Der Lateinlehrer Klaus Hägele Foto: Wolfgang Albers

Latein ist eine tote Sprache? Nicht, solange man sie am Leben erhält: Klaus Hägele unterrichtet dieses Fach seit 57 Jahren – zurzeit in Endersbach.

Die Hälfte der Klasse hat sich krankgemeldet. Und so sitzt Maja – sie ist die andere Hälfte der Klasse – alleine ihrem Lehrer gegenüber. Und versucht, den Wörtern an der Tafel einen Sinn zu geben: Iudex iuvenes interrogat. Wer befragt da wen? Der Richter die jungen Männer? Oder umgekehrt? Da hilft es nur, die Formen zu analysieren, einzutauchen in die Grammatik, in Subjekt und Prädikat, in Nominativ und Akkusativ. Einzutauchen in die lateinische Sprache.

Es ist ein Montagabend, in einem Klassenzimmer des Endersbacher Schulzentrums. Und es ist eine Schlaglichtszene. Zunächst einmal von einem Bedeutungsverlust: War noch vor rund hundert Jahren Latein die Fremdsprache Nummer Eins an den Schulen, so lernen zurzeit nur noch rund sechs Prozent der Schüler Latein. Ein schwieriges Fach zudem – die vielen Pfeile der Satzanalyse an der Tafel, die Skizzen von Schlachten ähneln, verdeutlichen das. Ein Fach, das manchen Schüler schon gemäß einem Zitat Ciceros, einem Säulenheiligen der lateinischen Sprache, verzweifeln hat lassen: „Quo usque tandem patientia nostra abutere?“ – „Wie lange noch willst du unsere Geduld missbrauchen?“ Gleichzeitig aber ist diese Klassenraum-Situation eine Szene einer beharrlicher Kontinuität der sogenannten toten Sprache. Aber der Lehrer Klaus Hägele unterrichtet sie unbeirrt weiter. 1968 stand er vor seiner ersten Klasse, mittlerweile ist er 86 Jahre alt.

Schwieriger Einstieg als Lehrer

Latein, das ist für viele auf eine Kurzformel gebracht: Cäsar. Dass Gallien in drei Teile geteilt ist, ist immer noch das, was vielen vom Latein-Unterricht hängengeblieben ist. „Als Schüler hat mir Cäsar schon auch gefallen“, erzählt Klaus Hägele.

Sein Weg zum Lateinlehrer war aber gar nicht so folgerichtig – Klaus Hägele hatte auch Gefallen an Französisch. Sein weiteres Studienfach Geschichte mit dem Schwerpunkt auf der Antike gab dann den Ausschlag für die Sprache der Quellen.

Und der Einstieg als Lehrer war auch nicht so einfach. Es waren die Jahre des Jugendaufruhrs („Während meines Referendariats am Stuttgarter Karlsgymnasium war die halbe Klasse immer auf Demonstrationen“), und Klaus Hägele stand plötzlich in dem Ruf eines Revoluzzers, weil er auch Politikwissenschaft studiert hatte. Ein neues Fach – und dem Chef des Göppinger Freihof-Gymnasiums suspekt. Bei einer Tasse Tee fragte er den neuen Lehrer lange aus – dann beruhigten den Schulleiter Hägeles Bundeswehrjahre und seine Einstellung: „Ich habe die Aufruhr-Stimmung mitbekommen, bin da aber nicht eingetreten.“

Sein Berufsleben umfasste 2480 Korrekturtage

In seiner ersten Klasse saßen 43 Mädchen und Jungen. In dieser und anderen Klassen korrigierte Klaus Hägele 2268 Arbeiten. Rechnet man pro Arbeit 15 Minuten Korrektur (was flott ist), so hat er, nimmt man einen Acht-Stunden-Tag, gut 70 Tage im Jahr nur korrigiert – zusätzlich zu Unterricht, Vorbereitung, Konferenzen, Elternabenden, Fahrten, sonstigen Verpflichtungen. Und das bis ins Jahr 2003. Das sind also, wenn man die Rechnung aus dem ersten Jahr bis zu seiner Pensionierung weitertreibt, an die 2480 Korrekturtage, also gut sechseinhalb Jahre allein für diese Arbeit.

Sodass man eigentlich froh sein könnte, wenn das aufhört. Aber als das Oberschulamt Hägele, der damals am Remstal-Gymnasium unterrichtete, mitteilte, er werde pensioniert, freute der sich nicht: „Ich wollte nicht den Kontakt zu den Kollegen verlieren, vor allen nicht zu jungen Leuten.“ Seine Chance war, dass gerade im Schulzentrum das Abendgymnasium Unteres Remstal seinen Betrieb aufgenommen hatte.

Zu seinen Abschlüssen gehört das Abitur. Dafür sind zwei Fremdsprachen nötig. Neben Englisch bot das Abendgymnasium nur Französisch an. Als der Lateinlehrer Klaus Hägele im Abendgymnasium anheuerte, hatten die Schülerinnen und Schüler eine Alternative. Und die wird gut genutzt. „Manchmal haben wir eine halbe-halbe Aufteilung in der zweiten Fremdsprache“, sagt die Schulleiterin Birgit Rietgraf. Was sie auch nicht wundert: „Kleine Gruppen, ein begnadeter Pädagoge – das ist doch eine tolle Kombi.“ Es war unter anderem Hägeles Ruf, der Maja Latein hat wählen lassen: „Es hieß, er sei ein cooler Lehrer.“

Macht Lateinlernen die Menschen besser?

