Ein futuristischer Neubau, der sehr umstritten war: Die Versöhnungskirche im Leonberger Ramtel ist 60 Jahre alt. Fritz Röhm und Doris Wacker sind seit Anfang an dabei Foto: Simon Granville

Die Versöhnungskirche im Ramtel war Vorreiter in Sachen Stadtentwicklung, Erwachsenenbildung, Familienbildung und offene Jugendarbeit. Auch 60 Jahre später ist das Haus offen für alle.

Der Name „Versöhnungskirche“ ist aus einem Wettbewerb hervorgegangen, den die damals 16-jährige Ursula Gohl gewann. Seit nunmehr 60 Jahren ragt der prägnante Kirchenturm im Ramtel wie ein mahnender Zeigefinger gen Himmel. Das nicht von ungefähr: Versöhnung war ein großes Anliegen der zwölf Millionen Vertriebenen in Deutschland und so haben sie diese 1950 in ihre Charta aufgenommen. Tausende von ihnen haben im Ramtel eine neue Heimat gefunden. Deshalb steht auch auf dem im Herbst 1965 bei der Einweihung der Kirche gesetzten Stein der Satz aus der Bergpredigt: „Gehe hin und versöhne dich mit deinem Bruder!“

Die Kirche ist eng mit dem Werden des Stadtteils Ramtel verbunden. Leonbergs Bürgermeister Carl Schmincke hatte die Idee, das schlechte Ackerland östlich der Autobahn als Baugrund den vielen Tausenden Vertriebenen und Flüchtlingen aus der sowjetischen Ostzone zur Verfügung zu stellen.

Die meisten Vertriebenen waren katholisch und so versuchten die Eltinger Pfarrer, die evangelischen Christen zu sammeln: Bibelstunden in Privatwohnungen, Adventabende im Hotel Eiss, Besprechungen im Gasthaus. Die Eltinger Kirche war zu weit weg und so wurde 1960 in der Breslauer Straße eine Baracke aufgestellt. Der Oberkirchenrat billigte eine Pfarrerstelle und setzte Pfarrer Paul Gerhard Seiz ins Amt. Er wurde zur treibenden Kraft für den Bau einer neuen Kirche – ein Grundstück dafür gab es seit 1957.

Ramtel wurde in der Nachkriegszeit zu einem wichtigen Zentrum der evangelischen Kirchenreformbewegung in Württemberg. Hier fehlten etablierte gesellschaftliche und kirchliche Strukturen völlig. Dagegen wollte Pfarrer Paul-Gerhard Seiz angehen und eine „Ortsgemeinde von morgen“ entwickeln, die sich klar an Dietrich Bonhoeffers Forderung nach einer „Kirche für andere“ ausrichtete.

Die Ängste und Sorgen der Menschen im Ramtel

Akribisch wurde erhoben, was das Leben der Menschen im Ramtel bestimmte und auf welche Nöte reagiert werden sollte. So wurde 1963 eine Offene Jugendarbeit aufgebaut, weil den Jugendlichen Räume und Möglichkeit für eine sinnvolle Freizeitgestaltung fehlten. Diese Jugendarbeit mündete in den Jugendhausverein, der heute im Kulturzentrum Beat Baracke im Kinder- und Jugendhaus Eltingen aktiv ist.

In dem Stadtteil liefen zwei Gemeindekonzepte parallel. Das eine hieß „Gemeinde in Dienstgruppen“ – dabei kümmerten sich Verantwortliche um die verschiedensten Gruppen und trafen sich im Gemeindeausschuss. Dieses Modell hatten die Pfarrer begründet, die sich nach dem Krieg in ganz neu aufgesiedelten Gemeinden wiederfanden ohne gewachsene Strukturen, aber mit vielen jungen entwurzelten Menschen von überall her.

Das andere Konzept nannte sich „Kolonie“. Die nahm 1965 ihr Wirken auf, argwöhnisch beäugt von den Einheimischen und „Klein-Moskau“ genannt: Eine Gruppe von 27 Menschen, die aus dem Freundeskreis von Pfarrer Paul Gerhard Seiz sowie interessierten Eltingern und Stuttgartern bestand, die vor allem gesellschaftsdiakonische Konzepte entwickelte. Sie wirkte nach der Theologie von Dietrich Bonhoeffer: Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.

Das Konzept: der Pfarrer wird immer unwichtiger, er reiht sich in die Gemeinde ein, alle zusammen füllen das Pfarramt aus, dieses wird in die Gemeinde getragen. Die Kolonie wurde 1969 aufgelöst.

Die Kirche im Ramtel als offenes Haus für alle

Die Ideen der Kolonie haben ihre Spuren auch im Kirchenbau hinterlassen. Architekt Heinz Rall hat viele davon baulich umgesetzt, wie Mitwirkung der Laien im Gottesdienst, Zusammenrücken von Theologen und Gemeinde, ein offenes Haus für alle. Es sollte keine Sonntagskirche werden, sondern ein Zentrum, in dem sich Menschen bewegen, miteinander beten, sprechen, hören, denken, feiern können.

Die Betonkonstruktion beeindruckt noch heute mit ihrer klaren Linienführung. Foto: Simon Granville

Die Ramtelkirche hat aber weit über die Gemeinde hinausgewirkt. Sie kann mit Recht als die Wiege der Ökumene genannt werden. Bis das Edith-Stein-Haus fertig wurde, fanden hier bis 1982 auch katholische Gottesdienste statt. Dieses ist inzwischen geschlossen, weil die katholische Kirche die Sanierungskosten nicht aufbringen kann. Die Versöhnungskirche war in ihren Anfängen Vorreiter bei Themen, derer sich kein anderer angenommen hatte, die heute aber Profis gestalten: Stadtentwicklung, Erwachsenenbildung, Familienbildung, offene Jugendarbeit. Ein Neuaufbruch wurde die Fusion mit der Stadtkirche und der Blosenbergkirche zu Leonberg-Nord.

Versöhnungskirche hat eine spannende Architektur

Der Architekt hat eine Baugruppe aus Kirche und Gemeindezentrum mit mannigfaltigem Raumangebot geschaffen. Der große Saal des Kirchenraumes hat keinen abgetrennten Platz für einen Altar, keine Kanzel schwebt darüber. Über dem Abendmahlstisch ist eine Dornenkrone abstrahierende Bronzeplastik aufgehängt. Keiner steht über dem anderen, alle stehen auf einer Stufe. Die Bestuhlung ist lose auf dem Betonboden aufgestellt.

Es ist kein Mehrzweckbau, sondern eine klar erkennbare Kirche, hat der Architekt doch einen klar auf liturgische Nutzung und Beziehung gestalteten Raum geschaffen. Zwar rücken in der Gesamtanlage Kirche und Gemeindehaus, also Liturgie und Gemeindearbeit räumlich nahe aneinander, sie bleiben aber baulich und in der Nutzung doch deutlich voneinander getrennt. Ramtel bekam einen eigenwillig geformten Baukörper der auch Bezug zu seiner geografischen Umgebung in Hanglage nimmt. Die Betonkonstruktion beeindruckt noch heute mit ihrer klaren Linienführung und der stringenten liturgischen Gestaltung, sodass der Bau 2012 unter Denkmalschutz gestellt wurde.