Der ehemalige Polizist und heutige Opferschützer Ralf Brenner erzählt, wer auf Love Scammer im Internet hereinfällt und wie man sich schützt.
„Das könnte mir nicht passieren!“, sagen viele, wenn sie von Love Scamming hören, also von Liebesbetrug im Internet. „Falsch!“, sagt Ralf Brenner, der als Kriminalpolizist und heutiger Opferschützer erlebt hat, wie leicht Menschen in diese Falle tappen können und teils zehntausende Euro an Menschen überweisen, die es gar nicht gibt. Was rät er Betroffenen und Angehörigen?
Herr Brenner, an welchen Love-Scamming-Fall erinnern Sie sich besonders gut?
Gleich an meinen ersten vor 15 Jahren. Die betroffene Frau habe ich als eine ganz resolute Frau kennengelernt, die sich beruflich jeden Tag durchsetzen musste. Sie fiel auf einen Scammer im Internet herein. Er hatte sich als Ingenieur vorgestellt, der in einem afrikanischen Land arbeitet. Als er Geld wollte, wurde sie skeptisch und wollte ihn treffen. Sie flog hin, wurde entführt und festgehalten. Ihre Angehörigen sollten Lösegeld zahlen. Gott sei Dank konnten wir sie in Zusammenarbeit mit der Polizei vor Ort befreien. Das war der heftigste Fall, den ich mitbekommen habe.
Fing damals, vor 15 Jahren, der Betrug mit der Liebe an?
Heiratsschwindler gab es schon in der analogen Welt. Aber durch das Internet hat sich diese Masche auch in die digitale Welt verlagert und die Betrüger werden immer erfinderischer. Tatsächlich nehmen die Opferzahlen zu und auch die Summen, die die Leute verlieren. Aber die Fälle kommen auch mehr in die Öffentlichkeit, weil die Polizei offensiv aufklärt und warnt. Allerdings ist die Dunkelziffer hoch, weil sich viele Betrogene nicht an die Polizei wenden.
Warum?
Die Menschen schämen sich, das ist auch bei anderen Betrugsmaschen wie Enkeltrick und Schockanrufen so. Sie denken: ,Menschenskind, was denken die anderen nur von mir?!` Oft bekommen Opfer tatsächlich wenig Verständnis von ihrem Umfeld.
Gibt es das typische Opfer?
Meiner Erfahrung nach nicht. Ich kenne einen jungen Mann, der jahrelang auf eine Betrügerin hereinfiel. Aber auch einen erfolgreichen Unternehmer, dem es so erging und der Geld verlor. Und natürlich auch ältere Menschen. Mittlerweile nutzen alle Generationen Dating-Plattformen und Soziale Netzwerke, über die Scammer Kontakt aufnehmen. Außenstehende denken ja oft ,Wie kann man nur so blöd sein!?` Aber wenn man weiß, wie diese Masche funktioniert, wird es nachvollziehbar. Schuld hat nur einer: der Täter.
Wie gehen Scammer vor?
Mittlerweile weiß man, dass etwa 95 Prozent der Profile, die auf Datingportalen in englischer Sprache zu finden sind, Fake sind. Die Scammer gehen alle ähnlich vor: Nach dem ersten Kontakt wird sehr viel gechattet, dann auch telefoniert, über die Familie geredet, den Beruf, um möglichst viel über die Person, die man betrügen will, zu erfahren. Die Kontakte werden mit Komplimenten überschüttet, mit Dingen, die sie gern hören. Das tut ja auch gut. Nur eines passiert selten: ein Videotelefonat. Da heißt es dann ,Das Internet hier ist zu schlecht`. So wird das Opfer emotional abhängig gemacht.
Und das funktioniert auch, ohne den anderen je gesehen zu haben?
Ja, weil man sich nach Liebe sehnt, jemanden, bei dem man sich wohlfühlen kann. Die meisten Menschen sind offen gegenüber anderen und nicht misstrauisch. Das sind nette Menschen. Die haben der kriminellen Energie der Täter wenig entgegenzusetzen.
Was weiß man über die Täter?
Die männlichen Scammer sitzen vorwiegend in Westafrika, die weiblichen in Osteuropa oder asiatischen Ländern. Es ist auch nicht so, dass nur Männer Frauen und umgekehrt schreiben. Man weiß nie, wer dahinter steckt.
Die Polizei kann wenige Fälle aufklären. Bringt es überhaupt etwas, eine Anzeige zu stellen?
