Menschenrechtsaktivistin Leyla Yunis Foto: Bulgrin - Bulgrin

1,50 Meter groß, schlank, graue Haare: Leyla Yunis ist eine zarte, zerbrechlich wirkende Frau. Und gleichzeitig Aserbaidschans Staatsfeind Nummer eins, Angstgegner von Präsident Ilham Aliyev.

EsslingenLeyla Yunis ist eine zarte, zerbrechlich wirkende Frau: gerade mal 1,50 Meter groß, schlank, graue Haare. Und sie ist Aserbaidschans Staatsfeind Nummer eins, Angstgegner von Präsident Ilham Aliyev. Denn die 63-Jährige tritt als Menschenrechtsaktivistin für die Freilassung politischer Gefangener in ihrem Heimatland ein. Bei der Auftaktveranstaltung zur LesART präsentieren Yunis und ihr Ehemann Arif das gemeinsam geschriebene Sachbuch „Vom sowjetischen Lager zum aserbaidschanischen Gefängnis“.

Thema des Abends sind entsprechend Menschenrechtsverletzungen in der Republik zwischen Russland, dem Iran und der Türkei. Mancher mag jetzt gelangweilt abwinken: Was soll daran neu sein? Das Land steht in einer unrühmlichen Reihe mit Staaten wie Russland, Weißrussland und der Ukraine. Es ist einer der vielen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die die politische Transformation zur Demokratie nicht geschafft haben und stattdessen in ein autoritäres Regime abgedriftet sind: Statt Rechtsstaatlichkeit herrscht Willkür, statt Gewaltenteilung Machtkonzentration, statt echten Wahlen Vetternwirtschaft und Korruption. Warum also soll sich das Publikum in der voll besetzten Schickhardthalle des Alten Rathauses erneut eine Schilderung altbekannter Missstände anhören? Weil es einen Unterschied macht, davon in den Medien zu lesen oder darüber mit Betroffenen zu sprechen. Weil so die Tatsachenbehauptung, die nur den Verstand anspricht, zur gefühlten Wahrheit wird, real und handlungsrelevant.

Genau das bezweckt das Ehepaar Yunis: Dass der Westen dem Diktator am Kaspischen Meer endlich die Stirn bietet, anstatt ihn zu hofieren. Damit die Welt erfährt, wie der Unrechtsstaat seine Bürger in der zehn Millionen Einwohner starken Republik unterdrückt, haben die beiden promovierten Historiker ein 500 Seiten starkes Doppelbuch verfasst. Arif berichtet darin über seine Isolationshaft im Gefängnis des Ministeriums für Nationale Sicherheit und den anschließenden Schauprozess. Zu dieser Einzelfallstudie aus Sicht eines Opfers liefert Leyla den Hintergrund mit ihrer Systemanalyse. Dabei geht es um die Gerichtsbarkeit und den Strafvollzug in Aserbaidschan, die Erbdynastie des Aliyev-Clans, Massenmedien und natürlich um politische Gefangene.

„Vor dem Tod habe ich keine Angst“

Gefasst spricht Leyla Yunis über ihre Verfolgung, Inhaftierung und Folter durch den Staat. Die Hände faltet sie vor der Brust, als wolle sie eine emotionale Distanz zwischen sich und die Misshandlungen bringen. Laut, deutlich und ruhig formuliert sie Sätze wie: „Vor dem Tod habe ich keine Angst, ich habe keine Angst vor dem Gefängnis. Ich bin stolz darauf, dass ich für das korrupte Verbrecherregime, das meine Heimat Aserbaidschan besetzt hat, gefährlich geworden bin.“ Und weiter an Präsident Aliyev gewandt: „Sie können mich zerstören, aber Sie werden mich niemals besiegen.“ Als Leyla Yunis die Anklagepunkte im staatlich inszenierten Schauprozess gegen sich und ihren Ehemann aufzählt, wirkt sie resigniert. Spendengelder für ihre Stiftung soll sie veruntreut haben, obwohl die Geldgeber ihre Unschuld bescheinigen. Arif wird vorgeworfen, unerlaubt Geld von ihrem auf sein Konto transferiert zu haben, obwohl die Eheleute sich ein Konto teilen. Ein leises, trauriges Lächeln huscht über Leyla Yunis’ Gesicht: „Das ganze Land ist ein Gefängnis.“

Wütend wird Leyla Yunis nur, wenn sie über die EU berichtet und deren dreckige Deals mit dem „Diktator in Aserbaidschan“. Abgeordnete der Parlamentarischen Versammlung des Europarats hätten sich 2013 von Aliyev mit sechs Millionen Euro bestechen lassen, behauptet sie. Und im Gegenzug eine Resolution zugunsten politischer Gefangener in Aserbaidschan abgelehnt. Aufgebracht spielt Leyla Yunis mit ihrem Ehering, lacht bitter. Vielleicht hilft angesichts solcher Absurdität, Scheinheiligkeit und Ungerechtigkeit nur ein gewisser Zynismus. Warum hilft der Westen nicht? Vielleicht weil der Diktator zuverlässig Öl und Gas liefert, mutmaßt Yunis.

Kampf für Freiheit

Über zwei Stunden erzählen Leyla und Arif Yunis von ihrer Heimat. Geben zuerst Antworten auf Fragen des Moderators und Esslinger Kulturamtsleiters Benedikt Stegmayer auf Russisch, die Helena Lapidus anschließend ins Deutsche übersetzt. Es folgt der Vortrag einiger Textstellen durch Schauspieler Sebastian Röhrle. Allmählich werden die Zuhörer unruhig, die ersten gehen, andere werfen verstohlene Blicke auf die Armbanduhr. Am Ende erhält das Publikum keine Gelegenheit mehr, Fragen zu stellen. Dabei hätte mehr Interaktion und weniger Frontalunterricht die Veranstaltung sicherlich belebt. Um 22.30 Uhr ist dann endgültig Schluss und das Ehepaar Yunis kehrt zurück in die Niederlande, wo es derzeit mit seiner Tochter lebt. Der Staatsfeind Nummer eins kämpft weiter für die Freiheit – zwar nicht mehr an der Heimatfront, aber immerhin noch aus dem politischen Exil heraus.

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