Quelle: Unbekannt

Über die Fähigkeit, im Hier und Jetzt zu leben, haben sich schon viele Menschen den Kopf zerbrochen. Claudia Bitzer köpft lieber ein Fläschchen.

EsslingenDas Leben im Hier und Jetzt ist ein Anspruch, an dem schon ganze Generationen vor uns gescheitert sind. Dieses Unvermögen, den Tag mit der Leichtigkeit des Seins zu tragen, nimmt mitunter groteske Züge an. Man sehnt sich in eine Vergangenheit zurück, die eigentlich vor allem von den Erwartungen geprägt war, die man sich seinerzeit für die Zukunft erhoffte. „Genau genommen leben sehr wenige Menschen in der Gegenwart. Die meisten bereiten sich vor, demnächst zu leben“, hat Jonathan Swift diesen Sachverhalt beschrieben.

Irgendwann kippt das dann, weil man im Laufe der Jahre erfahren hat, dass die Zukunft in der Regel nichts Besseres zu bieten hat als das, was einem die Vergangenheit schon zu Füßen gelegt hat. Und dass das im Nachhinein betrachtet oft nicht das Schlechteste war. Hätte man das damals bloß auch schon gewusst ...

Dazu kommt, dass einem die Zeit mit zunehmendem Alter immer schneller durch die Finger rinnt und die Zukunft immer überschaubarer wird. „Frage nicht (denn eine Antwort ist unmöglich), welches Ende die Götter mir, welches sie dir, Leukonoe, zugedacht haben, und versuche dich nicht an babylonischen Berechnungen! Wie viel besser ist es doch, was immer kommen wird, zu ertragen!“, hat schon der gute alte Horaz im ersten Jahrhundert vor Christus geschrieben. „Ganz gleich, ob Jupiter dir noch weitere Winter zugeteilt hat oder ob dieser jetzt, der gerade das Tyrrhenische Meer an widrige Klippen branden lässt, dein letzter ist, sei nicht dumm, filtere den Wein und verzichte auf jede weiter reichende Hoffnung! Noch während wir hier reden, ist uns bereits die missgünstige Zeit entflohen: Genieße den Tag, und vertraue möglichst wenig auf den folgenden!“

Also begnügen wir uns an diesem Wochenende mit dem Neckar statt mit der Aussicht aufs Tyrrhenische Meer, machen ein Fläschchen Rotwein auf und denken möglichst wenig an den nächsten Arbeitstag – und erst recht nicht an das Ende, das uns die Götter zugedacht haben. Aber um Bacchus Willen, bloß achtsam sein: Nicht dass wir uns an einem Trollinger verschlucken!

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