Die Landwirtschaft im Kreis wird bestimmt vom Ackerbau, doch es gibt noch viel mehr wissenswertes über eine der entscheidenden Branchen der Region. Foto: dpa/Philipp Schulze

Die Landwirte sind so unzufrieden wie lange nicht, der Protest reißt nicht ab. Doch um was kämpfen die Bauern in der Region überhaupt? Fünf überraschende Erkenntnisse über die Landwirtschaft im Kreis Ludwigsburg.

Die Landwirte im Kreis Ludwigsburg haben in den vergangenen Wochen mit ihren Protesten für Schlagzeilen gesorgt. Sie sind so unzufrieden wie lange nicht. Grund genug, den Blick von den aktuellen Ereignissen auf die Hintergründe zu lenken. Was macht die Landwirtschaft im Kreis Ludwigsburg aus? Wie hat sie sich verändert und wie blicken die Bauern auf das Verhältnis zur Bevölkerung? Fünf überraschende Erkenntnisse über die Landwirtschaft im Kreis.

1. Landwirtschaft hat im Kreis drei einmalige Vorteile

Es gibt wohl wenige Orte in Deutschland, an denen sich besser Landwirtschaft betreiben lässt als zwischen Enz und Neckar. Das liegt zum einen an den Böden. Die Ebenen des Kreises seien in der Eiszeit entstanden, wertvoller Löss sei angeweht worden und habe der Region „sehr fruchtbare Ackerböden“ geschenkt, erklärt Luise Pachaly, Fachbereichsleiterin Landwirtschaft im Landratsamt.

Der Boden des Kreises Ludwigsburg gehöre mit dem der Fildern zu den fruchtbarsten in Deutschland, sagt auch Florian Petschl, Landwirt aus Marbach und Vize-Vorsitzender des Bauernverbandes Heilbronn-Ludwigsburg. „Zudem speichern unsere Böden viel Wasser, durch die Trockenheit der vergangenen Jahre sind wir immer mit einem blauen Auge gekommen.“

Florian Petschl. Foto: privat

Zweitens ist das milde Neckar-Klima ein großer Vorteil. Es gibt vergleichsweise wenig Frost, weniger Schnee, die Temperaturen sind „fast schon mediterran“, sagt Petschl. Die Landwirte können vergleichsweise früh ihre Äcker bestellen und außergewöhnliche Kulturen anbauen. Bereits die Römer bemerkten das und bauten am Neckar Wein an. Aber auch Erdbeeren, Zitrusfrüchte und Soja lassen sich mittlerweile im Landkreis kultivieren. „Ein Kollege baut sogar Kichererbsen an und macht seinen eigenen Hummus“, sagt Petschl.

Der dritte Vorteil ist die hohe Bevölkerungsdichte im Kreis. „In 30 Kilometern Umkreis haben wir eine halbe Million Verbraucher“, sagt Demeter-Landwirt Hauke Bühler aus Murr. Die Menschen der Region sind zudem wohlhabend, haben also die finanziellen Mittel, um regionale Produkte zu kaufen. Auch Pachaly sagt, dass die Direktvermarktung der Betriebe im Kreis gut funktioniere.

2. Es wird immer enger

Der Segen der vielen Verbraucher vor der Haustür ist zugleich der Fluch der Landwirtschaft im Kreis. Schon vor Tausenden Jahren ließen sich Menschen dort nieder, wo Ackerbau möglich war. Die fruchtbaren Böden sind also einer der Hauptgründe, warum die Region schon früh dicht besiedelt war.

„Heute sind wir Teil einer Metropolregion mit viel Industrie, Gewerbe, vielen Arbeitsplätzen und viel Wohnraum – ein enormer Flächenverbrauch“, sagt Luise Pachaly. Anders als in Oberschwaben oder im Hohenlohekreis sei der Druck auf die Fläche eines der Grundprobleme der Landwirtschaft im Kreis Ludwigsburg.

Luise Pachaly. Foto: Landratsamt Ludwigsburg

Laut Statistischem Landesamt sind zwischen 2015 und 2022 im Kreis 586 Hektar landwirtschaftliche Fläche verloren gegangen – vor allem durch Wohnbebauung und Gewerbe. Dieser Flächenverlust hat zur Folge, dass Betriebe Schwierigkeiten haben sich zu erweitern, neue Ideen oder Geschäftsfelder aufzubauen. Wachstum in der Fläche ist nur möglich, wenn ein anderer Betrieb aufgibt und dessen Flächen frei werden.

Zweitens steigt durch den Flächenschwund der Druck auf die Bauern, aus den verbleibenden Äckern mehr Ertrag herauszubekommen. Dafür greifen diese häufig auf Sonderkulturen wie Erdbeeren oder Spargel zurück. Die sind zwar arbeitsintensiv, bringen in Relation zur geringen Anbaufläche aber gute Einnahmen.

„Mir kommt das Thema zu kurz“, sagt Öko-Landwirt Hauke Bühler. „Ich würde mir wünschen, dass wir mehr darüber sprechen, dass es nicht okay ist, große Lagerhallen auf fruchtbarsten Böden zu bauen.“

3. Bauernhofromantik war gestern

Florian Petschl und Hauke Bühler lieben ihren Beruf, den Umgang mit Tieren, Lebensmittel herzustellen und die Kulturlandschaft zu bewahren. Mit klischeehafter Bauernhofromantik habe ihr Beruf aber wenig zu tun, sagen beide. Der Stall für seine 1600 Mastschweine sei komplett computergesteuert, berichtet beispielsweise Petschl.

