Der Stuttgarter Schauspieler Ernst Konarek war zu Gast im Blauen Haus und stellte Dichter aus Israel und Palästina vor.
Von Politik ist nicht die Rede, im Blauen Haus in Böblingen. Vom Krieg jedoch wird nicht geschwiegen, denn schließlich bildet der so lange währende Konflikt auch den Hintergrund des Programms, das der Schauspieler Ernst Konarek dort vorstellt. „Die Flügel meines schweren Herzens“ heißt dieses Programm, eine Zeile von Mahmut Darwisch, dem Dichter Palästinas, der seit 1970 im Exil lebte, 2008 in Houston, Texas starb. Konarek hat Darwischs Gedichten Texte mehrerer anderer Dichter zur Seite gestellt – von Samih al Quasim, Mustafa Sadik, aber auch von Amos Oz, einem israelischen Autor. Es ist ein Abend der Klage und der Poesie, bei dem die Verbundenheit der Palästinenser zu ihrem Land und ihrer Tradition sehr deutlich wird, die Situation im Gaza-Streifen manchmal aber auch mit leisem Humor aufgefangen wird. An Ernst Konareks Seite dabei Karim Othman Hassan, der die Oud spielt, die arabische Laute, und die Rohrflöte Nej.
Blick auf entsetzliche Ereignisse
Seine Premiere feierte „Die Flügel meines schweren Herzens“ vor zehn Jahren als Begleitprogramm des Bühnenstücks „Ich werde nicht hassen“, in dem der palästinensische Arzt Izzeldin Abuelaish von seiner Arbeit erzählt. Konarek schuf, gemeinsam mit Silvia Armbruster, die Bühnenfassung des Berichts. Im vergangenen Jahr dann brachte Ernst Konarek, wieder in Zusammenarbeit mit Karim Othman Hassan, das Stück „71023“ auf die Bühne des Stuttgarter Theaterhauses, auf der es nach wie vor gezeigt wird: Der Titel erinnert an den Tag des Angriffs der Hamas auf Israel, das Stück selbst ist Montage aus Augenzeugenberichten. Entsetzliche Ereignisse werden hier beim Wort genannt.
Ernst Konarek, geboren 1945 in Wien, seit 1968 in Deutschland, einst Mitglied des Ensembles am Stuttgarter Staatsschauspiel, greift auch tief in die Anekdoten des palästinensischen Lebens hinein, erzählt mit sehr lebhaftem Ton auch eine Geschichte, in der ein Mann vergisst, Allah um Schutz zu bitten vor den Ränken der Frauen, was sich letztlich für diesen Mann als überaus fatal erweist. Oder fast. Der volkstümliche Ton jedoch tritt bald zurück.
Karim Othman Hassans Spiel auf der Oud, der Klang von Saiten, trocken wie ein Wüstenwind, leitet über zum nächsten Textteil, Ernst Konareks Rezitation des Gedichts „Rita und das Gewehr“, in dem Mahmud Darwisch von seiner eigenen Liebe zu einer israelischen Frau erzählt, die später der israelischen Luftwaffe beitreten sollte: „Zwischen Rita und meinen Augen erhebt sich ein Gewehr.“ Mahmut Darwisch machte Rita zudem ein Kompliment, das für Ernst Konarek eines der schönsten sein muss: „Und weil du ein Traum bist, schlafe ich so viel.“ Das Böblinger Publikum schließt sich schmunzelnd der Meinung des Schauspielers an.
Konarek liest nun Verse, in denen Darwisch von seiner Verbundenheit mit der Heimat spricht. Hier schon wird der Schmerz spürbar, spricht der Dichter auch von einem „Würgegriff“ – „Ich beherrsche das Golfspielen nicht und ich verstehe nichts von Technologie und ich kann kein Flugzeug steuern. Deswegen also nimmst du mir mein Leben? Um damit dein Leben zu schmieden?“ Die Frage nach Freundschaft, bei allen Unterschieden, Unzulänglichkeiten, wird gestellt.
Samīħ al-Qāsim, geboren 1939, verstorben 2014, war ein Palästinenser, der in Israel lebte und den Konflikt in seinen Gedichten immer wieder thematisierte. Karim Othman Hassan spielt die arabische Flöte, sie klingt sehnsüchtig, suchend. „Hier werden wir in die letzten Felsen ritzen: Es lebe das Leben.“ Refaat Alareer schließlich war ein palästinensischer Dichter, Akademiker, Aktivist, der am 6. Dezember 2023 mit seiner Familie bei einem Luftangriff Israels im nördlichen Gaza ums Leben kam. Zwei Wochen zuvor schrieb er: „Wenn ich sterben muss, musst du weiterleben und meine Geschichten erzählen.“
Eine Prise Humor inmitten des Elends
Ernst Konarek blickt mit seinem Poesie-Abend hinter kulturelle Grenzen, die längst ganz verstellt scheinen, zeigt eine lebendige und bedrohte Kultur jenseits des Konfliktes, die vom Terror der Hamas weit entfernt ist. Konarek zitiert schließlich auch Amos Oz, den israelischen Dichter: „Unglücklicherweise werden die gegenwärtigen Feindseligkeiten erst dann enden, wenn eine der Parteien oder alle beide erschöpft sind.“ Hier kommt nun auch der wahre, tiefgreifende Konflikt zur Sprache, der Antisemitismus der Hamas. Oz, der sich einen Mann des Kompromisses nennt, begegnet dieser Situation mit Humor: „Vielleicht treffen wir uns auf halbem Weg und Israel existiert nur an Montagen, Mittwochen oder Freitagen.“ Zuletzt eine Geschichte, die von einem Mädchen erzählt, das Seesterne, die an den Strand geschwemmt wurden, ins Meer zurückträgt, unbekümmert darum, dass es nicht alle Seesterne retten kann – und ein jüdisches Märchen.