Manchmal entwickelt sich nach dem Ende der Schulzeit eine feste Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler oder Schülerin, eine Art „Happy End“. Wie im Fall des französischen Präsidentenehepaars Macron. Sie finden auch solche Fälle problematisch. Warum?
Weil diese Beziehungen aus einem Hierarchie- und Abhängigkeitsverhältnis heraus entstanden sind. Auch bei den Macrons. Er war 15, als die Beziehung zu seiner heutigen Frau, die seine Lehrerin war, anfing, und konnte doch gar nicht verstehen und entscheiden, was passierte.
Liebe kann Menschen verrückt machen. Haben Sie dafür kein Verständnis?
Ich weiß, dass Liebe etwas Großes ist und man seine Gefühle nicht immer steuern kann. Man kann aber steuern, wie man mit ihnen umgeht. Eine Lehrkraft hat eine Verantwortung gegenüber Schutzbefohlenen, sie muss sich im Griff haben. Das heißt, dass sie aktiv Distanz herstellt und sich Hilfe sucht, sollten echte Gefühle entstehen.
In Befragungen sagt die Hälfte der Jugendlichen, sie hätten in der Schule mindestens eine Situation sexualisierter Gewalt erlebt. Warum ist das Thema MeToo an Schulen kein großes?
Das hat mich sehr irritiert. Aber es ist auch eine politische Entscheidung, inwieweit das zum Thema gemacht wird. Ich habe sämtliche Bundesländer angeschrieben und nach Zahlen und Studien zu Machtmissbrauch an Schulen gefragt. In den meisten Fällen gibt es nicht einmal Statistiken, wie oft so etwas vorkommt. Dabei gaben in einer Befragung des Deutschen Jugendinstituts mehr als 40 Prozent der Schulleitungen und Lehrkräfte an, dass es an ihrer Schule Verdachtsfälle von sexualisierten Übergriffen gab.
In Ihrem Fall wusste eine Lehrerin Bescheid, tat aber nichts. Warum?
Für Kolleginnen und Kollegen ist es oft schwer vorstellbar, dass so eine Geschichte stimmt. Generell haben es Missbrauchsopfer in der Gesellschaft noch immer schwer, dass ihnen geglaubt wird. Mein Deutschlehrer hatte mit seiner Kollegin über seine Gefühle für mich gesprochen. Sie fand das lächerlich, dachte, dass ich mit 18 schon nicht auf diesen wenig attraktiven, älteren, verheirateten Mann eingehen würde. Sie hat es abgetan, wie sie mir jetzt sagte. Dabei hätte sie einschreiten müssen.
Die Kultusministerkonferenz verfolgt das Ziel, dass alle Schulen Schutzkonzepte gegen sexualisierte Gewalt erarbeiten. Wie weit sind die Schulen?
Es gibt solche Interventions- und Notfallpläne, aber längst nicht überall. Gedacht ist, dass ein Kollegium gemeinsam mit externen Experten ein Konzept erarbeitet, Eltern, Schülerinnen und Schüler mit einbezieht. Es muss klar sein, wer im Notfall wann was tut, welche Ansprechpartner es für Jugendliche gibt. So ein Prozess wirkt präventiv, weil sich die Lehrkräfte verantwortlicher fühlen, genauer hinschauen, ihr eigenes Verhalten und das der anderen hinterfragen. Natürlich gehören regelmäßige Fortbildungen dazu.
Müssen die Kinder und Jugendlichen besser aufgeklärt werden?
Schülerinnen und Schüler müssten unbedingt wissen, dass es auch einen emotionalen Missbrauch gibt, dass sie Nein sagen und sich Hilfe holen können – ohne negative Konsequenzen für sie. Das gehört als Thema in den Unterricht.
Wie und wann endete die Beziehung zu Ihrem Lehrer?
Er schrieb mir auch nach meinem Abitur 2008 weiter lange Mails. Zu Weihnachten und Geburtstag bekam ich Geschenke. Er war mittlerweile mit seiner Familie umgezogen, aber wenn er in der Stadt war, schrieb er mir, ob wir uns treffen wollten. Ich verstand immer noch nicht, dass ich einfach sagen könnte „Hör bitte auf damit“. 2020 schrieb ich ihm, dass ich die Geschichte journalistisch aufarbeiten und mit ihm darüber sprechen möchte. Es kam keine Antwort.
Warum haben Sie ihn nicht angezeigt?
Ich hätte es getan, wenn er noch immer im Schuldienst wäre, aber er arbeitet mittlerweile in der Erwachsenenbildung. Ich habe mich dagegen entschieden, weil ich die Geschichte wieder durchleben müsste und das ein langer juristischer Weg wäre, der am Ende vermutlich zu nichts führt, weil ich bereits 18 war, körperlich nichts geschah und der Fall sehr lange her ist. Ich denke, dass meine Therapiesitzungen und die journalistische Auseinandersetzung mit dem Thema für mich ein guter Verarbeitungsprozess waren.
Hätten Sie sich gewünscht, dass er auf Ihre Anfrage antwortet?
Einerseits hätte ich schon gern eine Antwort, warum er das gemacht hat. Andererseits will ich keine Verbindung mehr zu ihm, egal welcher Art. Ich habe jetzt wirklich eine Grenze gezogen.
Vom Opfer zur Autorin
Britta Rotsch
(Jahrgang 1987) lebt und arbeitet heute in Wien. Sie studierte Soziologie, Psychologie und Gender Studies und besuchte die Reportageschule Reutlingen. Um die Anonymität des Lehrers, über den sie schreibt, zu wahren, soll ihr Herkunftsort nicht genannt werden.
Buch
Im Herbst 2024 erschien ihr Buch „Wenn Lehrer Grenzen überschreiten – Über Machtmissbrauch in der Schule“ im Rowohlt-Verlag (272 Seiten, 18 Euro).
Keine Zahlen
Das Kultusministerium kann auf Anfrage keine Zahlen liefern, wie oft es in baden-württembergischen Schulen zu sexuellen Übergriffen und anderen Formen des Machtmissbrauchs kommt. Auch die Kriminalstatistik weist das nicht aus.
Schutzkonzepte
Ziel des Landes sei, dass „der Schutz von Schülern und Schülerinnen vor sexueller Gewalt im Leitbild der Schulen verankert wird und jede Schule einen individuellen Plan „für das Vorgehen in einem Verdachtsfall von sexueller Gewalt“ – sei es durch Externe oder Interne – erarbeitet. Grundlage dafür ist das Konzept der unabhängigen Beauftragten des Bundes für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Außerdem erhielten die Schulen Hilfe bei der Präventionsarbeit. So soll es etwa an jeder Schule eine „Lehrkraft für Prävention“ geben. Unter anderem Einrichtungen wie das Landesmedienzentrum und die Polizei bieten Hilfe und Beratung für Schulen an. Ansprechpartner für Opfer sind neben Lehrkräften und Schulleitung, auch Beratungslehrer und Schulpsychologen.
Ausbildung
„Berufsethischen Fragestellungen“ sind laut Ministerium Bestandteil von Lehramtsstudium und Referendariat. In der Lehrkräftefortbildung gibt es Angebote zum Thema wie „Kinderschutz aus Sicht der Schule“.