Neues Haus im Hölderlinhaus (links): ein Modell der vom Bewertungsgremium zur Ausführung empfohlenen Lösung. Foto: oh - oh

Eine Bewertungskommission empfiehlt die Entkernung des Nürtinger Hölderlinhauses. Fast nur noch die originalen Fassaden bleiben erhalten.

NürtingenGeht es nach dem Willen der Bewertungskommission, sind die Würfel gefallen: Die Modernisierung des Nürtinger Hölderlinhauses soll von der Arbeitsgemeinschaft Aldinger Architekten und Peter+Lochner Ingenieure ausgeführt werden. Der Entwurf der Stuttgarter Planer wurde von dem Bewertungsgremium, das sich im wesentlichen aus Mitgliedern der Stadtverwaltung, des Gestaltungsbeirats, des Gemeinderats und nicht stimmberechtigten Experten zusammensetzt, dem Gemeinderat zur Ausführung empfohlen.

Das Architekturbüro Aldinger präsentiert in seinem Entwurf eine sogenannte Haus-in-Haus-Lösung, bei der die Fassade erhalten und das Gebäudeinnere neu errichtet werden soll. Mit anderen Worten: Hinter der zu sanierenden Außenhülle soll im Nürtinger Dichterhaus im Gebäudeinneren ein Abriss großer Teile der bestehenden Bausubstanz stattfinden. Auf der Homepage des Architektur-Büros wird diese robuste Lösung so kommuniziert: Man wolle „dem ursprünglich barocken Gebäude ein neues Inneres aus einer zeitgenössischen Holzverbundkonstruktion“ geben. „Die neue, präzise, ökonomische und ökologische Struktur orientiert sich an dem Raumgefüge des Barock und schlägt so die Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“

Klare Orientierungspunkte

In der Aufgabenstellung ebenso wie in der Ende des vergangenen Jahres verabschiedeten Stadtbildsatzung, die ausdrücklich auch für das Hölderlinhaus-Projekt gelten soll, sind klare Orientierungspunkte für die Einbindung des stadtbildprägenden Dichterhauses in das Raumgefüge der Altstadt festgelegt. So ist dort ausdrücklich das Bekenntnis zur „Erhaltung des überlieferten Stadtbildes und des baukulturellen Erbes“ formuliert. Die Vorgaben der Satzung betreffen sowohl die Kubatur, also das Verhältnis der Baumasse, als auch Dachform und -höhe und nicht zuletzt Materialität und Farbwahl. Auch in der Aufgabenstellung findet sich die Maßgabe, dass es die Bausubstanz aus der Hölderlin-Zeit „möglichst weitgehend“ zu bewahren gelte.

Sowohl der zweitplatzierte Entwurf des Nürtinger Architekturbüros Weinbrenner/Single/Arabzadeh als auch der drittplatzierte der Stuttgarter Architektengemeinschaft Michel+Wolf versuchen dem auf unterschiedliche Weise Rechnung zu tragen. Um das geforderte Raumprogramm einhalten zu können, sehen ihre Entwürfe – wie in der Aufgabenstellung ausdrücklich als Möglichkeit vorgesehen – Anbauten vor.

Die Stadt befürwortete von Anfang an die Aufstockungspläne mit dem Hinweis, dass das Hölderlinhaus nicht auf der Denkmalliste des Landes steht. Der Nürtinger Hölderlinverein und Bauhistoriker argumentieren, dass es sich bei dem Gebäude sehr wohl um ein Kulturdenkmal im Sinne des Gesetzes handle, das entsprechend geschützt gehöre.

Nicht nur der inzwischen verstorbene Bauhistoriker Johannes Gromer, der 2009 im Auftrag der Stadt ein Gutachten über das Hölderlinhaus erstellt hatte, äußerte seine Verwunderung über den Umstand, dass das Haus bei der Listen-Inventarisierung offenkundig durch die Maschen gefallen ist. Auch in einem Artikel der „Nürtinger Zeitung“ fragte man sich bei der Wiederaufnahme des Projekts vor zwei Jahren, „warum das Haus nicht unter Denkmalschutz steht, während es die Plaketten, die auf die Bedeutung des Hauses hinweisen, sehr wohl tun.“ Zumal eine von ihnen die, wie man längst weiß, falsche Information enthält, wonach das originale Hölderlinhaus nicht mehr existiere.

Das Votum des Bewertungsgremiums ist nicht bindend für den Nürtinger Gemeinderat, der hier das letzte Wort hat. Doch das Fenster für eine der wohl auf lange Sicht weitreichendsten baupolitischen Entscheidungen in Nürtingen schließt sich langsam. Noch in diesem Sommer, in dem sich der Todestag des weltbekannten Dichters zum 175. Mal jährt, sollen die Räte die endgültige Entscheidung über die Zukunft des Hölderlinhauses fällen.

Die drei erstplatzierten Entwürfe sind noch bis diesen Freitag im Foyer des Nürtinger Rathauses ausgestellt.

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