Die Liederhalle von Rolf Gutbrod, der bedeutendste Bau der Nachkriegsmoderne in Stuttgart Foto: imago

Rolf Gutbrod war einer der herausragenden Architekten der Nachkriegszeit. Erstmals stellt ein Buch sein Gesamtwerk vor. Selbst für Kenner gibt es viel zu entdecken – auch in Stuttgart.

Stuttgart - Es sei nicht so schlimm, wenn er einmal keine Aufträge erhalte, sagt der Architekt Rolf Gutbrod in einem Fernsehporträt von 1974, legt Patiencen und schaut aus dem Fenster seines Hauses über den Stuttgarter Talkessel. Damals stand die Sparkassenversicherung an der Löwentorstraße kurz vor der Vollendung. An der Neckarstraße entstanden die Neubauten des Süddeutschen Rundfunks. Und Gutbrod hatte sich in sein größtes Abenteuer gestürzt: Nach dem Hotel- und Konferenzzentrum in Mekka, das er mit Frei Ottogeplant hatte, sollten weitere Großprojekte in Saudi-Arabien folgen, bis hin zum Regierungszentrum in Riad. Es wurde nie gebaut, weil König Faisal 1975 ermordet wurde und sein weniger kunstsinniger Nachfolger Chalid 1980 die Geduld verlor. Aber das konnte Gutbrod zum Zeitpunkt des Films noch nicht wissen.

Waldorfler der ersten Stunde

An Aufträgen hat es Gutbrod also nicht gefehlt, aber bei Wettbewerben hatte er seit einiger Zeit nur noch wenig Erfolg. Beinahe 65, überließ er das tägliche Geschäft seinem Büropartner Wolfgang Henning und begann, sich zurückzuziehen. Allerdings hatte er schon immer ein wenig Distanz gewahrt. Obwohl er zu den führenden Nachkriegsarchitekten, den entschiedenen Vertretern einer offenen, demokratischen Bauweise gehörte, unterscheiden sich seine Bauten von anderen seiner Zeit. Dies hängt mit seiner Herkunft zusammen. Gutbrod war Waldorfschüler der ersten Stunde, seine Mutter gehörte bereits zum Aufbauteam der allerersten Schule auf der Uhlandshöhe.

Gutbrod hat einmal, um die moderne Architektur nach 1945 von der seiner Lehrer abzugrenzen, von einer „zweiten Stuttgarter Schule“ gesprochen. Aber er hat bei Paul Bonatz studiert und bei ihm 1935 sein Diplom erworben. Wie Bonatz war er nicht auf einen bestimmten Stil festgelegt. „Eine Haltung, kein Stil“, lautet der Titel eines neuen Buchs von Joachim Kleinmanns, das auf 300 Seiten überschaubar und gut recherchiert das Gesamtwerk Gutbrods vorstellt. „Was wollte ich, was sollte ich?“, hat sich der Architekt einmal gefragt. Die Antwort: „Nicht das Fertige, sondern der Weg dahin war und ist mir wichtig.“ Er bekennt, er habe keine Schüler gehabt und auch keine haben wollen. Immerhin hat Günter Behnisch in seinem Büro angefangen.

Handwerkliche Tradition

Deutlich wird Gutbrods offene Haltung an seinem bekanntestem Bau, dem bedeutendsten der Nachkriegsmoderne in Stuttgart: der Liederhalle. Eigentlich war er gar nicht zum Wettbewerb eingeladen. Doch Adolf Abel zog ihn als Mitarbeiter hinzu und gewann mit seinem Entwurf, gleichberechtigt mit Hans Scharoun, einen der beiden ersten Preise. Im überarbeiteten, ausgeführten Plan orientiert sich Gutbrod jedoch stark an Scharoun.

