Was hat eine kleine Gemeinde im Speckgürtel von Stuttgart kulturell zu bieten? Eine Menge, wie die Hemminger beweisen.
Einen Ort entdecken, den man zu kennen glaubt. Ist das möglich in einer rund 8200 Einwohner zählenden Gemeinde? Man kennt den Ort vom Einkaufen, vom Spazierengehen, von der Durchfahrt, vom Leben im Alltag – lassen sich diesem unbekannte, neue Ansichten entlocken? Dem Team von Distelart stellen sich diese Fragen nicht, und wenn beantwortet die Gruppe diese selbstverständlich mit einem klaren Ja. Der Erfolg der vergangenen Hemminger Kulturnächte gibt ihnen Recht. Am kommenden Samstag ist es wieder soweit, zum siebten Mal. Zwischen 17 Uhr und kurz vor Mitternacht ist ein ganzer Ort auf den Beinen. Jugendhaus Astergarten, Bürgertreff, Bauhof und Kirchengemeinden, sind ebenso beteiligt, wie kleine und große Unternehmen, Organisationen, Vereine.
Anfang des Jahres geht es bereits los mit den ersten Überlegungen. Wer kann wann etwas machen, wer will etwas machen, welche Räume sind dafür geeignet? Was nach einer diffizilen Organisation anmutet – und im Hintergrund mitunter auch viele Gespräche erfordert – wirkt am Veranstaltungstag selbst leicht, heiter und beschwingt gleichermaßen. Möglich macht das Organisationsteam von Distelart, das wiederum sich darauf konzentriert, allen Beteiligten einen ansprechenden Rahmen zu schaffen, ohne die DInge unötig zu verkomplizieren. „Wir versuchen die Organisation sehr knapp und effizient zu machen“, sagt Christina Henselmann dann auch, Franziska Götzt bekräftigt sie darin. Vieles läuft inzwischen auch digital, ist moderner geworden. Elf Frauen gehören dem Organisationsteam an – ein dezenter Hinweis darauf, wie alles begann.
Wie alles begann
Im Jahr 1991 hatten sich Hemminger Frauen aus verschiedenen Vereinen, Kirchen Parteien und der Bibliothek getroffen mit dem Ziel, hundertjährigen Jubiläum der Gemeinde einen Beitrag zu leisten. Weil dies erfolgreich gelang, wuchs daraus die Idee, das Gemeindeleben auch im Folgejahr durch Veranstaltungen zu bereichern. Daraus entstand eine eigenständige Gruppe, die knapp zwei Jahrzehnte lang jährliche Frauenwochen mit diversen Angeboten organisierten. 2018 wurde die Frauenwoche zu Distelart, um neue Impulse aufzunehmen. Inspiriert war der Name von der Vielfältigkeit der Distelarten, die sich von der edlen, seltenen und unter Naturschutz stehenden Silberdistel, über die Artischocke und der heilenden Mariendistel bis hin zur gemeinen, unverwüstlichen Wegdistel erstreckt. Diese Vielfältigkeit auch in Form und Farbe sollte sich fortan im Veranstaltungsprogramm zeigen. Heute gehöre die alle zwei Jahre stattfindende Kulturnacht – neben dem im Wechsel stattfindenden – zu den „Highlights im Ort“, sagt Bürgermeister Thomas Schäfer. Er ist der Schirmherr der Veranstaltung. Die Gemeinde unterstützt das Kunst- und Kulturfest auch mit einem jährlichen Zuschuss von tausend Euro, aber mindestens ebenso wichtig ist deren Wertschätzung für Organisatoren und Beteiligte. Anlässlich des Rathausjubiläums – seit 40 Jahren ist das Schloss Amtssitz des Bürgermeisters – schenkt Distelart der Gemeinde bei der diesjährigen Kulturnacht die Illumination des Gebäudes.
Eigentlich war eine kleine, feine Veranstaltung geplant, so jedenfalls lautete die Überlegung der Veranstalter einst vor der Premiere. „Wir waren kurz erschlagen, dass sie gleich beim ersten Mai so groß geworden war“, sagt Dorothe Vorndran. Der ganze Ort war eingebunden – oder besser: wollte eingebunden sein. Schließlich ist die Teilnahme freiwillig, jeder Verantwortliche eines Veranstaltungsortes füllt den Raum mit der selbst organisierten Kultur. Nur wenn Bedarf besteht, vermittelt das Organisationsteam, bringt Kunst und Raum zusammen. Gleichwohl wird auch darauf geachtet, dass nicht immer dasselbe Angebot im selben Raum gemacht wird. „Jede Location hat eine andere Atmospähre“, sagen die Frauen und wollen dies auch nutzen. Schließlich ist es Ziel der Veranstaltung, die Reichhaltigkeit des Ortes zu zeigen. Und wie gelingt das besser, als wenn dafür gewohnte Sichtweisen verändert werden? Also spielt das Strohgäu Sinfonieorchester im Sitz des Unternehmens Naturenergie Glemstal, im Autohaus ist unter anderem eine Bilderausstellung zu sehen, in der Grundschule wird „Kreatives fürs Kids und Erwachsene“ angeboten.
„Geht nicht, gibt’s nicht“ laute das Motto der Organisatorinnen, macht Ursula Tronich deutlich. Der Erfolg hat ihnen bisher immer wieder Recht gegeben. „Der Abend klingt ziemlich lange nach“, sagt Vorndran – was aber auch für das Gemeinschaftsgefühl und die Offenheitsteht, das an diesem Abend Organisatoren wie Bürgern vermittelt wird. „Alleine geht’s nicht“, sagt Bürgermeister Schäfer. Gemeinsam sei man stark Schäfer freut’s, dass die Veranstaltung auch Besucher von auswärts anzieht, dass Hemmingen einmal nicht nur wahrgenommen werde ob seines Durchgangsverkehrs.
Den Kirchenglocken nicht mehr im Weg
Das niederschwellige Angebot lockt die Menschen offenbar aus ihren Wohnungen. Immer wieder werde ihnen zugetragen, dass man Menschen begegne, die man schon lange nicht mehr gesehen habe, erzählen die Organisatorinnen. Das trägt offenbar auch die Verantwortlichen der einzelnen Stationen, in diesem Jahr sind es 22, die von einem Shuttlebus angefahren werden. Als sie nach Corona leise anfragten, ob sie wieder dabei seien, waren durch das eindrückliche Ja früherer Beteiligter schnell alle Zweifel beseitigt. Inzwischen beginnt die Veranstaltung ob der Vielfältigkeit bereits eine Stunde eher, um 17 Uhr. Zugleich wird damit aber auch vermieden, dass die Eröffnung auf dem Alten Schulplatz im Klang der Kirchenglocken untergeht.
Mehr zur Kulturnacht Das Programm ist zu finden auf der Seite www.distelart.de. Die Karte kostet zehn Euro, bei allen Stationen und im Shuttlebus erhältlich