Ehe von Sonntag an wieder Züge über die sanierte Bahnstrecke von Stuttgart nach Mannheim mit Hochgeschwindigkeit rauschen, sind dort Prüfer auf Achse. Deren Berufsleben ist ein ständiges Hin und Her.
Stuttgart - Christopher Merglers Arbeitstag ist ein ständiges Hin und Her. Und als ob das noch nicht genug wäre, nimmt dabei auch noch das Tempo stetig zu. Was für andere der Grund für den Gang zum Betriebsrat wäre, ist für den 39-Jährigen vollkommen normal. Der gelernte Energieelektroniker leitet die Versuchsfahrten auf der frisch sanierten Hochgeschwindigkeitsstrecke der Deutschen Bahn zwischen Stuttgart und Mannheim. Noch bis Freitagabend pendeln er und seine Mitarbeiter beständig zwischen Rhein und Neckar. Allein bist Mittwochabend hatten sie bereits 14 Mal die 99 Kilometer lange Strecke hinter sich gebracht.
Große Bedeutung fürs deutsche Schienennetz
Dass man Merglers Team auf Fahrt hat schicken können, löst bei der Deutschen Bahn allenthalben Erleichterung aus. „Es ist geschafft: die Schnellfahrstrecke Mannheim-Stuttgart ist komplett saniert und geht am 1. November pünktlich wieder in Betrieb“, heißt es in der Einladung zur symbolischen Wiederinbetriebnahme der knapp 30 Jahre alten Rennbahn zwischen der Landeshauptstadt und der zweitgrößten Stadt im Land. Dass sich dazu Steffen Bilger (CDU), Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) und der oberste Bahner im Land, Thorsten Krenz, am Samstagmorgen Zeit nehmen, unterstreicht die Bedeutung, die die Strecke im Eisenbahnverkehr des Landes aber auch darüber hinaus hat.
Bevor das Trio grünes Licht gibt, bleibt für Christopher Mergler und seine Kollegen noch eine Menge zu tun. Zu sechst pendeln sie weiter zwischen den beiden Endpunkten der 1991 eröffneten Strecke. Zwei Mitarbeiter prüfen dabei das Zusammenspiel von Zug und Schiene, zwei andere behalten den Stromabnehmer und die Oberleitung im Auge. Die übrigen zwei steuern den Zug. „Wir steigern dabei die Geschwindigkeit von 160, über 200, 230, 250 bis schließlich 280 Kilometer in der Stunde“, sagt Mergler. Sensoren an dem Messfahrzeug, dem im Bahnerjargon ICE-S genannten Zug, zeichnen kontinuierlich Messwerte auch bei den hohen Geschwindigkeiten auf. Bei Auffälligkeiten werden die Daten an einen Bautrupp übermittelt, der sich über Nacht der Sache annimmt, damit Mergler am nächsten Tag wieder auf große Fahrt gehen kann.
Das, was man bislang gefunden habe, bewege sich vollkommen im Rahmen, sagt der Fachmann. Bei aller Aufmerksamkeit für die Instrumente bleibt auch noch Zeit für einen Blick aus dem Fenster. „Wir bekommen schon mit, wie schön Baden-Württemberg ist“, sagt Mergler.
24 Millionen Fahrgäste pro Jahr
Die Schönheiten des Landes zu entdecken, dürfte für die meisten Fahrgäste dieses Eisenbahnrückgrats im Südwesten weniger im Mittelpunkt ihrer Reise stehen. 68 000 Fernzüge passieren die Trasse Jahr für Jahr und transportieren dabei 24 Millionen Passagiere. Diese Zahlen stammen aus der Zeit vor der Corona-Pandemie. Die damit einhergehenden Einschränkungen haben auch bei der Bahn für einen deutlichen Nachfrageeinbruch gesorgt. Nach den am Mittwoch verhängten Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie dürften sich die Fahrgastzahlen auf niedrigem Niveau bewegen.
Seit dem 10. April war die Strecke gesperrt, die Reisenden wurden auf den Umweg via Mühlacker und Bruchsal geschickt. Auf der Rennbahn mussten unterdessen 190 Kilometer Gleis, 300 000 Schwellen sowie 440 000 Tonnen Schotter ausgetauscht werden. Rund 200 Millionen Euro waren für die Verjüngungskur veranschlagt. Nach und nach muss die Bahn ihre Schnellfahrstrecken der ersten Generation auf Vordermann bringen. Vergangenes Jahr waren die Bautrupps zwischen Hannover und Göttingen unterwegs, nächstes Jahr ist der Abschnitt Göttingen-Kassel dran.
Christopher Mergler, dessen Erkenntnisse bestätigen sollen, dass dieses Jahr zwischen Mannheim und Stuttgart wieder alles auf den neusten Stand gebracht worden ist, wohnt bei München, ist aber auf dem Netz der DB zu Hause. Jedes halbe Jahr steht für ihn die sogenannte Regelinspektion auf dem Plan, bei der alle deutschen Hochgeschwindigkeitsstrecken überprüft werden. Sieben Wochen dauert diese Rundreise durch die Republik. Die Prüfer müssen dann mit ihrem speziellen Messzug, der schon seit 1997 unterwegs ist, im üblichen Bahnverkehr mitschwimmen. Die Züge mit Passagieren an Bord sollen nicht durch die Überprüfung der Strecke ausgebremst werden. „Für mich ist Bahnfahren in Deutschland wie für andere S-Bahnfahren“, sagt er. Dass Hin und Her seines Arbeitstages scheint ihm zu gefallen.