Ex-OB Herbert Rösch, Geschäftsführer der Gradmann-Stiftung, freut sich auf die Eröffnung der Wohngemeinschaft. Foto: Roberto Bulgrin

In Nellingen entsteht eine ganz besondere WG. Dort sollen ab dem 17. April neun Menschen mit Demenz zusammen wohnen. Wie das funktioniert, erklären die Verantwortlichen.

Ostfildern - Trotz Demenz im angestammten Stadtteil wohnen bleiben und so weit wie möglich am Leben teilnehmen, das sollen sogenannte ambulante Wohngemeinschaften für Menschen mit Gedächtnis- und Orientierungsproblemen leisten. Nach der ersten Einrichtung dieser Art eröffnet mit der Wohngemeinschaft „Zusammen(H)alt“ am Freitag, 17. April, eine weitere WG in Ostfildern.

Direkt am neuen Kreisverkehr im Stadtteil Nellingen werden neun Menschen mit Demenzerkrankungen ein Zuhause für ihren letzten Lebensabschnitt finden. Sieben Plätze sind schon fest belegt, für zwei laufen die Gespräche noch. Auch die Ehefrau des 85-jährigen Eberhard Bitzer wird im April in diese WG einziehen. Vor etwa eineinhalb Jahren habe er gemerkt, dass er nicht mehr in der Lage sei, sich daheim um seine Frau zu kümmern. Er sei selbst Pflegefall geworden und habe sich nach Pflegeheimen umgesehen. „In der Zeitung habe ich dann von dem Projekt gelesen“, sagt er. „Ich sehe das als sehr gute Lösung, weil sie in ein Leben kommt, wo sie ihren privaten Raum hat, aber auch in der Gemeinschaft lebt.“

Betreuung rund um die Uhr

Zwei Punkte unterscheiden die WG laut Altenhilfeplanerin und Projektleiterin Gabriele Beck von einem Pflegeheim. Der erste ist die Rolle der Angehörigen. „Sie haben ein großes Mitsprache- und Mitgestaltungsrecht – aber auch eine Mitgestaltungspflicht“, so Beck. Die Angehörigen haben ein Gremium gegründet, sie haben den Vertrag mit dem Pflegedienst unterschrieben, der im Haus tätig ist, und auch der Mietvertrag mit der Erich-und-Liselotte-Gradmann-Stiftung – der Eigentümerin der Etage – läuft über sie. „Es ist eine private Wohnung, der Pflegedienst ist nur zu Gast“, so Beck bei einer Besichtigung der Baustelle. Die Mitarbeiter des Pflegedienstes Nikolaus-Cusanus-Haus haben auf dem Stockwerk im Eingangsbereich einen Arbeitsbereich und sind den ganzen Tag über präsent. „Morgens werden drei Mitarbeiter präsent sein, nachmittags zwei und nachts einer“, erklärt Birgit Schult vom Pflegedienst. Sie hat bereits sechs Jahre lang eine ähnliche WG betreut. Zusätzlich zu den sogenannten Alltagsbegleitern sollen zweimal am Tag Pflegefachkräfte ins Haus kommen, die zum Beispiel „machen, was die Ärzte anordnen“ und generell mehr die altenpflegerische Arbeit übernehmen. In der WG soll es möglichst zugehen wie in einer normalen Wohngemeinschaft. Das heißt: Wer kann, wäscht seine Wäsche selber, auch eingekauft wird – je nach Tagesform und Ausprägung der Demenz – gemeinsam mit den Alltagsbegleitern. Auch in das Zeitungsholen sollen die Bewohner nach Möglichkeit eingebunden werden. „Das wäre für die Mitarbeiter eine schnelle Erledigung, aber unser Motto ist: Kein Weg ohne die Bewohner“, sagt Beck.

Eine „Großfamilie“ lernt sich kennen

Die 16 Quadratmeter großen Zimmer werden unmöbliert vermietet. Jeder soll seine eigenen Möbel und Andenken mitbringen. Außer den neun Einzelzimmern, die an einem Rundweg durch das Stockwerk liegen, gibt es noch eine offene Küche, einen Wohn- und Essbereich und eine große Terrasse. „Wer Demenz hat, ist oft ruhelos“, erklärt Beck. Auf dem Rundweg und der Terrasse könnten die Bewohner sich bewegen und an die frische Luft gehen. „Und man hat sie trotzdem im Blick“, ergänzt Schult.

Die Finanzierung für das ambitionierte Projekt kommt aus der Erich-und-Liselotte-Gradmann-Stiftung. Liselotte Gradmann sei selbst Bürgerin von Ostfildern gewesen, sagt Stiftungs-Geschäftsführer Herbert Rösch. „Sie wäre bestimmt sehr zufrieden, wenn sie sehen würde, was mit ihrem Vermögen gemacht wird“, so Rösch. Die Stiftung hat neben den 1,7 Millionen Euro für das 400 Quadratmeter große Stockwerk auch die Erstausstattung der Wohnung übernommen. „Wir bezahlen auch die Kaffeelöffel“, scherzt Rösch. Für alles, was über den Grundbedarf hinaus geht, ist der im Dezember gegründete Förderverein zuständig. Einige Spenden habe dieser schon erhalten. „Wir werden mit den Beteiligten eine Wunschliste erstellen“, sagt Wolfgang Maier, Vorsitzender des Vereins „Zusammen(H)alt“. Zur offiziellen Eröffnung am 17. April ist von 14 bis 17 Uhr ein Tag der offenen Tür geplant, bei dem sich Interessierte in der WG umsehen können. Am heutigen Freitag sollen sich alle Akteure zum ersten Mal treffen. Das sei wichtig, um ein Gespür füreinander zu bekommen. 17 Mitarbeiter, die Angehörigen und die zukünftigen Bewohner sind dabei. „Das ist eine Großfamilie, die sich da zum ersten Mal trifft“, sagt Schult.

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