Es gibt durchaus Ermittlungserfolge, aber tatsächlich hat die Polizei es schwer, weil die Täter im Ausland sitzen. Trotzdem sollten Opfer Anzeige erstatten. Auch dann, wenn sie kein Geld verloren haben. Nur so bekommt die Polizei Kenntnisse über das Ausmaß und die Betrugsmaschen, die ihr in der Präventionsarbeit helfen. Außerdem kenne ich Fälle, da war der Täter aus der Nachbarschaft. Dann sind die Chancen natürlich höher, das Geld zurück zu bekommen.
Was lässt sich Love Scamming verhindern?
Die Polizei klärt mit Informationen im Internet auf, indem sie Fälle öffentlich macht und Vorträge hält. Aber es braucht auch Vereine oder Gruppen, die solche Vorträge buchen. Da gibt es noch zu wenig Nachfrage.
Wie erkennen Menschen, dass sie es mit einem Love Scam zu tun haben?
Wenn einem ein Verehrer oder eine Verehrerin merkwürdig vorkommt, sollte man zunächst mal den Namen googeln. Findet sich etwas über diese Person? Wurde der Name schon mal in einem Love-Scamming-Fall verwendet? Tauchen die Bildern, die man zum Beispiel von einer Person bekommt, anderswo im Netz auf? Das findet man über die Rückwärtssuche bei Google heraus. Manchmal geben sich die Scammer auch als prominente Sportler aus, zum Beispiel als Novak Djokovic, der Tennisspieler.
Was ist noch zu beachten?
Unbedingt auf ein Videotelefonat drängen! Und niemals solle man allzu schnell Fotos von sich schicken. Diese sind heute manipulierbar. Plötzlich gibt es Nacktfotos von einem, mit denen man erpresst wird. Und natürlich niemals auf Geld-Bitten eingehen!
Gibt es eine Chance, Geld zurückzubekommen?
Wenn es über die Bank überwiesen wurde, kann das der Fall sein. Wenn es über Moneytransfer-Dienste verschickt wurde, kaum.
Wie helfen Sie vom Weißen Ring Opfern?
Wir hören erst mal zu und sprechen über das, was passiert ist. Das brauchen viele Opfer: einen Gesprächspartner, der nicht aus dem eigenen Umfeld kommt. Am meisten leiden die Menschen unter der Enttäuschung. Die Leute sind oft psychisch kaputt, auch wenn sie kein Geld verloren haben. Wir helfen aber auch, wenn jemand nicht allein zur Polizei oder anderen Behörden gehen will. Wir können eine kostenlose Erstberatung bei einem Anwalt vermitteln. Wenn Menschen bedürftig sind, kann der Weiße Ring weiterhin einen Rechtsbeistand bezahlen.
Was können Angehörige tun, wenn sie den Verdacht haben, jemand fällt auf Love Scamming herein?
Tatsächlich sind die Opfer oft beratungsresistent, sagen ,Ihr gönnt mir nur mein Glück nicht!. Wichtig ist, immer wieder nachzufragen, darauf hinzuweisen, Infos über diese Betrugsart weiterzureichen. Auf keinen Fall sollten sie die Opfer alleine lassen oder ihnen Vorwürfe machen à la ,Mensch, du bist doch blöd!` Das verletzt zusätzlich.
Langjährige Erfahrung
Gesprächspartner
Ralf Brenner (63) stammt aus dem Kreis Esslingen und war lange Jahre bei der Kriminalpolizei, zuletzt im Referat Kriminialprävention in Reutlingen. Heute engagiert er sich beim Opferverband Weißer Ring und leitet die Außenstelle Esslingen.
Informationen und Hilfe
Der Weiße Ring bietet neben Beratung ein Faltblatt mit allen Informationen rund um das Betrugsdelikt Love oder Romance Scam an. Außerdem halten Mitarbeiter auf Anfrage Vorträge zum Thema. Auf www.weisser-ring.de findet man die örtlichen Ansprechpartner. Die Polizei klärt auf www.polizei-beratung.de und www.polizei-bw.de über das Thema auf. Wer Opfer wurde, sollte sich unbedingt an die örtliche Polizeistelle wenden.
Ausmaß
Das Landeskriminalamt meldet für 2025 auf Anfrage eine fast vierstelligen Zahl an Fällen im Land mit rund 14 Millionen Euro Schaden im vergangenen Jahr. Die Fallzahlen stiegen in den vergangenen Jahren jeweils im „unteren zweistelligen Prozentbereich“. Da viele Opfer aus Scham schweigen, dürfte das Ausmaß höher sein.