Ulf Schulz, Sohn des heute 85-jährigen Autokonstrukteurs Eberhard Schulz, mit dem Isdera Erator GTE Mark III. Foto: Torsten Schöll

Der Isdera Erator GTE ist ein Unikat. Jetzt steht der Sportwagen in Stuttgart erstmals zum Verkauf und erinnert an die Geschichte des legendären Automobilherstellers aus Leonberg.

Vermutlich hatten die Herren vom TÜV, die den quietschgelben Flitzer im September 1970 auf Herz und Nieren prüfen mussten, nicht allzu oft eine Abnahme wie diese. Was sollte man auch davon halten, wenn sich ein gerade mal 30-Jähriger einen Sportwagen selbst zusammenzimmert? Nach einer schnellen Runde über die Autobahn und einiger tiefergelegter Fragen waren bei den beiden Prüfern indes wohl alle Bedenken verflogen.

„Herr Schulz, eine reifliche, überzeugende Arbeit“, soll der TÜV-Ingenieur am Ende der Erstzulassung beeindruckt resümiert haben. Tempo 175 hatten die Kontrolleure des Technischen Überwachungsvereins im „Erator GTE“ auf der nahen Autobahn bei Hannover gemessen. Und das mit einem Fahrzeug, das lediglich einen 55 PS-starken VW-Typ-3-Motor unter der Haube hatte.

Neben Mercedes-Benz und Porsche war Isdera die dritte Automobilschmiede in der Region Stuttgart

Der unter Sportwagenliebhabern legendäre Fahrzeugdesigner und Autodidakt Eberhard Schulz hat diesen Moment in seinen Memoiren festgehalten. Der Erator wird später als erster Prototyp aus dem Hause Isdera geführt werden, jener Sportwagenschmiede, die zwischen 1982 und 2006 im Leonberger Ortsteil Warmbronn ansässig war und dort rassige Boliden in kleinster Stückzahl fertigte.

Die von dem ursprünglich aus Hildesheim stammenden Schulz gegründete Leonberger Automobilfirma, in der Fachpresse zeitweise mit dem Prädikat „exklusivste Sportwagenmarke Deutschlands“ geadelt, war 1982 der neunte deutsche Automobilhersteller. In der Region Stuttgart nach Mercedes-Benz und Porsche der Dritte im Bund. Der Name „Isdera“ ist ein Akronym und steht für „Ingenieurbüro für Styling, Design und Racing“.

Zufall sei der Standort Warmbronn nicht gewesen, erzählt Ulf Schulz, Sohn des heute 85-jährigen Autokonstrukteurs, in den Schauräumen des Oldtimer-Händlers Carola Daimler Cars in Plieningen, wo der Erator GTE derzeit auf einen neuen Besitzer wartet. Vor seiner Selbstständigkeit sei der Vater bereits Entwickler bei Porsche gewesen. „Zieht man eine Linie, liegt Warmbronn irgendwo zwischen Weissach und Stuttgart.“ Soll heißen: zwischen Porsche und Mercedes. Als in dem Leonberger Ortsteil, wo die Familie zu dieser Zeit auch lebte, gerade eine Werkstatt frei wurde, schlug der Vater zu.

Isdera-Gründer Eberhard Schulz hatte bei Porsche in Stuttgart angefangen

Das traditionelle Isdera-Logo. Der Name steht für „Ingenieurbüro für Styling, Design und Racing“. Foto: imago/Arnulf Hettrich

In der Folge konstruierte die Autoschmiede Isdera eigene Sportwagen wie den Isdera Spyder, den Imperator oder den Commendatore. Die meiste Zeit lebte das rasch bekannt gewordene Warmbronner Unternehmen aber von Aufträgen aus der Automobilindustrie und deren Zulieferern.

Mit dem 1969, damals noch in einer ostfriesischen Waschküche erbauten Erator habe sich der Vater bei Porsche vorgestellt, erzählt der Sohn. Andere schreiben eine Bewerbung, Eberhard Schulz baute lieber einen Prototyp, um trotz abgebrochenen Maschinenbaustudiums im fernen Zuffenhausen eine Anstellung zu finden. So viel Chuzpe muss Eindruck gemacht haben: Schulz wurde prompt in der Designabteilung von Porsche aufgenommen.

In den folgenden Jahrzehnten machte das Einzelstück des Erator GTE drei Entwicklungsstufen durch, bis er schließlich zum heutigen Isdera Erator GTE Mark III wurde. In seiner aktuellen Ausführung ist der inzwischen silberfarbene Sportwagen mit einem 389 PS-V8-Motor von Mercedes-Benz ausgestattet. Auf flotte 315 Kilometer pro Stunde lässt sich der schicke Flügeltürer beschleunigen, so denn gerade Platz auf der Straße ist.

Der Isdera Erator GTE Mark III stand laut Ulf Schulz noch nie zum Verkauf

Zum Verkauf stand das Unikat bisher noch nie, betont Ulf Schulz, der auch Besitzer des Fahrzeugs ist. „Jetzt aber ist es an der Zeit“, sagt der 54-jährige Sohn des Isdera-Gründers. 2016 sei die Firma an einen chinesischen Interessenten verkauft worden. Zum jahrzehntelang auch ihn prägenden Thema Sportwagen habe er in seinem neuen Lebensabschnitt kaum noch eine Verbindung. Das noch unter dem Namen Isdera firmierende Unternehmen mit Sitz im Saarland, das Anfang des Jahres vorläufige Insolvenz anmelden musste, stehe in keiner Verbindung mehr zur Gründerfamilie.

Wer den spartanisch ausgestatteten, silberfarbenen Zweisitzer künftig sein Eigen nennen will, kann den Erator GTE bei Carola Daimler Cars in Plieningen in Augenschein nehmen. Das Preisschild auf dem Unikat, das es tatsächlich nur ein einziges Mal auf der Welt gibt, dürfte den Kreis der potenziellen Käufer allerdings einschränken: 1,6 Millionen Euro sind aufgerufen. Ein Sonderangebot sieht anders aus.