Erneuerbare Bürgerenergie wird in Deutschland in vielen Genossenschaften erzeugt. Doch bisher kann dieser Strom über das allgemeine Netz nicht regional verteilt werden. Foto: Bürgerwerke/Christoph Holzem

In lokalen Energie-Gemeinschaften Strom vom Nachbarn zu beziehen, könnte Kosten senken. In der Praxis ist das kaum möglich – das muss sich ändern, findet unser Autor Jonas Schöll.

Es klingt wie ein Bilderbuchgedanke der Energiewende – den in der Praxis eine Vielzahl an Regelungen blockieren. Immer mehr Menschen wollen die grüne Transformation selbst in die Hand nehmen. Sie schließen sich mit anderen Bürgern in der Region zu einer Energiegemeinschaft zusammen, um vor Ort für den Eigenbedarf einen kleinen Solar- oder Windpark zu bauen. Doch wer versucht, den lokal erzeugten Strom an Nachbarinnen und Nachbarn zu verkaufen, scheitert an hohen Hürden.

In Österreich ist dieses sogenannte Energy Sharing bereits weitverbreitet. In Deutschland hingegen fehlen bislang die rechtlichen Voraussetzungen und Förderzusagen. Häufig verbrauchen Besitzer von Solaranlagen einen Teil des selbst erzeugten Stroms im eigenen Haus – und speisen die Überschüsse ins öffentliche Stromnetz ein. Dadurch wird viel Potenzial verschenkt!

Höchste Zeit für „Energy Sharing“

Denn die Vorteile der dezentralen Energieversorgung liegen auf der Hand. Der Strom müsste nicht über weite Strecken transportiert oder gespeichert werden, sondern alle hätten direkt etwas von mehr erneuerbaren Energien in ihrer Umgebung. Jeder Mensch, der in der Nähe solcher Anlagen wohnt, hätte einen finanziellen Vorteil. Technisch wäre das zwar schon heute machbar – doch regulatorische Vorschriften stehen im Weg.

Denn beim Stromtransport wird nicht nach Entfernung unterschieden. Energie von Flensburg nach München zu transportieren, kostet genau so viel wie auf die andere Straßenseite. Sobald der Strom durch einen Meter öffentliches Kabel geht, werden sehr viele Entgelte fällig. Wer hierzulande Strom über das Netz verkauft, gilt automatisch als Stromhändler und muss dafür Abgaben zahlen, beispielsweise die Stromsteuer oder auch die Durchleitungsgebühren an die Netzbetreiber.

Dezentrale Energiewende bietet Chancen

Die Bundesregierung ist gut beraten, auf Experten zur hören: Laut einer Analyse des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung könnten Energie-Gemeinschaften bis zu 35 Prozent des Zubaus der erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2030 bewerkstelligen. 90 Prozent aller Haushalte in Deutschland könnten dadurch mit vergünstigtem Strom versorgt werden. Die Ampelkoalition hat sich zwar im Koalitionsvertrag zum Energy Sharing bekannt. Richtig Bewegung ist in die Sache aber noch nicht gekommen.