Was ist Ihr Lieblingstier? Foto: Bulgrin

Von Harald Flößer

„Es hat doch jeder irgendwie eine politische Meinung.“ Vera Kosova kann nicht verstehen, dass so viele Menschen nicht mitreden wollen, wenn es um ihre Zukunft geht. Schon gar nicht kann die 34-Jährige nachvollziehen, wenn jemand nicht wählen geht. Das möchte die promovierte Ärztin aus Echterdingen ändern. Denn sie kämpft bei der Bundestagswahl am 24. September selbst um Stimmen. Für die Alternative für Deutschland (AfD) möchte sie in den Bundestag einziehen. Kosova weiß, dass das in dem seit vielen Jahren von den „Schwarzen“ dominierten Wahlkreis Nürtingen illusorisch ist. Denn ihrem CDU-Mitbewerber Michael Hennrich wird das Direktmandat kaum zu nehmen sein. Bei der Wahl 2013 schaffte er 51 Prozent. Doch für die junge Medizinerin ist es ein „Einstieg“ in die Politik. Sie möchte erste Erfahrungen sammeln. Und sie kann sich vorstellen, künftig auch in der Kommunalpolitik mitzumischen.

„Wir sind keine Rassisten“

Dass ihre Partei, der sie erst seit einem guten Jahr angehört, wegen mancher extremen Haltung sehr kritisch beäugt und ignoriert wird, hat sie schon das eine oder andere Mal zu spüren bekommen. „Wir werden nicht zu allen Veranstaltungen eingeladen“, berichtet sie von ihren bisherigen Wahlkampfterminen. Aber das ficht die 34-Jährige nicht an. Sie wehrt sie sich dagegen, in die rechte Ecke gestellt zu werden. „Wir sind keine Rassisten und keine Ausländerfeinde.“ Aber es müsse erlaubt sein, Dinge mit klaren Worten in Frage zu stellen. Sie beobachtet gerade wegen der klaren Kante „ein großes Interesse an unserer Partei“. Der AfD habe sie sich angeschlossen, weil sich die etablierten Parteien von den Bürgern gelöst hätten. Und weil es dort von Anfang an basisdemokratisch zugehe.

„Wir brauchen eine ehrliche und differenzierte Diskussion.“ Diesen Satz gebraucht die aus Usbekistan stammte Frau häufig, wenn sie über ihre politischen Ziele spricht. Deutschland sei ein Land mit guten Strukturen. Doch durch die aktuelle Politik sei alles stark gefährdet. Beispiel Flüchtlingspolitik. Man müsse genau schauen, wie groß die Aufnahmekapazität für Asylbewerber in Deutschland sei. „Wir wissen, dass ein Großteil Wirtschaftsflüchtlinge sind.“ Das müsse man kritisch hinterfragen dürfen. Sie vermisse ein klares Konzept, wie man mit diesen Menschen umgehen soll. Klar sei, „dass es viel effizienter ist, das Geld in deren Heimatländern einzusetzen.“

„Familien mehr entlasten“

„Unser Land ist durch die soziale Spaltung bedroht“, stellt Kosova fest. Einem kleinen Teil der Menschen gehe es wirtschaftlich immer besser, der Mehrheit dafür immer schlechter. Das Rentenniveau sinke. 2015 seien 3,2 Prozent der Rentner auf Unterstützung durch den Staat angewiesen gewesen, bei der Einführung der Grundsicherung 2003 seien es noch 1,7 Prozent gewesen. Auch bei den Netto-Durchschnittseinkommen belege Deutschland nur noch Platz 18. Dafür habe es im OECD-Vergleich einen Spitzenplatz bei Steuern und Sozialausgaben. Zehn Prozent der deutschen Arbeitnehmer zahlten den Spitzensteuersatz. Kosova will sich für die Stabilisierung des aktuellen Rentenniveaus einsetzen. Zudem müsse man die private Altersvorsorge sowie die Betriebsrente stärken. Das Rentensystem solle künftig stärker aus Steuermitteln finanziert werden. Man brauche ferner „eine Steuerreform, die finanziell Schwächere entlastet“. Die Mehrwertsteuer würde die AfD-Politikerin gerne wieder auf das alte Niveau von 16 Prozent senken. „Das würde in erster Linie den Geringverdienern helfen.“ Auch die Familien müssten steuerlich entlastet werden, zum Beispiel durch Familiensplitting oder durch zinsgünstige Kredite für den Kauf einer Immobilie.

Mit Sorge sieht die Medizinerin das Gesundheitssystem. „Die Beiträge steigen und die Leistungen werden reduziert.“ Man müsse eine Antwort darauf finden, wie sich das System dauerhaft finanzieren lässt, gerade weil immer mehr ältere Menschen immer mehr medizinische Betreuung brauchten. Dass manche Menschen sich Medikamenten nicht leisten können, findet die 34-Jährige erschreckend.

Einsetzen will sie sich auch für „mehr Bürgerbeteiligung durch Volksabstimmungen auf allen Ebenen“.

Als „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland gekommen

Biografie: Vera Kosova wurde 1982 in Taschkent, der Hauptstadt von Usbekistan, geboren. Im Alter von 15 Jahren emigrierte sie mit ihrer Familie als sogenannte Kontingentflüchtlinge (jüdische Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion) nach Deutschland. Seit 2003 ist Kosova offiziell eingebürgert. Nach dem Abitur studierte sie Medizin. Bis Ende Juni dieses Jahres war die promovierte Kardiologin an der Universitätsklinik in Heidelberg beschäftigt. Seither ist sie freiberuflich tätig. Vera Kosova ist ledig, aber seit fünf Jahren liiert und hat einen Sohn.

Politisches Engagement: Seit März ist die Medizinerin Mitglied der Alternative für Deutschland (AfD). Im Vorstand des AfD-Kreisverbandes Esslingen hat sie die Rolle der Sprecherin übernommen. Andere politische Ämter hat sie nicht inne. Der AfD-Kreisverband Esslingen besteht aus etwa 150 Mitgliedern und ist bislang gegliedert in drei Ortsverbände: Filder, Neckar-Teck und Esslingen. Im Entstehen ist der Ortsverband Neckar-Erms.

Serie: Im Rahmen der Serie „Stippvisite“ begleitet die Redaktion die Kandidatinnen und Kandidaten von CDU, SPD, Grünen, FDP, Linke und AfD während ihres Wahlkampfes und stellt die Bewerber für die Bundestagswahl am 24. September vor.

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