Foto: Karin Ait Atmane - Karin Ait Atmane

Jeder hat einen Lieblingsort, an dem er ausspannen kann. Für Dieter Kuhn ist der Otto-Buckel so ein Ort: ein Hügel, von dem aus er seine Heimatstadt Reichenbach überblicken kann.

ReichenbachDieter Kuhn kennt einen guten Platz, um aus dem Alltagstrubel aufzutauchen und den Überblick zu gewinnen. Vom sogenannten Otto-Buckel aus liegt ihm ganz Reichenbach zu Füßen, und fast jede Ecke ist für einen, der sein ganzes Leben hier verbracht hat, mit Erinnerungen verbunden.

Bis vor kurzem stand noch eine Sitzbank an der Ecke, wo der Weg zur Otto-Villa abbiegt. Da saß Dieter Kuhn oft, zwar auf Hochdorfer Boden, aber sein Reichenbach fest im Blick. Vor allem im Winter ist die Sicht auf den ganzen Ort frei, davon zeugt ein Panoramabild in Kuhns Hausflur, das er vor Jahren aus acht Einzelaufnahmen zusammengesetzt hat. In der grünen Jahreszeit verschwindet manches hinter Büschen und Bäumen. Trotzdem lohnt sich der Weg immer, findet Kuhn, der von hier aus sogar die Terrasse seines Hauses in der Neuwiesenstraße sehen kann. In dieser Ecke hat er seine Kindheit verbracht; früher sei man meistens mit der Nachbarsjugend im eigenen Quartier und drum herum unterwegs gewesen, erzählt er. Am Lützelbach hat er gespielt, im Bereich des heutigen Wohngebiets Fürstenstraße, wo Wiesen in einer Senke lagen, die bei Regenfällen schnell volllief. „Und am Hannestobelbach haben wir uns auch aufgehalten“, erzählt er, „Lägerle gebaut und was man früher so gemacht hat.“

Wasser war natürlich ein Magnet, es wurden Gumpen gebaut, Fische verfolgt und Kaulquappen großgezogen. Nur an die Fils, „da haben wir nicht hin dürfen, aber wir sind halt doch gegangen“, erzählt Kuhn. Er hat in dem Reichenbacher Flüsschen das Schwimmen gelernt, im sogenannten Krötenwässerle an der Eimündung des Lützelbachs. Die Hochdorfer badeten weiter unten, das war strikt getrennt. Und wer das Schwimmen dann beherrschte, durfte auch in den tieferen „Kanal“, der von der Otto-Spinnerei wieder Richtung Fils floss. Das war nicht so idyllisch, wie man es sich vielleicht vorstellt: „Da sind auch mal tote Katzen oder Hunde vorbeigeschwommen.“ Aber es ist sicher einer der Gründe dafür, dass Kuhn der Erhalt des Stegs über die Fils im Bereich der heutigen Firma Nagel so sehr am Herzen liegt. Er setzte sich für das „Otto-Brückle“ ein, als dessen Abbruch zur Diskussion stand. Und er bot sogar spontan an, den Anstrich des Geländers zu übernehmen. Die Gemeindeverwaltung nahm ihn beim Wort, zusammen mit einem seiner Söhne und einem Freund war er etliche Stunden beschäftigt: „Das war schon ein G’schäft.“

Weitaus mehr Zeit hat er allerdings in den Erhalt der Reichenbacher Dampfmaschine gesteckt, die heute im Glashäuschen am Rathaus zu sehen ist und einst in der Kantenwein’schen Fabrik die Anlagen zur Herstellung von Seifenpulver, Schuhcreme, Putz- und Reinigungsmitteln angetrieben hat. Der Gemeinderat wollte sie zwar erhalten, beschloss dann aber doch aus finanziellen Gründen, sie an Plochingen zu verschenken. Da schrillten bei Kuhn, der selbst zehn Jahre dem Gemeinderat angehört hatte, die Alarmglocken. Der gelernte Maschinenschlosser und spätere Werkzeugmacher wollte das historische Stück auf jeden Fall im Ort behalten. Mit Hilfe von Freunden, auch von der Feuerwehr, konnten er und einige Helfer die schwergewichtige Maschine in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“, wie er selbst sagt, aus dem Gebäude holen und in einer Halle seines Arbeitgebers in Baltmannsweiler unterbringen. Dort haben sie zwei Jahre lang intensiv an der Restaurierung gearbeitet, die „Interessengemeinschaft Dampfmaschine Reichenbach“ gegründet und Spenden für das Glashäuschen am Rathaus gesammelt.

Kuhns Verbundenheit mit Reichenbach spürt man, wenn man mit ihm in der Gemeinde unterwegs ist. „Das war das Nähhäusle“, erklärt er auf dem Weg vom Otto-Buckel zu einem alten Nebengebäude der Fabrik, in dem einst Zwangsarbeiterinnen gewohnt hätten. Auch in Vereinen ist er tief verwurzelt, vor allem bei den Naturfreunden und den „Ballermännern“ vom Turnverein: Bei denen sei er schon „ewig“. Das Gemeindeleben verfolgt er nach wie vor, jahrelang war er nach seinem Ausscheiden aus dem Gemeinderat noch zu Gast in den Ratssitzungen. Nach dem Tod seiner Frau hatte er dafür lange keinen Kopf, aber langsam kommt das Interesse zurück.

Fast jeder hat so einen Platz, den er aufsucht, um sich mal aus dem Alltag zurückzuziehen – einen Ort, der ihm etwas bedeutet, an dem er Ruhe findet und Kraft tanken kann. In der Serie „Mein Lieblingsplatz“ zeigen uns EZ-Leser ihre Refugien und erzählen ihre Geschichte.

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