Die Liederhalle ist ein Paradebeispiel des organischen Bauens. Die inneren Funktionen, in diesem Fall die drei Konzertsäle und die verbindenden Foyertrakte, bilden sich ab in der äußeren Form. Zugleich zeigen sich in den Materialien, vom Sichtbeton des Beethovensaals bis hin zu den unregelmäßigen Naturstein- und Keramikplatten mit einzelnen, festlich im Abendlicht glitzernden Vergoldungen auch die handwerkliche Tradition der „Stuttgarter Schule“ und das Sinnliche der Anthroposophie.

Geballte Infoladung

Später ist diese Freude am Material, wie sie auch die Milchbar im Killesbergpark, das Rundfunkstudio im Villa-Berg-Park oder das Ensemble des Verlagsbuchhändlers Josef Rieck in Aulendorf kennzeichnen, oft einer 08/15-Lösung aus Betonskelett mit Vorhangfassade gewichen: so etwa beim Funkhaus der 1970er Jahre oder bei der Sparkassenversicherung.

Gutbrod hat viel gebaut, nicht immer auf demselben Niveau. 251 Einträge umfasst Kleinmanns’ Werkverzeichnis, das allerdings auch Wettbewerbsentwürfe enthält, die nicht gebaut wurden. Und es gibt selbst für Kenner einiges zu entdecken. Riecks Verlagsgebäude in Aulendorf gehören dazu, die Porsche-Fabrikhallen der Nachkriegszeit, ein Studentenwohnheim in Stuttgart-Birkach oder Gutbrods Hochhäuser für die Berliner Großsiedlung BBR, besser bekannt als Gropiusstadt, die verdächtig an Scharouns Hochhäuser „Romeo und Julia“ in Zuffenhausen erinnern. Die Waldorfschulen an der Uhlandshöhe und am Kräherwald verdanken Gutbrod eine Weiterentwicklung der anthroposophischen Architektur.

Waldorfschulen in Stuttgart

Zu den ersten Nachkriegsbauten Rolf Gutbrods gehören die fünfgeschossigen Wohnhäuser in der Moserstraße 16 bis 28 in Stuttgart. Mit Beton, unter Verwendung von Trümmerschutt aus der Umgebung, plante der Architekt standardisierte Grundrisse, um Kosten zu sparen. Trotzdem gelang ihm mit Vor- und Rücksprüngen in der Fassade und prismatisch-schrägen Balkonen ein abwechslungsreiches Bild, dem die anthroposophische Handschrift noch anzusehen ist.

Von den großen Plänen in Saudi-Arabien ist indes nur wenig geblieben. Das Hotel- und Konferenzzentrum in Mekka, das ihm 1980 den Aga-Khan-Preis eintrug, ist 2012 abgerissen worden; das Regierungszentrum in Riad wurde nicht realisiert; lediglich die Sporthalle in Dschidda bleibt. Gutbrod zog sich am Ende seines Lebens ins Mekka der Anthroposophen zurück: nach Arlesheim. Dort ist er 1999 im Alter von 88 Jahren gestorben.

Info

Buch: Joachim Kleinmanns bespricht nach einer kurzen, aufschlussreichen Vita zunächst 26 ausgewählte Bauten eingehender; dann folgen zwei kurze Kapitel zur Einordnung, ein Fotoessay von Christoph Engel und Bernd Seeland sowie das Werkverzeichnis. Die Folge ist, dass man im Zweifelsfall immer etwas hin- und herblättern muss, dafür aber in kompakter Form eine geballte Menge an Informationen erhält.

Autor: Joachim Kleinmanns war nach einem Studium der Bau-, Kunst- und Literaturgeschichte zwanzig Jahre lang in der Denkmalpflege tätig. Seit 2006 arbeitet er am Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau (SAAI) in Karlsruhe und hat bereits im Vorjahr ein Buch über den deutschen Pavillon der Expo 67 in Montreal von Frei Otto und Rolf Gutbrod herausgegeben.

Joachim Kleinmanns: Eine Haltung, kein Stil. Das architektonische Werk von Rolf Gutbrod. Dom Publishers, Berlin 2021. 300 Seiten, 260 Abbildungen, 28 Euro.