Wie wird eigentlich aus Bienenwachs eine formschöne Kerze? Die Mitarbeiter der Kerzenwerkstatt der Karl-Schubert Gemeinschaft in Bonlanden wissen es. Ein Blick hinter die Kulissen.
Auch wenn die Zeiten seit langem vorbei sind, dass nur Kerzen Licht ins Haus bringen, missen will sie in der dunklen Jahreszeit bis zum heutigen Tag kaum jemand. Kommt der süße Duft von Bienenwachs hinzu, ist das Wohlgefühl gesichert. In den Karl-Schubert-Werkstätten für Menschen mit Behinderung sorgen 24 fleißige Mitarbeiter dafür, dass der Nachschub an Bienenwachskerzen nicht ausgeht.
Konzentrierte Ruhe herrscht in der Kerzenwerkstatt der Karl-Schubert-Gemeinschaft in Bonlanden. Wer den großen Raum mit seinen vielen Werktischen betritt, wird augenblicklich von einem schweren, süßlichen Duft umwölkt. Bienenwachs ist der Rohstoff, mit dem hier gearbeitet wird. Die Mitarbeiter mit Hilfebedarf, so ihre Selbstbeschreibung, stellen aus dem Naturprodukt Kerzen in vielerlei Form her: große und dicke, kleine und zierliche, konisch oder zylindrisch geformte. Immer aber sind die Kerzen aus Bonlanden entweder naturbelassen gelblich oder rot gefärbt.
Matthias Adam, der schon seit 27 Jahren in den Behindertenwerkstätten in der Kurzen Straße tätig ist, stellt sich vor: „Adam“, sagt er, „wie der erste Mensch“. Die Lacher hat der sympathische 47-Jährige gleich auf seiner Seite. Mit Unterstützung von Gruppenleiter Christian Bauer erklärt er in der Folge, wie die Kerzenproduktion in der Werkstatt genau funktioniert: „Es beginnt mit dem Anklammern der Dochte, dann werden sie getaucht und schließlich die fertigen Kerzen verpackt.“
Ganz einfach eigentlich, zumindest, wenn man es in aller Kürze beschreiben soll. Die dreieinhalb Tonnen Bienenwachs, die hier jährlich verarbeitet werden, stammen aus der Lüneburger Heide, ergänzt Bauer. „Wir produzieren das ganze Jahr für den Herbst und den Winter.“ Jährlich seien das etwa 6000 in Kartons verpackte und weitere rund 3000 einzelverpackte Kerzen. Die konischen Kerzen entstünden dabei durch immer wiederkehrendes Eintauchen in erwärmtes flüssiges Bienenwachs. „Dafür haben wir zwei Tauchtische“, sagt Adam. Sollen die Kerzen eine gerade Zylinderform haben oder ihre Oberfläche gemustert sein, würden sie in einer Silikonform gegossen.
Doch das ist nicht der erste Schritt im Herstellungsprozess: „Zuerst werden die Runddochte aus Baumwolle an einem Dochtwickler abgeschnitten und gebündelt“, sagt Bauer. Danach müssten die Spitzen mit rotem Wachs eingefärbt und anschließend die Dochte einzeln mit kleinen Klämmerchen in die Rahmen gehängt werden. Je nach dicke der Kerzen seien das mal mehr, mal weniger.
Der Wachsklecks an der Spitze des Dochts soll verhindern, dass die im Tauchprozess zunehmend schwerer werdende Masse samt Docht aus der Klammer rutscht. „Am unteren Ende des Dochts wird eine etwas schwerere Klammer angehängt, damit der Docht gerade bleibt“, sagt Bauer.
Sechs solcher Rahmen mit Kerzen hängen über einem Tauchtisch an einem sogenannten Karussell. Die Karussells seien die Erfindung eines früheren Mitarbeiters der Werkstatt, betont Bauer. Wer die Vorrichtung bedient, taucht die im Rahmen hängenden Kerzen mittels einer Seil-Rollen-Konstruktion in ein Loch im Tisch. Darunter befindet sich in einem Kessel das flüssige Bienenwachs.
Nach kurzer Zeit zieht der Mitarbeiter die Kerzen wieder heraus und schiebt den Rahmen am Rondell zu Seite, damit das frische Wachs trocknen kann und der nächste Rahmen über dem Tauchloch zu stehen kommt. Mit jedem Tauchvorgang werden die Kerzen dicker. Wenn sie den gewünschten Durchmesser erreicht haben, sind die Tauchvorgänge beendet. Nun müssen die Kerzen noch gleichmäßig gekürzt und die unten heraushängenden Dochte abgeschnitten werden. Zum Schluss werden sie von anderen Mitarbeitern verpackt. „Manche von uns können tauchen, manche nicht“, sagt Adam. Auch er selbst könne es nicht immer, erklärt er. Manchmal, weil es ihm schwindelig sei, manchmal weil die Hände zitterten. „Dann mache ich halt etwas anderes.“ Der 47-Jährige betont, dass er seine Arbeit in der Werkstatt liebt. „Mir macht es Spaß“, sagt er. „Es ist toll, wenn man sieht, wie die Kerzen entstehen.“ Verkauft werden die fertigen Bienenwachskerzen schließlich an Schulen, Kindergärten oder auch an Bioläden in der Nähe. „Man kann sie aber auch direkt bei uns erwerben“, sagt Bauer.
Ist der Docht einer Kerze aus den Werkstätten in Bonlanden erst einmal entzündet, verströmt deren kleine Flamme garantiert nicht nur ein angenehmes Licht, wohltuende Wärme und den süßen Duft des Bienenwachses. Sie erinnern immer auch ein bisschen an Matthias Adam und seine Kollegen von der Karl-Schubert-Gemeinschaft, die dafür brennen, jeden Tag ihre Arbeit in der Werkstatt möglichst gut zu verrichten.
Lichtgeschichten von den Fildern
Serie
In der Winterzeit erscheint die Serie „Lichtgeschichten von den Fildern“. In ihr wollen wir im wahrsten Sinne des Wortes beleuchten, welche Rolle das Licht in der dunklen Jahreszeit hat, mit Menschen sprechen, die mit Licht zu tun haben, das Licht bringen, oder Tipps geben, wie man sich selbst aus der Dunkelheit holen kann.
Auftakt
Zu Beginn blicken wir in die Kerzenwerkstatt der Karl-Schubert-Gemeinschaft in Bonlanden. Matthias Adam, ist schon seit 27 Jahren in den Behindertenwerkstätten an der Kurze Straße 31 tätig. Mit Unterstützung von Gruppenleiter Christian Bauer erklärt er, wie die Kerzenproduktion in der Werkstatt funktioniert. fri/nak