Joseph Kosuth war ein Pionier der Konzeptkunst. Was ist das überhaupt und braucht es das Publikum, wenn die ausgestellten Werke gar nicht die Kunst sind?
Die Deutschen mal wieder! Warum einfach, wenn es kompliziert geht? Oder gehen sie nur besonders differenziert mit der Sprache um? Sicher ist: Schaut man in ein Wörterbuch, staunt man, wie viele Bedeutungen manches deutsche Wort haben kann – im Gegensatz zum Hawaiianischen. Auch im Russischen benötigt man nur halb soviel Platz, um die Bedeutungen von „meinen“ auszuführen, während es im Deutschen sehr vieles meinen kann.
Man kann schon ins Grübeln kommen, wenn man nun im Kunstmuseum Stuttgart den deutschen Lexikoneintrag zu „meinen“ mit den beiden anderen Sprachen vergleicht. Joseph Kosuth hat sie 1968 aus Wörterbüchern heraus fotografiert, vergrößert und nebeneinander an die Wand gehängt, um die Kunstwelt mit der Frage zu konfrontieren: Was ist Kunst? Und man kann sicher sein, dass Kosuths Werke, die nun im Kunstmuseum Stuttgart gezeigt werden, auch heute, mehr als fünfzig Jahre später, noch Irritationen auslösen werden. Denn die Frage, was sie bedeuten, kann man sich sparen. Sie wollen vielmehr die Bedeutung von Bedeutung zur Diskussion stellen.
Unter dem Schlagwort Konzeptkunst hat Joseph Kosuth ein Kapitel Kunstgeschichte mitgeschrieben – und so war es für das Kunstmuseum Stuttgart selbstverständlich, nun die Jubiläumsausstellung zum achtzigsten Geburtstag des Amerikaners auszurichten, schließlich war Kosuth der Region von jeher verbunden. Seine erste Ausstellung in Deutschland hatte er 1973 in der Kunsthalle Tübingen. 1981 zeigte die Staatsgalerie eine große Gesamtschau, und in den 1990er Jahren war er Professor an der Stuttgarter Kunstakademie.
Vor allem besitzt das Kunstmuseum Werke aus seinen zentralen Serien – und leuchtet im Kunstmuseum nun seine prägnanteste Arbeit, bei der er „NEON“ mit weißen Neonbuchstaben geschrieben hat. Neon ist also Inhalt, Form und Material zugleich – und mit dieser Selbstreferenzialität macht Kosuth bewusst, dass Bedeutung auf vielerlei Weise entsteht: durch den Gegenstand selbst, durch das Wort, das ihn bezeichnet, aber auch durch dessen vereinbarte Definition. Ein Tisch ist ein Tisch, weil er als solcher bezeichnet wird – und ein Aktenschrank ist entsprechend ein Aktenschrank. Im Kunstmuseum steht ein altmodischer Rollladenschrank. An ihm kann man diesen Dreierschlag nachvollziehen: Neben dem realen Schrank hängt ein Foto eben dieses Schranks und der passende Lexikoneintrag.
„Harmlose und sinnlose Handlungen gewähren Einblicke ins Seelenleben“ kann man auf einem vergrößerten Text lesen, über den sich Neonröhren ziehen. Immer wieder hat Kosuth auch Zitate von Dichtern und Denken in seinen Werken verarbeitet, ohne aber zu verraten, woher sie stammen. Es sind ohnehin meist nur Fragmente, wie auch der Ausstellungstitel „Non autem memoria“, der von einem lateinischen Sprichwort abgeleitet wurde, dass die Zeit vergeht, die Erinnerung nicht.
Kosuth hat sich nie darum geschert, ob sich bei den Rezipienten tatsächlich „Denkräume“ öffnen, wie er behauptete – schließlich genügt diese Konzeptkunst sich letztlich selbst, eben weil das Objekt nur ein nachrangiges Vehikel und das Konzept die Theorie dahinter ist. Umso ungewöhnlicher ist eine Arbeit im Kunstmuseum, die das Publikum direkt einbeziehen will: Die Installation „The Eighth Investigation, Proposition 12“ von 1972 besteht aus sechs Tischen, Stühlen und Wanduhren, die unterschiedliche Zeiten anzeigen. Die Besucher können Platz nehmen und in Ordnern blättern, um über verschiedene Texte zu sinnieren – etwa zur Liebe: „Liebe ist kein Gefühl. Liebe wird erprobt, Schmerzen nicht.“
Die Ausstellung selbst wird Kosuth vermutlich nicht besuchen können, der Achtzigjährige ist nicht mehr allzu mobil. Trotzdem hat er die Direktorin Ulrike Groos bis zuletzt auf Trab gehalten, weil er immer noch Dies und Jenes im Ausstellungsraum geändert haben wollte. Auch einige der Neonarbeiten sind erst kurz vor knapp eingetroffen. Denn Teile der Leuchtobjekte, die inzwischen mehr als fünfzig Jahre alt sind, mussten neu produziert werden. Kein leichtes Unterfangen, seitdem Neon als Technologie ausgedient hat. In der Nähe von Venedig, wo Kosuth seit einigen Jahren lebt, gibt es immerhin noch einen letzten Betrieb, der die Leuchtschriften für den Künstler produzieren kann.
„Kunst ist nicht das, was wir sehen, sondern die Bedeutung, die wir ihr geben“ – so lautet der Kern der Konzeptkunst von Joseph Kosuth. Für ihn selbst steht außer Zweifel, dass die Art und Weise, wie er in seinem Werk die Frage diskutiert, was Kunst ist, als Kunst definiert. Das Publikum mag da mitunter zu einem anderen Schluss kommen. Eine Arbeit wird dagegen sicher alle überzeugen, weil sich ihre Idee leicht ablesen lässt: So hat er in fünf verschiedenen Farben fünf Wörter in Neon geschrieben: „Five Words And Five Colors“.
Kunst, die fragt, was Kunst ist
Person
Joseph Kosuth wurde 1945 in Ohio geboren und ging 1965 nach New York, um an der School of Visual Arts zu studieren. Die Malerei gab er aber schnell wieder auf, da er nicht Kunst produzieren, sondern hinterfragen wollte.
Ausstellung
bis 12. April, geöffnet Di bis So 10–18 Uhr, Fr 10–21 Uhr. adr