Dabei ist Klaus Hägele sicher nicht der Typ Kumpel-Lehrer, und er schenkt seine Noten auch nicht her: „Ich erwarte schon einen gewissen Fleiß. Man muss seine Wörter lernen, man muss seine Aufgaben machen, und zwar handschriftlich, darauf lege ich Wert, man muss regelmäßig üben – auch in seiner Freizeit.“

Aber wofür, außer den Noten? Und zudem: Wofür gerade in einem Abendgymnasium, an dem die Schüler aus der Berufswelt kommen und manchmal aus Ländern jenseits der von den Römern geprägten europäischen Kultur?

Die Frage ist nicht neu. Die Geschichte des Lateinunterrichts ist die Geschichte seiner Begründungen. Zu einem ethisch besseren Menschen mache das Lateinlernen, sagten Humanisten wie Melanchthon (das glaubte übrigens schon der römische Autor Ovid), zu einem frömmeren Menschen, sagten die Jesuiten auf ihren Gymnasien. Zu einem intelligenteren Menschen, erklärte Luther: Die lateinische Sprache sei die Scheide, in der das Schwert des Geistes stecke. Zu einem kriegstüchtigeren Menschen, hoffte man im wilhelminischen Kaiserreich: Dort ließ man vor allem die Feldherren wie Caesar oder Alexander lesen. Als der Junglehrer Klaus Hägele zu unterrichten anfing, hatten die Bildungsreformer das Fach gerade auseinandergenommen: statt alter Bildung gehe es um neue Fähigkeiten für die Zukunft. Die Lateindidaktiker hatten verstanden: Latein muss nachweisen, dass es an der Gegenwart andocken kann.

Das weite Feld der Allgemeinbildung

Und so lässt Hägele nicht nur Vokabeln lernen, sondern zeigt auch ihren Transfer in heutige Sprachen auf. Wenn die Förster ihre vom Borkenkäfer gekillten Fichtenwälder als Kalamität bezeichnen, stützen sie sich auf das lateinische Wort calamitas (Unglück). Und ein investigativer Journalismus hat seine Wortwurzel im Verb investigare (nachforschen). Weil die Schülerschaft internationaler (das Wort kommt auch aus dem Lateinischen) geworden ist, kann er auch fragen: „Wie ist das denn in Ihrer Muttersprache?“

Dann ist da noch das weite Feld der Allgemeinbildung. „Ihr habt auf eurem Computer einen Trojaner. Woher kommt denn der Begriff?“, fragt Hägele. Eine Gelegenheit, mit Homer und seinem Epos über Troja bekannt zu machen. Oder er weist auf den Limes quasi vor der Schultüre: „Dass wir hier ein Weltkulturerbe haben, wissen die wenigsten.“ Das Ziel des Abendgymnasiums sei schon: „Nicht nur einen Abschluss zu ermöglichen, sondern auch Bildung mitzugeben.“

Die 20-jährige Maja, die später sich Richtung Medien oder Film orientieren möchte, profitiert, sagt sie: „Man kann sich etwas herleiten, es ergibt dann einen Sinn – das ist spannend. Ich würde definitiv sagen: Es macht Spaß, das zu lernen.“ Und auf einem Werbeplakat hat eine Schülergruppe Klaus Hägele als Anführer in „unendliche Weiten, grenzenloses Wissen“ herausgestellt.

Die Herausforderung reizt seine Schüler

Dabei sind auch Schülerinnen aus seiner Lateinklasse, die jetzt das Abitur macht. Dort war auch die Modedesignerin Janina Weber, die schon einen Französisch-Abschluss hatte. „Ich bin aus Interesse gekommen, hatte Lust darauf – und es war die richtige Entscheidung“, sagt sie. Die Herausforderung hatte auch Anna Bauknecht zum freiwilligen Zusatzunterricht gereizt: „Man hört, Latein ist schwierig – das hat mich neugierig gemacht. Es ist mal etwas anderes – es hat was von puzzeln.“

Beide Frauen sind noch jung. Längst einen Abiturienten-Sohn hat die Zahnarzthelferin Susanne Sarantis, die ihren späten Weg zum Abitur nur mit Latein machen wollte – und ganz glücklich mit Klaus Hägele war: „Ich habe nie einen Lehrer gehabt, der ein so breit gefächertes Wissen hat.“ Das hat auch Sandra Fritz begeistert: „Die ganzen Geschichten aus dieser Zeit.“ Sagt auch Sara Ahmadi: „Gerade wegen dem Kulturellen war ich immer gerne im Unterricht.“

Wie lange noch?

Was wiederum Klaus Hägele motiviert. „Man zehrt dann von Gruppen, in denen es läuft. Und wo die Dankbarkeit überwiegt, dass da jemand in dieser Welt lebt und ihnen diese Welt öffnen will.“

Quo usque – wie lange noch? Cicero hat das damals Catilina gefragt, einen Putschisten wider die Republik. Und wollte ihn zum Verschwinden animieren. Am Abendgymnasium denkt man genau andersherum. „Das ist ein tolles Angebot für die Schüler – nur so können wir ihnen eine Wahl anbieten“, sagt Birgit Rietgraf. „Ich hoffe, weil wir keinen anderen Lateinlehrer haben, dass Klaus Hägele das weiter anbietet.“ Der ist noch fit genug, sich um seine 20 Obstbäume zu kümmern, und nicht abgeneigt. „Ich habe den Eindruck: Weil diese Arbeit mich fordert, bin ich wacher geblieben. Also bleibe ich dabei, solange ich kann.“