Der Autor Joachim Zelter (links) und Moderator Alexander Maier bei der Lesart. Foto: privat

Joachim Zelters Romane sind bekannt für ihren satirischen Schliff. Bei der Lesart in Esslingen stellte er seinen neuen Roman „Hoch oben“ vor.

Ähnlichkeiten mit realen Oberbürgermeistern sind nicht ganz zufällig in Joachim Zelters Roman „Hoch oben“. Sein Thorwald Burger surft von einer Talkshow zur nächsten. Fahrradbrücken und schwimmende Solarpanele verkauft er ebenso wirksam wie seinen antiquierten Begriff von Ordnung. Ein Ehrendoktortitel ist ihm schnuppe. Doch wenn ein Fernsehsender zum Interview ruft, findet sich schnell ein freies Plätzchen im Terminkalender.

Beim Esslinger Literaturfestival Lesart machte der Tübinger Schriftsteller und ehemalige Esslinger Bahnwärter-Stipendiat keinen Hehl daraus, wer ihn zu der schillernden Figur inspiriert hat. Die Selbstinszenierung von OB Boris Palmer beschäftigt den promovierten Anglisten. Dabei beherrscht Zelter die Kunst der Satire perfekt. Karlsberg, wo die Geschichte spielt, „ist eine frei erfundene Stadt“, heißt es in der Vorbemerkung. Ebenso seien die Figuren fiktiv.

Autogrammstunde mit Joachim Zelter. Foto: privat

Doch obwohl Zelter die Figuren mit der ihm eigenen Ironie grandios verzerrt, sorgten die offenkundigen Parallelen im Kronensaal der Kreissparkasse Esslingen für Lacher. Im vergnüglichen Dialog mit dem Moderator, dem Journalisten Alexander Maier, verriet der Autor, dass es ihm nicht allein um die Satire über eine politische Persönlichkeit geht. Ihn interessiere „Burgers Wirkung auf die Stadtgesellschaft“. Der medienaffine, auf sein weit reichendes Image bedachte Typus des Kommunalpolitikers ist für Maier eine Erscheinung dieser Zeit. „Zeigten Politiker früher mehr Profil?“, wollte er vom Autor wissen. Da erinnerte Zelter an Persönlichkeiten wie Herbert Wehner oder Franz-Josef Strauß, mit denen man zwar nicht immer einig sein musste, bei denen man aber wusste, woran man war, und an denen man sich reiben konnte.

Ein modernes Schauermärchen in der „Burgerstadt“

Für den Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Zelter geht die Beschäftigung mit dem Politikertypus aber tiefer. In seinem Buch „Hoch oben“ (Kröner-Verlag, 22 Euro) ist der Ich-Erzähler ein gewisser Jeremy Ash – ein britischer Journalist, der nach einem Unfall in Karlsberg strandet und sich dann mit einer Reportage über den schillernden Lokalpolitiker Burger wieder ins Geschäft zurückkämpfen will. Dass er von Burger durch die ganze Stadt gejagt wird, weil er nicht artig grüßt, sorgt für eine Komik, die tragische Züge trägt.

Formal habe er sich am englischen Schauerroman des 18. Jahrhunderts orientiert, verriet Zelter. Spielerisch geht er mit den Motiven dieses literarischen Genres um. Die „Burgerstadt“, wie Zelter das fiktive Karlsberg nennt, ist um eine Burg gebaut. Klug spielt Zelter mit der gespenstischen Atmosphäre, die den OB umgibt, der sich dem Volk nur zu gerne in den Straßen zeigt. Wenn Touristen dann Selfies von ihm schießen, ist sein Glück perfekt.

Noch glücklicher aber ist Zelters Medienstar, wenn er Debatten entfachen und die Kommentarspalten in den sozialen Medien zum Glühen bringen kann. Da unterscheidet sich die Figur nicht von Polit-Influencern ihrer Zeit. Um Jeremy Ash zu bestrafen, rufen Burger und seine Getreuen eine Online-Schlacht mit brutalen Bildern, Hashtags und Hasskommentaren aus.

Der Literat Joachim Zelter spielt mit Motiven. Foto: privat

Geschichten wie diese erinnerten Alexander Maier an die Begegnung von Boris Palmer mit einem Studenten, der im Vorbeigehen zu seiner Begleiterin gesagt haben soll: „Ach nee, der auch noch“. Daraufhin wollte der Kommunalpolitiker die Personalien des jungen Mannes aufnehmen, zeigte ihn später wegen Störung der Nachtruhe an. Dem folgte eine Gegenanzeige der Freundin des Studenten wegen „Nötigung“. Mit realen Bezügen wie diesen spielt Zelter, um sie aufs Schönste zu verfremden.