Die Plochinger Band Us and Them bot vor der Steingießerei musikalische Unterhaltung. Foto:  

Die Lange Kunstnacht im Kulturpark Dettinger ist zur Marke geworden. Kunstinteressierte und Festleshocker geben sich in den Ateliers ein Stelldichein.

Eine besondere Stimmung lag am Samstagabend über dem Kulturpark Dettinger. Die Stadt Plochingen und der Landkreis Esslingen hatten zum achten Mal in die traditionsreiche Kulturstätte zur Langen Kulturnacht eingeladen, bei der sich Neugierige, Kunstliebhaber und Kreativschaffende begegnen – zum Austausch, zum Staunen und zum gemeinsamen Erleben.

Der Plochinger Bürgermeister Frank Buß blickte in seiner Begrüßungsrede in die Zukunft, indem er gestand, sich schon aufs zehnjährige Bestehen dieser besonderen Veranstaltung an einem außergewöhnlichen Ort für Kunstschaffende zu freuen. Die Plochinger Bürger und die Kreativszene aus der Region haben einmal im Jahr Gelegenheit, sich von zeitgenössischer Kunst in den offenen Ateliers im direkten Austausch mit den Stipendiaten des Landkreises und den fünf etablierten Künstlern der Ateliergemeinschaft ein eigenes Bild zu machen.

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Die Lange Kunstnacht ist mehr als eine eindrucksvolle Präsentation von Bildern, Skulpturen und Installationen. Sie ist eine Entdeckungstour durch Kreativräume in historischem Ambiente, gelebte Nachbarschaft, ein Motor für Identität und Austausch und reizvoll für Kunstinteressierte aus der ganzen Umgebung. Die Traditionsveranstaltung ist ein Symbol für das Engagement von Stadt und Landkreis für Kunst und Kultur.

Von kulturidentitätsstiftend sprach Landrat Marcel Musolf, für den die Lange Kunstnacht Premiere war. Er zitierte Jean Paul mit den Worten: „Kunst ist zwar nicht das Brot, aber der Wein des Lebens.“ In diesem Sinne genossen die zahlreichen Gäste bei bestem Wetter das schöne Ambiente vor der Steingießerei und ließen sich von der Plochinger Band Us and Them unterhalten, ehe es auf Kunst-Tour durch den Schauraum, die Ateliers und die Steingießerei ging.

Kunst zum Schaukeln

Dort zeigten die Atelierstipendiaten ihre jeweilige künstlerische Entwicklung seit 2023. Kunstexperte Tobias Wall führte in das Schaffen der fünf Stipendiatinnen und Stipendiaten und das „Zusammenspielen sehr unterschiedlicher künstlerischer Positionen“ ein. Lieblingsobjekt vieler Besucher war die Schaukel aus Beton und Ketten des Bildhauers Lennart Cleemann, die man benutzen durfte.

Das Künstlerduo Domenik Gebhardt und Kevin Kolland beschäftigt sich mit Fotografie und Malerei und zeigte eine dreidimensionale Raumzeichnung. Überbordend und mitreißend präsentierte sich die Malerei des ukrainischen Künstlers Ivan Zuzulya, feingliedrig die Raumarbeit zum Thema „Tiefbunker“ von Anna Lehrer mit Schwerpunkt Fotografie und Installation.

Historische Lieder und Wunderkammeratmosphäre

Im Atelier der Stahlbildhauerin Manuela Tirler gab es nicht nur tonnenschwere Exponate, sondern auch ein Konzert des Duos Freyklang mit historischen Liedern. Magisch angezogen wurden die Gäste von den leuchtenden und stimmungsaufhellenden Raumarbeiten der Textilkünstlerin Verena Könekamp. Das weiße Atelier des Zeichners Ibrahim Kocaoglu stand im Gegensatz zur Wunderkammeratmosphäre der beiden Räume des Malers und Bildhauers Wolfgang Thiel: Figuren, Entwürfe, Zeichnungen, Farben, Stifte, Töpfe, Tiegel und ein Staubwedel faszinierten die Schaulustigen.

Auch das menschliche Miteinander zählt

Krankheitsbedingt konnte der Maler Werner Fohrer nicht persönlich anwesend sein. Sein Freund und Ateliernachbar Ibrahim Kocaoglu öffnete dennoch den Raum, so dass Besucher, darunter auch Sammler, Zutritt hatten. Auf der Staffelei stand ein Bild, das Fohrer im September begonnen hatte. Eine freundschaftliche Geste, die den Geist sichtbar werden ließ in diesem denkmalgeschützten Kleinod, in dem nicht nur hochprofessionell gearbeitet wird, sondern auch das menschliche Miteinander zählt.

Unterstrichen wurde diese gewachsene Verbundenheit im Schauraum, dem gemeinsamen Projektraum der fünf freiberuflichen Kunstschaffenden. Im Rahmen einer Führung durch die Gemeinschaftspräsentation „Show 3 Take 5“ las Wolfgang Thiel einen kurzen Text zu den Bildern, den Künstlerkollege Fohrer aus dem Krankenhaus geschickt hatte. Im Pferdestall der Initiative Mahlwerk konnte man zuschauen, wie Malen geht: Der Kunstkurs von Anu Paflitschek schwang unter Anleitung der langjährigen Vereinsvorsitzenden den Pinsel.

Vom Mühlsteinwerk zur Kunst

Transformation I
 Vor 33 Jahren kaufte die Stadt Plochingen das Anwesen der einstigen Mühlsteinfabrik Dettinger und machte daraus einen Kulturpark mit Ateliers für Kunstschaffende. Im Pferdestall ist die Initiative Mahlwerk untergebracht, in der Steingießerei finden Veranstaltungen statt, im Musikpavillon absolvieren musiktreibende Vereine Proben und Auftritte. Der Landkreis fördert junge Kunstschaffende mit einem dreijährigen Stipendium in vier Ateliers.

Transformation II
  Anna Lehrer, Lennart Cleemann und Ivan Zozulya stellen gemeinsam bis 6. Juli in der Städtischen Galerie Geislingen unter dem Titel „Uferriss“ aus. Unter Uferriss versteht man den Spalt zwischen Ufereis und frei treibendem Eis auf Wasser als Moment der Transformation.