Sandra Ludwig geht hellwach durchs Leben. Eine Eigenschaft, die einen älteren Herrn vor dem sicheren Tod gerettet hat. Als er auf offener Straße kollabiert, reagiert sie ohne zu zögern.
Sandra Ludwig ist weder zimperlich noch zart besaitet. Im Gegenteil. Die 52-Jährige aus Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) kann anpacken, durchgreifen und ganz schön was aushalten – im Beruf genauso wie im Privatleben. Wenn ihr etwas nicht passt, sagt sie es einfach. Von Berührungsängsten keine Spur. „Das liegt vielleicht auch an meinem Job. Ich arbeite als Fleischereifachverkäuferin und bin in einer Metzgerfamilie groß geworden. Da war ich mit im Schlachthof, wo es auch mal ruppig zugeht und man unschöne Dinge sieht“, sagt Sandra Ludwig und lacht. Sie sei einfach wie sie nun mal sei und mittlerweile auch zu alt, um sich noch zu ändern oder anzupassen.
Einer, der wohl im Nachhinein heilfroh über die beherzte und zupackende Art von Sandra Ludwig sein dürfte, ist der ältere Mann, der an einem Sonntag im März vergangenen Jahres plötzlich auf offener Straße mit dem Tod rang und auf rasche Hilfe angewiesen war. Sandra Ludwig war da, begann sofort mit der Reanimation und war damit entscheidend daran beteiligt, dass die Einsatzkräfte den Kreislauf des Seniors wieder stabilisieren und ihn retten konnten. Für ihr Handeln und ihre Zivilcourage wurde die Frau aus Waiblingen nun von der Initiative Sicherer Landkreis ausgezeichnet. „In Anerkennung Ihrer Verdienste für die Sicherheit im Rems-Murr-Kreis“, heißt es auf der Urkunde. „Das hat mich natürlich sehr gefreut, auch wenn es für mich selbstverständlich ist, zu helfen und nicht wegzuschauen, wenn etwas passiert.“
Als Sandra Ludwig den älteren Herrn erblickt, reanimiert sie sofort
Aber der Reihe nach: Die 52-Jährige war an besagtem Tag Anfang März am frühen Nachmittag mit ihrem Ehemann auf dem Rückweg von einer Fahrradtour. Gemeinsam war das Paar vom Wohnort in Waiblingen-Neustadt nach Fellbach geradelt, hatte sich dort ein leckeres Eis gegönnt, um dann gestärkt wieder zurück nach Waiblingen zu fahren. „Es war ein schöner Ausflug und wir sind gerade gemütlich in die Fellbacher Bahnhofstraße eingebogen, als mir ein älterer Herr auffiel, der auf der linken Straßenseite leicht schwankend lief.“
Sandra Ludwig dachte sich erst mal nichts dabei. Da habe vielleicht jemand bei einem späten Frühschoppen ein Bierchen zu viel getrunken. Doch als der Mann plötzlich stärker schwankte, auf die Fahrbahn stolperte, sie ihm sogar ausweichen und dann mitanschauen musste, wie er über den linken Außenspiegel eines geparkten Autos direkt und ungebremst auf die Straße stürzte, da war ihr klar, dass etwas nicht stimmt. „Wir haben die Räder abgestellt und sind beide zu ihm hingerannt. Mein Mann hat dann noch sein Fahrrad so auf die Straße gestellt, dass die Straße abgesperrt war.“ Sie habe den Mann angetippt und auf irgendeine Reaktion gehofft. Doch die blieb aus, stattdessen bemerkte Sandra Ludwig die unregelmäßige Atmung des Mannes, der da vor ihr auf der Straße lag. „Ich hab meinem Mann zugerufen, dass er ganz komisch schnauft. Und parallel haben wir einen Notruf abgesetzt.“
Dann ging alles ganz schnell. Die Person in der Leitzentrale gab klare Anweisungen: Sandra Ludwig sollte den Mann, der wie weggetreten schien, auf den Rücken drehen und dem Profi am anderen Ende der Leitung immer dann Bescheid geben, wenn ein Atemzug zu hören war. „Ich hab immer mal wieder jetzt gesagt. Er hatte so eine Art Schnappatmung.“ Wenige Sekunden später die klare Ansage von der Leitstelle, der Mann ringe mit dem Tod und Sandra Ludwig solle sofort mit der Wiederbelebung beginnen. Diese tat wie ihr geheißen und machte auch dann mit der Herz-Druck-Massage weiter, als sie zweimal ein lautes Knacken hörte. „Mir war klar, dass waren die Rippen. Aber ich wusste, das ist kein Grund aufzuhören. Ich habe für den Rhythmus ,Stayin alive’ vor mich hingesummt und einfach gedrückt.“
Ihr Wissen hatte sich die couragierte Frau, die hin- statt wegschaut, als Ersthelferin in einem früheren Betrieb und mittels mehrerer Erste-Hilfe-Kurse angeeignet. Doch nicht nur das. Auch bei ihrer eigenen Mutter musste die 52-Jährige schon mal zu Wiederbelebungsmaßnahmen greifen. „Damals hatte sie den zweiten Herzstillstand und man konnte nichts mehr für sie tun, aber auch da schon hatte ich kein Problem damit, einzugreifen und es hat mich auch nicht traumatisiert.“ Wenn jemand sterben solle, könne man es wohl nicht verhindern, aber man müsse es zumindest versuchen.
Mit der Herz-Druck-Massage konnte die 52-Jährige den Senior retten
Im Fall des älteren Herrn konnte Sandra Ludwig mit ihrem mutigen Handeln und der Reanimation Schlimmeres verhindern. „Nur durch ihr schnelles und beherztes Eingreifen konnte nach circa 20 Minuten der Kreislauf der Person wieder hergestellt und stabilisiert werden“, hieß es in der Ansprache von Leo Keidel von der Initiative Sicherer Landkreis Rems-Murr.
Es sei schlimm, dass das überhaupt betont werden müsse und mittlerweile in der Gesellschaft so eine Wegschau-Mentalität an der Tagesordnung sei, sagt Sandra Ludwig. „Man selbst hofft doch auch, dass jemand hilft und nicht einfach weiterläuft, wenn man mal in einer hilflosen oder gar lebensbedrohlichen Situation ist.“ Damit spricht die 52-jährige Geehrte wohl den Kern dessen aus, warum die Initiative so vorbildliches und mutiges Handeln Jahr für Jahr auszeichnet.