Das System meldet, wenn Futtertröge leer sind, mischt das Futter je nach Alter der Tiere zusammen und füllt die Tröge automatisch auf. Auch seine Hühnereier werden mit automatisierten Bändern aus dem Stall befördert und eine App zeigt ihm, wo es auf den Äckern wie viel Pflanzenschutz braucht. „Die körperliche Arbeit wird zwar weniger – der Anspruch an das technische Know-how dafür immer größer“, sagt Florian Petschl.

Zudem muss sich ein moderner Landwirt immer mehr als Unternehmer verstehen, die Vermarktung nimmt eine immer wichtigere Rolle ein – „das bestimmt heutzutage über die Existenz“, sagt Hauke Bühler.

Während die Elterngeneration Bühlers und Petschls vor allem an der Produktion gefeilt und diese immer weiter optimiert haben, „muss diese heutzutage wie selbstverständlich effizient laufen“, so Bühler. Die Herausforderung der modernen Landwirtschaft sei es, immer neue, lukrative Kulturen, wirtschaftliche Nischen und vielfältige Vertriebsschienen zu finden, fasst Luise Pachaly zusammen.

4. Konfliktpotenzial zwischen Stadt auf Land

Eine Herausforderung sprechen alle drei, Bühler, Petschl und Pachaly, an: das sinkende Verständnis für die Bauern. Zwar bestehe in den Dörfern des Kreises noch eine Beziehung zur Landwirtschaft, „in den Städten ist sie aber kaum präsent, dort wissen viele nicht, wie Landwirtschaft funktioniert und Lebensmittel entstehen“, sagt Pachaly.

Diese Entfremdung sei der Grund für viele Vorurteile und Konflikte. Das führt laut Bühler so weit, dass es im Kreis immer wieder zu Konflikten auf Feldwegen kommt. Jogger und Hundebesitzer geraten mit Landwirten aneinander, das Verständnis für einander fehlt

Foto: Gemeinde Murr

Florian Petschl sieht dabei auch die Landwirte in der Verantwortung. Der gesellschaftliche Wandel, steigender Individualismus und die Urbanisierung im Kreis führe zu immer mehr Unwissenheit, und diese führe wiederum zu Skepsis. „Das muss man verstehen und es ist auch an uns, das zu ändern.“ Deswegen öffnen Petschl und Bühler ihre Höfe immer wieder für das Projekt „Gläserne Produktion“, haben Kita-Gruppen oder Schulkassen zu Besuch.

Und so schlimm sei der Graben zwischen Kreis-Bevölkerung und Landwirten gar nicht, sagen die zwei jungen Landwirte. „Wir fühlen uns zwar häufig an den Pranger gestellt, wir haben aber immer noch ein hohes Ansehen in der Bevölkerung“, sagt Florian Petschl. Und Hauke Bühler ergänzt: „Obwohl der Bezug zur Landwirtschaft nicht mehr so groß ist, erlebe ich mehr Wertschätzung als Ablehnung.“

5. Landwirtschaft prägt den Kreis – mehr als in anderen Kreisen

Die Landwirtschaft muss um Fläche im Kreis kämpfen, hat aber immer noch sehr viel davon. Trotz der vielen Städte machen landwirtschaftliche Flächen 54 Prozent der Gesamtfläche des Kreises aus.

Ähnlich wie im mehr ländlich geprägten Kreis Heilbronn (55 Prozent), und mehr als im Rems-Murr-Kreis (42) und im Kreis Böblingen (41). Seit Jahrzehnten bestimmt der Ackerbau die Landwirtschaft im Kreis, laut Statistischem Landesamt macht der Dreiviertel der landwirtschaftlichen Fläche aus.

Auf den rund 24 000 Hektar werden vor allem Getreide, Zuckerrüben und Grünlandmais angebaut. Das Geschäft mit Nutztieren nimmt im Landkreis derweil stetig ab. Stand 2020 gab es nur noch fünf reine Viehbetriebe im Kreis – zehn Jahre zuvor waren es noch 19. Auch die Zahl der Betriebe, die Ackerbau und Viehhaltung verbinden, sank um 28 Prozent.

Vieh bedeute Unsicherheit, wegen wechselnder Vorgaben und schwankenden Preisen, sagt Petschl. Dieser Rückgang finde zwar in ganz Deutschland statt, im Südwesten und vor allem im Kreis Ludwigsburg sei er aber besonders eindrücklich, sagt Petschl. „Weil es hier einfacher ist, das Geschäft aufzugeben und einen Nebenjob zu finden.“

Grundsätzlich gibt es immer weniger landwirtschaftliche Betriebe im Landkreis, seit der Jahrtausendwende ist deren Anzahl von 1800 auf rund 1100 zurückgegangen. Ein Rückgang von fast 40 Prozent, der jedoch mit Vorsicht zu genießen ist, da das Statistische Landesamt die Erfassungskriterien verändert hat.

Was feststeht: Die Betriebe, die bleiben, werden immer größer. Die durchschnittliche Betriebsgröße im Kreis ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten von 18 auf fast 29 Hektar angestiegen.