Das CDU-Wahlprogramm für die Landtagswahl thematisiert auch das Sanktionieren von Lehrern bei mangelnder Leistungsbereitschaft. Aus dem Kreis Böblingen erntet die CDU dafür Kritik.
Klassenarbeiten, mündliche Noten, Zeugnisse – Leistungsbewertungen sind für Schüler Alltag. Lehrer sind für die Beurteilung dieser Leistungen zuständig. Aber nicht nur, sie müssen ihren Lehrplan durchbekommen und – heute mehr als je zuvor – erziehen, Konflikte lösen, häusliche Probleme von Schülern begleiten und sich selbst weiterbilden. Und über allem stehen Schulleitungen, die – Lehrermangel, Unterrichtsausfall oder maroder Infrastruktur zum Trotz – den Betrieb am Laufen halten müssen.
Wenig euphorisch war daher wohl die Stimmung in vielen Lehrerzimmern im Land, als Anfang Dezember 2025 eine Passage aus dem Wahlprogramm der baden-württembergischen CDU für die am 8. März anstehende Landtagswahl bekannt wurde. Darin fordert die CDU unter anderem, Instrumente für Schulleiterinnen und Schulleiter zu schaffen, um Lehrerleistungen künftig „wirksam“ und „rechtskonform“ beurteilen zu können. „Besondere Leistungen“ sollen honoriert, „mangelnde Leistungsbereitschaft und Pflichtverletzungen“ sanktioniert werden können.
Schulleiterin aus dem Kreis setzt anderen Fokus
Auch im Kreis Böblingen wurde der Absatz im Wahlprogramm zur Kenntnis genommen. Stefanie Bermanseder, geschäftsführende Schulleiterin der Böblinger Gymnasien, sagt zur Debatte um vermeintlich leistungsschwache Lehrer auf Anfrage: „Ich würde nicht von fehlender Leistungsbereitschaft sprechen, sondern von ständig wachsenden Herausforderungen in unserem Beruf.“ Gerade am Beispiel KI zeige sich, wie rasant sich die Gesellschaft und damit auch die Anforderungen an Schulen entwickelten: „Alle erwarten, dass KI sofort in den Unterricht eingebaut wird. Wir müssen aber zuerst selbst geschult werden.“ Dafür bräuchten ihre Kollegen „Fortbildungszeit, Zeit für Austausch in Fachkonferenzen und Zeit für die Ausarbeitung von Unterrichtsstunden.“
Es gebe viele weitere Beispiel dafür, wie stark sich die Aufgaben von Lehrkräften und Schulleitungen heute gewandelt haben: Dass Lehrer ausschließlich unterrichten würden, spiegele nicht die Realität wider, betont die Schulleiterin des Otto-Hahn-Gymnasiums: „Wir haben es in einer individualisierten Gesellschaft mit einer sehr viel herausfordernden Schülerschaft zu tun. Das bedeutet mehr Schüler- und Elterngespräche, individuelle Beratung, binnendifferenzierter Unterricht. In Baden-Württemberg führen die Gymnasien gerade mit ‚G9’ eine Schulreform durch. Es wäre falsch, wenn der Eindruck entstünde, wir würden weniger leisten als früher.“
Deutliche Kritik von GEW-Vorsitzenden
Monika Stein, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, kurz GEW, zeigt sich empört über den Vorstoß der Christdemokraten: „Es gibt kein flächendeckendes Problem von fehlender Leistungsbereitschaft. Ich werde wirklich grantig, wenn ich dieses Vorurteil höre.“ Nach Einschätzung Steins seien Schulleitungen bereits jetzt in der Lage, bei Pflichtverletzungen und Leistungsfragen einzuschreiten. „Ich möchte mir aber in den Schulen keine Atmosphäre vorstellen, in der Kollegen ständig Angst haben müssen, regelrecht sanktioniert zu werden“, sagt die GEW-Landeschefin.
Stein, die bis 2020 selbst jahrelang unterrichtete, sieht gerade auch die lange Jahre das Kultusministerium führende CDU in der Verantwortung: „Wir sehen einen Lehrermangel, falsche Stellenberechnungen, Kollegen, die in den Sommerferien gekündigt werden, hohe Belastungen, anspruchsvollere Schülerschaften und marode Infrastrukturen“, so Stein. Sie plädiert daher, „die Diskussion, die ich für blanken Unsinn halte, zu beenden und die wahren Probleme anzugehen“. Diese hätten sich seit der Pandemie verschärft: „Wir brauchen mehr Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen, extra Klassenlehrerstunden und Erziehungspatenschaften.“
Mehr Nachfrage nach Fortbildungen wie Angebote
Dass sich Lehrer nicht ausreichend weiterbildeten, weist die GEW-Landesvorsitzende ebenfalls zurück: „Die Zeit für Fortbildungen ist im Schulalltag knapp. Die Wahrheit ist aber auch, dass viele Fortbildungen meist überbucht sind, sodass viele Kollegen gar keine Möglichkeit auf eine passende Fortbildung haben“, erzählt Stein. Besonders beliebt, so die Gewerkschaftsfrau, seien Fortbildungen zu Themen wie Sicherheit in Schulen, Traumatisierung, Heterogenität in Klassenzimmern und herausfordernde Schülerschaften.
So deutlich wie das CDU-Wahlprogramm äußert sich die Böblinger Vertreterin und Wahlkreiskandidatin der CDU, Regina Dvořák-Vučetić, nicht. Auf die Anfrage, wie sie die Leistungsbereitschaft von Lehrern sieht und welche Formen der Honorierung und Sanktionierung sich ihre Partei vorstellen kann, sagt Dvořák-Vučetić nichts Konkretes. Sie erklärt auf Nachfrage aber: „Ich habe den Absatz im Wahlprogramm zur Kenntnis genommen. Ich verbinde damit andere Schlussfolgerungen. Die genauen Details sind hierbei im Dialog mit den Schulleitungen zu entwickeln.“ Konkret will sich die Christdemokratin für eine „Entlastung der Lehrkräfte und Schulleitungen, insbesondere von administrativen Aufgaben“ einsetzen. Gelingen könne das durch die Einrichtung von Schulverwaltungsassistenten, einer präziseren Zuweisung von Ressourcen je nach Problemlage der Schule oder eine Verbesserung des digitalen Unterrichts.
Lehrerleistungen unter die Lupe nehmen?
Wahlprogramm
Auf Seite 45 spricht die CDU davon, „Schulleitungen in die Lage zu versetzen, Engagement, Verlässlichkeit und besondere Leistung zu honorieren“. Zugleich soll es möglich sein, mithilfe „wirksamer, rechtskonformer Werkzeuge, „dauerhaft mangelnde Leistungsbereitschaft und Pflichtverletzungen zu adressieren“. Dabei kämen auch Sanktionen in Frage.
Wahl
Die Landtagswahl findet am 8. März statt. Die CDU hat dabei gute Chancen, stärkste Kraft zu werden und damit die Grünen abzulösen.